Barre op Andalusientuur

Oktober 18, 2017 at 2:49 pm (Uncategorized)

 

Die Reiselust steckt uns wie immer in den Knochen, und Pläne schwirren seit Langem in unseren Köpfen. Eine dritte Asienreise lockt, die Erinnerung an Lappland und Irland verlangt eine Fortsetzung, und andere Ziele siedeln sich in der Phantasie an, wenn wir von Erlebnissen und Reisen Anderer berichtet bekommen.

Aber es gibt einen langjährigen unerfüllten Wunsch, der uns in den Süden Europas zieht: Andalusien, die größte spanische Provinz, deren wechselvolle Geschichte, deren Kultur und deren sonnige Lage an der südlichen Mittelmeerküste schon immer einen unausweichlichen Anziehungspunkt bilden. Auch die Reisezeit September/Oktober scheint uns für dieses Ziel optimal zu sein. Die Beste aller Ehefrauen (dBaE) ist nach monatelangem Kampf am PC absolut urlaubsreif, und als Rentner bin ich ohnehin ständig abreisefertig. Unser MiniWoMo hat sich auf der Irlandreise so bewährt, und unser Zeitkonto ist so üppig, dass wir unsere ökologischen Ansprüche schamvoll beiseite lassend dieselnderweise unterwegs sein werden.

Zeitlicher Anlass unserer Abreise ist die natürlich sehr aufregende Einschulungsfeier unseres Berliner Enkels Yubin am 9. September in der alten Trelleborgschule in Pankow. Schon am Samstagnachmittag fahren wir weiter nach Weimar und kommen einer langjährigen Einladung von unsrer Cousine Elke und ihrer Familie nach, wo wir herzlich aufgenommen und in jeder Hinsicht verwöhnt werden. Am Sonntagmorgen ist das Wetter entgegen der Ansage sonnig und begünstigt unseren Stadtbummel, auf dem wir von Elke und Jörg fachkundig die wichtigsten Kulturdenkmäler gezeigt bekommen. Besonders beeindruckend der Cranach-Altar in der Herderkirche.

Baumwipfelpfad im Hainich

Am Nachmittag starten wir nach Westen in den nicht weit entfernten Hainich-Nationalpark, einem der letzten Urwälder Deutschlands. Nachdem wir uns auf den kleinen Straßen dorthin einigermaßen verzettelt haben, kommen wir 10 Minuten zu spät am Einlass an. Ich muss meinen gesamten norddeutschen Charme aufbieten, um noch Zutritt zu dem Baumwipfelpfad zu bekommen, der durch den Blätterwald der riesigen Buchen und Eichen zu einem Aussichtsturm führt, von dem ein weiter Blick über den ausgedehnten Nationalpark und darüber hinaus in den Thüringer Wald möglich ist. Es dämmert schon, als wir zufällig einen ruhig gelegenen Zeltplatz finden.

Baumriese im Hainich

Schloss Wilhelmshöhe

Am Montagmorgen ist es empfindlich kalt geworden, und bald nach unserer Abreise auf der Landstraße Richtung Kassel setzt der Regen ein, der uns bei der Fahrt über den Hohen Meißner von Thüringen nach Hessen begleitet. Hier müssen wir unsere Pläne ändern, denn bei unserer Tochter Julia in Kaltenkirchen ist unsere Enkeltochter Maria krank geworden. Da Thorsten für zwei Wochen auf Dienstreise geht und Julia gerade ihre neue Stelle als Lehrerin antritt, ist mütterliche Hilfe gefragt. Unser geplanter Besuch der Dokumenta beschränkt sich auf das gemeinsame Durchblättern des Ausstellungskatalogs. Stattdessen machen wir einen schönen Spaziergang um den Schlossteich der Wilhelmshöhe, bevor DBaE mit dem Zug nach Kaltenkirchen fährt. Mit viel Zeit fahre ich indessen durch das Hessische Bergland nach Biebertal-Krumbach zu unserem Bruder/Schwager Markus, wo ich zwei Tage und Nächte verbringe und Wiedersehen auch mit Paola und Ben feiere. Leider ist Markus‘ Schrank mit den besonderen Flüssigkeiten wie immer zu gut gefüllt, was uns eine kurze Nacht und einen müden Tag haben lässt, schlecht für Markus, der um 6 Uhr früh zum Dienst muss. Am Mittwoch   Vormittag fahre ich bei schlechtem Wetter nach Frankfurt zu Bruder/Schwager George. DBaE sollte planmäßig um 19 Uhr in Frankfurt eintreffen. In bester Deutsche-Bahn-Tradition kommt sie zwei Stunden später an, angeblich wegen eines auf das Gleis gestürzten Baumes. Aber Georges Lieblingsgrieche hat noch auf, und wir können gesättigt die Nacht verbringen. Leider lassen wir den Photoapparat bei George liegen, und müssen mit dem Smartphone Vorlieb nehmen, um unsere visuellen Reiseerlebnise zu speichern. Der Donnerstag beginnt mit Dauerregen, was uns in dem Wunsch bestärkt, einen großen Satz nach Süden zu machen. Tatsächlich erreichen wir schon früh unser eigentliches Tagesziel, den Elsass, den wir wetterbedingt vom Auto aus bewundern und schnell hinter uns lassen, so dass nach entspanntem Fahren auf den französischen Autobahnen wir am Abend schon im Burgund auf einem sehr entlegenen Zeltplatz ankommen. Beim Abendbrot begleitet uns handgemachte Akkordeonmusik vom entfernten nächsten Stellplatz. Am nächsten Morgen ist das Wetter wieder schön. Trotz der höhenbedingten Kälte nehme ich ein kurzes Bad in dem dampfenden See, an dem der Platz gelegen ist. Nach dem Frühstück wollen wir weiterfahren, aber der Empfang bleibt heute geschlossen. So muss ich unseren kleinen Obolus bei der Putzfrau hinterlassen, und dies sehr gerne, denn der idyllische Platz hat richtige Urlaubsgefühle bei uns ausgelöst.

Am Freitag ist der Verkehr auf der Autobahn dichter. Wir passieren Lyon und fahren rhoneabwärts. Unser Ziel ist Arles. In Erinnerung an vergangene Zeiten fahre ich zu früh – bei Orange- von der Autobahn ab, und will die gemütliche Straße südlich um Avignon fahren, doch die ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Gewirr verstopfter Kreisverkehre mutiert, was die Stimmung im Auto einigermaßen belastet. So mögen wir auch in dem schönen, aber völlig autoüberfüllten Arles gar nicht aussteigen, sondern fahren die letzten Kilometer bis zum Mittelmeer bei Les Saintes Maries de la Mer. Hier tobt der Bär, und zu unserem Erstaunen ist der Hauptzeltplatz überfüllt. Aber auf dem eigentlich schöneren Zeltplatz La Brise ist noch Platz, und es herrscht relative Ruhe. Unsere Platznachbarin, eine allein reisende junge Französin, zeigt sich vom Innenausbau unseres Caddy begeistert, was mir unbegabtem Heimwerker nicht wenig schmeichelt. Sie ist in einem Renault Cangooh unterwegs, in dem sie einige Ideen von uns übernehmen will.

Der Samstagmorgen zeigt sich sonnig, und ich wage ein Bad vor dem Frühstück im erstaunlich kalten Mittelmeer. Wir beschließen, einen weiteren Tag zu bleiben, und haben daher viel Zeit zum Bummeln, Wäschewaschen, Aufräumen und Einkaufen. Am frühen Nachmittag wandern wir am Strand in

Marktplatz in Saintes Maries

Stadt und genießen die Atmosphäre auf dem Bouleplatz und in der schönen Kathedrale, in der gerade eine Hochzeit zelebriert wird. Zufällig entdecken wir, dass der Turm der Kathedrale besteigbar ist, und landen auf dem Dach mit dem flachen Giebel. Man kann bis auf den First klettern, aber die Schindeln erweisen sich ziemlich rutschig, so dass wir Schuhe und Strümpfe ablegen müssen, um nicht ins Rutschen zukommen. Oben werden wir mit einem phantastischen Blick über das Mittelmeer, die Camargue und die Höhenzüge der Provence belohnt, unter denen sich der Mont Ventoux unverkennbar abzeichnet. In den Straßen um die Kathedrale herrscht buntes Gedränge. DBaE hat die gute Idee, im Touristenbüro nachzufragen, ab man denn auch dem Stiertreiben beiwohnen könne. Ja, wir brauchen nur vor Ort ein paar Minuten zu warten. Die Straße wird für den Autoverkehr gesperrt, an den Straßenrändern erobern sich Schaulustige die besten Plätze. Lautsprecherwagen geben mehrsprachige Informationen und Sicherheitshinweise. Tatsächlich, da kommen sie! Drei Stiere, dicht eingedrängt in eine Vielzahl von Pferden, werden in raschem Tempo der nahegelegenen Arena zugetrieben, wo die Stierspiele stattfinden. In Frankreich sind sie zum Glück nicht länger blutig, sondern für Mensch und Tier weitgehend ungefährlich.

Stiertreiben in Saintes Maries

Wir nehmen nicht daran teil, um uns in Ruhe der Vorbereitung unseres leckeren Abendessens zu widmen. Es gibt Spaghetti Carbonara (typisch französisch!), wodurch unsere einfache Campingküche schon ziemlich gefordert ist. Zusammen mit einem Camargue-Rotwein (? Nie sah ich hier Weinbau!) mundet es vortrefflich. In der Nacht ist es stürmisch und empfindlich kühl. Der Sommer geht auch hier zur Neige.

morgens am Mittelmeer

Am Sonntagmorgen verabschieden wir uns herzlich von unserer Zeltnachbarin Caroline, die uns in ihre Wohnung in Reims einlädt, wenn wir auf der Heimreise vorbeikommen! Wir besichtigen einen Vogelpark, in dem es außer einem traurigen eingesperrten Weißstorch und zahllosen Flamingos und Reihern nicht so viel zu sehen gibt.

Flamingos im Vogelpark

Aber auch Bisamratten scheinen sich hier wohl zu fühlen. Sie zeigen keine Scheu. Auf der Weiterreise bei bestem Wetter kommen wir durch endlose Weinfelder – ich muss meine gestrigen Zweifel korrigieren! Heute wollen wir Spanien erreichen, aber kurz hinter Perpignon steuern wir Argelès sur Mer an, wo wir vor 44(!) Jahren auf unserer ersten gemeinsamen Reise ein paar Tage mit Thomas Neubert und Bernd Huhn verbrachten.

Südlich von Argelès beginnen die Pyrenäen

Der Strand ist noch genau so schön wie damals, aber den noblen Freizeithafen mit schicken Yachten gab es damals noch nicht! Nun sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze, aber die haben es in sich! Die Pyreneen stürzen fast senkrecht ins Mittelmeer, dazwischen windet sich die kurvenreiche Straße bergauf und bergab und ermöglich wiederholt spektakuläre Blicke auf die Berge und das Meer. Das Einzige, was die Freude trübt, sind einige Motorradfahrer, die sich den ultimativen Kick geben, indem sie im Sinne des Wortes halsbrecherischer Weise und jaulenden Motoren die Piste abrasen. Normalerweise freue ich über zu erwartende Organspenden, aber diesmal können auch wir getroffen werden! Nach dem Passieren der Grenze (mit einem Monument der Franco-Zeit!) fahren wir noch 20km bis zum Städtchen Roses ganz im Norden der Costa Brava. Die Campingplätze dort gefallen uns wegen ihrer Lage mitten in der Stadt gar nicht. So fahren wir nach etlichen

Blick zurück auf Argelès

über eine steile kurvenreiche Straße zu einem Platz Cala Montjou, den wir auf einer Campingplatzseite im Interet gefunden hatten. Es handelt es tatsächlich um ein Ferienzentrum, das neben vielen kleinen Apartments eine Badebucht, ein Restaurant, Bars und Freizeitangebote (Minigolf etc) bietet. Nicht da, was wir uns vorgestellt hatten, aber wir buchen eine Nacht incl. 3 Mahlzeiten, weil wir keine Lust mehr zum Fahren und Suchen haben. Um uns herum lauter fröhliche und (im Gegensatz zu uns) alte Leute, überwiegend aus Frankreich, die sich hier pudelwohl fühlen. Eine Reisegruppe aus Charrentes feiert laut palavernd ihren Abschiedsabend direkt vor unserer Tür. Vor dem Essen nehme ich verbotenerweise (angeblich gefährlich) ein Bad in der Bucht. Noch in der Badehose werde ich von den gutgelaunten Franzosen zu einem Pastis im Stehen eingeladen. Das Essen ist wirklich eine Wucht, ein riesiges Buffet mit Fisch, Fleisch und allem, was das Herz begehrt incl. Wein. Da lassen wir es uns

Aussicht am Ende der Wanderung

gütlich tun. Am Montagmorgen steigen wir auf einen ca 300m hohen Felsen, von dem sich eine spektakuläre Sicht auf das Meer bietet. Wir lassen das Mittagessen ausfallen und begeben uns auf die Autobahn. In Spanien gibt es die gebührenfreien A- und die mautpflichtligen AP-Autobahnen. Die Maut ist happig (ca 10€ pro 100km, da kann sich Herr Dobrindt eine Scheibe abschneiden!), aber wir nehmen sie wegen der entspannten Verkehrssituation in Kauf, lassen Barcelona und Tarragona links liegen und landen abends auf einem netten Zeltplatz in Ampolla am Ebrodelta. Das Delta stülpt sich etwa 20 km ins Meer vor und wird intensiv zum Reisanbau genutzt. Die Ernte ist

Reisanbau im Ebrodelta

voll im Gange, die Straßen werden von Traktoren und Maschinen blockiert, aber wir wollen hauptsächlich die zahllosen Vögel beobachten, überwiegend Reiher und Möwen, aber dBaE entdeckt auch eine bei uns nicht vorkommende Art, die Sichler, die am schwarzen Gefieder und dem abwärts gebogenen langen Schnabel zu erkennen sind. Wir fahren kurz vor Sonnenuntergang bis Riumar an der Spitze des Deltas, wo ein scharfer Westwind uns den Dünensand um die Ohren bläst. Die von dichtem Reed umstandene

Der Ebro

Ebromündung, auf dem erstaunlicherweise keine Schifffahrt zu beobachten ist, ist durch Holzstege sehr schön erschlossen, obwohl uns die ganze Gegend ziemlich verlassen vorkommt.

Am Dienstag nehmen wir uns das letzte lange Stück unserer Anreise vor, vorbei an Valencia, Alicante und Murcia. Die Temperatur überschreitet erstmalig die 30° Grenze, kein Wölkchen am Himmel. So sind wir froh, abends in Mojacar im östlichen Andalusien anzukommen. Der Ort gliedert sich in zwei Teile, der auf der Spitze eines Berges gelegenen Altstadt mit dichtgedrängten weißen Häusern und der neuen Strandsiedlung, wo sich auch der zunächst in Aussicht genommene Zeltplatz befindet. Wegen seiner Lage an der Hauptstraße vermeiden wir ihn und suchen

Mojacar

den wenige Kilometer landeinwärts gelegenen Platz El Quinto, deren deutsche Leiterin uns freundlich empfängt. Wir machen uns gleich auf den Weg zu einem Restaurant hoch oben in der Altstadt, die wir etwas verschwitzt nach etwa halbstündigen Marsch erreichen, was das Essen (Entenkeule auf Hirse) um so mehr munden lässt. Auf dem Rückweg trauen wir uns trotz der Dunkelheit, einen anderen kürzeren Weg zu nehmen.

Am Mittwoch bleiben wir in Mojacar und haben viel Zeit, Wäsche zu waschen, mit unseren Nachbarn Kontakt zu knüpfen (Engländer, die schon seit 100 Jahren hierher kommen) und zum Baden an den Strand zu fahren. Unseren Einkauf für das Abendessen erledigen wir bei Maria, einer alten Frau, die in der Altstadt von Mojacar einen Tante-Emma-Laden unterhält. Speck, Gemüse, Obst, Wein. Alles zusammen kostet 5€, wie immer sich dieser Preis ergibt. Wieder am Zeltplatz fällt uns ein, dass wir Brot vergessen haben. Also noch einmal zu Fuß in die Altstadt, bevor es dunkel wird. Auf der Dachterrasse eines schönen Cafés gönnen wir uns einen Kaffee und ein leckeres Dessert, bevor wir unsere Schlafstätte aufsuchen.

Gemüsebau unter Plastikfolie

Am Donnerstag machen wir uns auf den Weg ins Cabo de Gata, ein umfangreiches Naturreservat im Südosten Andalusiens. Auf dem Weg erschlägt uns die durch Plastikplanen überdachte intensive Landwirtschaft. Irgendwo her muss ja das ganze Obst und Gemüse kommen, das wir in Deutschland verzehren. Doch an der Grenze des Naturschutzgebiets ist Schluss mit dieser Landschaftsverschandelung! Unser Ziel ist Las Negras, was in lebhaftem Widerspruch zu der schneeweißen Bebauung dieses Städtchens steht. Der Campingplatz ist ziemlich idyllisch

Las Negras von Süden

außerhalb des Ortes gelegen. Weil die wenigen Bäumchen nicht wirklich Schatten geben können, sind große Sonnensegel aufgespannt, unter denen wir unser Auto parken und die Campingstühle aufstellen können. Der ausgedehnte Platz wirkt menschenleer, höchstens ein Zehntel der Stellplätze ist belegt. Demzufolge ist auch das Platzrestaurant geschlossen, was uns gar nicht stört, denn der Ort ist fußläufig erreichbar. Nach unserer Siesta, die uns sehr schnell zur Gewohnheit geworden ist, gehen wir an der Strand. In der Bucht läuft eine hohe Brandung auf. Da der Uferbereich voller Steine ist, ist das Baden eine ziemlich unübersichtliche Angelegenheit, bei der man sich tastend vor und zurück bewegt. Abends sind wir in einem Strandrestaurant in Las Negras und bestellen Paella. Erst werden uns mit Tomatenpaste bestrichene Weißbrote gebracht, danach bekommt jeder einen Teller fritierter Scampi. War’s das? Nein, nach gehöriger Wartezeit kommt die dampfende Paellapfanne auf den Tisch mit Muscheln, Garnelen, Lobster und anderen Köstlichkeiten, die wir nur zum Teil verzehren können. Im Eingang des Zeltplatzes klebt ein überfahrenes Camälion auf dem Asphalt.

Es fällt uns etwas schwer, uns an die durch die westliche Lage bewirkten Sonnenzeiten zu gewöhnen. Kurz vor der Tag- und Nachtgleiche wird es erst gegen 8 Uhr morgens hell, zwölf Stunden später geht die Sonne unter, und es bleibt lange hell.

Steinstrand bei Las Negras

Wir hatten geplant, für unsere Wanderung am Freitag früh aufzustehen, um so der Sonnenhitze zuvorzukommen. Doch leider wachen wir erst um 9 Uhr auf, und so wird es schon wieder warm, bevor wir uns auf den Weg machen. Unser Ziel ist die Cala San Pedro, eine Bucht, in die wir vom Zeltplatz sehen können. Wir verlassen Las Negras nach Nordosten auf einem staubigen, kräftig ansteigenden Weg, auf dem es fast keinen Schatten gibt. Es weht aber ein kräftiger Ostwind kühlt etwas ab. Nach knapp zwei Stunden liegt die Bucht vor uns, in der auch eine Burgruine liegt. Wegen der Hitze verzichten wir auf den Abstieg, sondern kehren auf demselben Weg zurück. Jetzt haben wir den Wind im Rücken, was bei den schweißnassen Hemden nicht gerade gesund ist. Nachdem uns das üppige Nachtmahl vom Vortag doch schwer im Magen gelegen hatte, nehmen wir die warme Mahlzeit (Rührei mit Speck) schon am Spätnachmittag ein. Am Samstag fahren wir weiter südwärts in die Cabo de Gata. Nach kurzer Fahrzeit kommen wir zu der ehemaligen Bergbausiedlung Los Escullos. Früher wurde in dem durch Vulkanismus erzreichen Gebiet verschiedene Metalle geschürft. Im

19.Jahrhundert brach sogar ein regelrechter Goldrausch aus, aber seit dem Ende der Fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts wurde der Bergbau eingestellt. Heute präsentiert sich der malerische Ort als Künstlergemeinde. Alle Häuser sind liebevoll restauriert und mit großen Kunstobjekten geschmückt, Moderne Malerei und Fotografie, überwiegend auf wetterfesten Folien appliziert, geben dem Ort ein Gepräge, an dem man sich gar nicht sattsehen kann, zumal die blütenreiche

Los Escullos

Vegetation eine natürliche Ergänzung zur Kunst bildet. An dem zum Ort gehörigen Strand haben sich durch die Tätigkeit von Wind und Sand bizarre Klippen gebildet. In der Bucht schlägt die Brandung mit solcher Wucht auf den Sandstrand, dass wir dem Wunsch zu baden widerstehen müssen. Direkt daneben das Castillo San Fernando

Naturkunst in Los Escullos

aus dem 18. Jahrhundert, leider verschlossen. Wenige Kilometer weiter kommen wir in San José an, die heute den Hauptort des Cabo de Gata bildet. Wir kommen auf dem schönen Campingplatz Tau unter, in dem gerade die letzte Woche der Saison läuft. Unter den Gästen sind auch eine Handvoll Deutsche, von denen wir auf unserer Reise überraschend wenige getroffen haben. Wegen der Wärme machen wir uns bald zum Strand auf, der wenige Gehminuten entfernt ist. Hier ist kaum Brandung, aber das Baden im warmen Wasser bringt Spaß. Wir sind fast die Einzigen im Wasser. Die anderen verteilen sich auf dem riesigen, nur wenig belegten Sandstrand und brutzeln in die ziemlich touristisch geprägt ist, und lassen uns ein eiskaltes Bier in einer Bar schmecken.

Ein Vorteil unseres Zeltplatzes ist ein überdachter Bereich mit Tischen und Spüle, wo wir entspannt kochen (es gibt Nudeln mit Soße), essen, lesen und einen Rosé genießen können.

Am Sonntag ist große Wäsche angesagt. Das Wetter lädt zum Strandbesuch ein, wobei wir uns wegen der Waschmaschine abwechseln müssen. Abends gehen wir in ein nettes familiäres Restaurant in San José. Für 11€ gibt es ein Menü: z.B. Serranoschinken mit Spiegelei, gegrillte Fische und Flan. Lecker.

Abends sitzen wir in der kleinen Bar des Zeltplatzes. Auch die Einheimischen diskutieren für die Ergebnisse der Bundestagswahl. Der Fernseher läuft, die Zeltplatzinhaber halten ihren Abendplausch und der urige Wirt spielt Flamenco auf einer verstimmten Gitarre. Viva Espana!

Vogelparadies am Cabo de Gata

Saline in Cabo de Gata

Am Montag fahren wir zunächst an die Südspitze der Cabo de Gata. Hier sind große Strandseen, in denen Salz gewonnen wird. Das getrocknete Salz wird mit Maschinen zu einem großen Hügel aufgeschüttet. Außerdem kann man von einem Aussichtspunkt Wasservögel beobachten. Unser Besuch in der schönen Cabo de Gata endet mit einem Bad in Mittelmeer. Weit und breit keine Badegäste!

Dann fahren wir auf der Autobahn nach Westen. Die Gegend um Almeria ist ein Schock! Soweit das Auto reicht, ist die Landschaft flächendeckend mit Plastikfolie überspannt! Doch bald fangen die Berge an, die Sierra Nevada rückt näher. Die Autobahn ist brandneu und zieht sich über zahllose Tunnel und Brücken den bergigen Küstenstreifen entlang. In

Balcon d’Europe in Nerja

Nerja gönnen wir uns einen Kaffee und genießen den Blick vom Balcon d’Europe. Unseren Zeltplatz finden wir wenige Kilometer weiter in Torrox. Von den über 400 Stellplätzen sind nur wenige belegt. Sie sind von hohen Bäumen bestanden, die viel Schatten geben. Sie müssen durch ein Rohrsystem ständig bewässert werden, sonst würde man bei diesem Klima keinen so dichten Baumbestand haben. Leider gibt es auch jede Menge Blattläuse, deren Ausscheidungen das Auto mit einer zuckrigen Schicht überziehen, außerdem Vögel, die gezielt unsere Campingstühle, Kleidung und selbst den PC bekleckern! Es gibt zum Trost ein gutes Restaurant am Platz.

Leider wird dBaE in der Nacht krank (fieberhafter Infekt) und wir müssen einen Tag Zwangspause einlegen. Zudem ist auch der Strand kaum fußläufig erreichbar, und es ist ziemlich langweilig.

Promenade in Malaga

Am Mittwoch erwarten wir den Besuch von Gesinchen und Thomas. Dazu müssen wir unseren Caddy wieder für 4 Sitzplätze umrüsten, was trotz der Campingausstattung erstaunlich einfach ist. Da es dBaE noch nicht besser geht, fahren wir Richtung Malaga zu unserem Hotel Esperanza in Benajarafe und lassen uns vom Nawi zu angegebenen Adresse bringen. Zum ersten Mal seit Langem regnet es am Vormittag recht ergiebig. Da wir erst um 13.30 Uhr unser Zimmer belegen können, warten wir ein Stündchen in einem Strandcafé gegenüber ab. Villa Esperanza steht auf dem Türschild, doch auf unser Klingeln bellt ein Hund, eine alte Frau guckt aus dem Haus und winkt unwirsch. Nach dem zweiten Versuch rufe ich unter der Hotelnummer an. Ja, unsere Buchung sei bestätigt, sie werde gleich herauskommen und in Empfang nehmen. Nach zehn Minuten, in denen sich nichts tut, hält ein Auto vor dem Haus. Ich vermute, dass dies die Empfangsdame ist, doch die freundliche Fahrerin weiß von nichts. Es gäbe aber hier gar kein Hotel Esperanza. Aber einige Kilometer strandparallel sei ein Hotel dieses Namens. Und tatsächlich, dort finden wir ein großes Hotel, in dem wir schon erwartet werden. Warum uns das Navi zur falschen Adresse geführt hat, bleibt unverständlich. Am Nachmittag fahre ich nach Malaga Richtung Flughafen. Da noch viel Zeit bis zur Ankunft des Flugzeugs ist, fahre ich in die große Hafenstadt und finde einen Parkplatz an der ausgedehnten Strandpromenade. Ich bin begeistert von der großzügigen und bürgerfreundlichen Anlage dieses kilometerlangen Wegs, auf dem die Leute joggen, skaten oder einfach spazieren. Für die Radfahrer gibt es einen eigenen zweispurigen Weg. In dem angeblich so reichen Deutschland ist für derlei Vergnügen kein Geld da! Der breite Strand lockt und ich gönne mir ein Bad im Mittelmeer, das inzwischen wieder von der Sonne beschienen wird. Viel zu früh bin ich am Flughafen, der vom Strand nur wenige Minuten entfernt ist. Die Ausschilderung ist allerdings dürftig. Nur intuitiv finde ich den Parkplatz von Terminal 3. Der Flug ist pünktlich. Um 10 Uhr sind Gesinchen und Thomas da, und es geht zurück zum Hotel, wo wir unser Wiedersehen noch ein Bisschen feiern können.

Am Donnerstagsmorgen nutzen Gesine und ich die letzte Chance auf ein Bad im Meer vom direkt am Hotel gelegenen Strand. Obwohl es fast windstill ist, gibt es immer wieder hohe Brandungswellen, die uns unsanft ans Ufer spülen. Nach dem Frühstück in der von lauten Einwohnern bevölkerten Strandbar starten wir mit Ziel Granada. Zunächst geht es küstenparallel nach Osten. Bei Motril zweigt die Autobahn dann Richtung Norden. Es geht stramm bergauf und die Öltemperatur steigt kurzfristig auf über 110° C (kein Grund zur Sorge, wie ich mittlererweise weiß!) Nach zwei Stunden ist Granada erreicht. Der Weg zum Hotel Aljarife gestaltet sich als Abenteuer. Das Navi schickt uns über gesperrte Straßen. Wir sind aber nicht die einzigen Falschfahrer. Die Straßen im Altstadtviertel Albaicin sind nicht nur extrem steil, sondern werden immer enger, so dass man vorsichtig rangieren muss, um nicht an den Wänden entlang zu schrammen. Als wir auf einmal das einzige Auto inmitten von Touristenströmen sind, wissen wir, dass wir definitiv falsch sind! Zum Glück macht die Verkehrspolizei gerade Siesta, und wir kommen zu einem Plätzchen, von dem aus wir das Hotel anrufen. Wenig später kommt Damien per Motorroller und geleitet uns. Sein

Deutsch erklärt sich durch seine Verwandtschaft in Deutschland, insbesondere gibt es eine Cousine, die Sport und Mathelehrerin in Kiel ist! (Die Welt ist klein!). Der sympathische junge Mann leitet uns durch das Straßengewirr zu einer Garage, in der wir einen Stellplatz gemietet haben. Von dort erreicht man in wenigen Minuten durch eine enge steile Gasse das 400 Jahre alte Hotel an der Placeta de la Cruz Verde, ein richtiger Traum. Es hat nur drei großzügige Zimmer. Unsere Suite besteht aus 2 großen Schlafzimmern mit holzgetäfelten Decken und allem, was dazu gehört (Bad, 2 WC). Wenige Treppenstufen führen zu einem großen Innenhof mit Tischen, an denen die wenigen Gäste ihr Frühstück einnehmen.

Vom Hotel gelangt man in wenigen Minuten in die engen Gassen der Altstadt, vorbei an Ständen mit Kleidern und Ledertaschen, von denen wir Gesinchen nur mit Mühe wegzerren können, denn wir müssen ja noch zur Alhambra, um unsere für den morgigen Besuch bestellten Karten auszulösen. Der Weg kostet einigen Schweiß in der Sonnenhitze, denn der Haupteingang liegt einige Hundert Meter höher. Oben gibt es Kassenautomaten, in die man die Kreditkarte schieben muss. Tatsächlich schon beim zweiten Versuch spuckt der Automat ohne weitere Eingaben die Eintrittskarten aus. Doch Vorsicht! DBaE und ich können Seniorenrabatt beanspruchen, und da gelten besondere Regeln. Zum Glück lässt sich Damien unsere Tickets zeigen. Sie sehen auf den ersten Blick aus wie die von Gesine und Thomas, aber es fehlt der kleine Barcode. Man muss sie also an der Kasse in reguläre Tickets umwandeln.

Zwischen Alhambra und Generalife zurück in dei Altstadt

Aber erstmal wandern wir auf einem schattigen Weg auf der Ostseite der Alhambra zurück zur Altstadt, überqueren den Rio Darro, der zu dieser Jahreszeit nur wenig Wasser führt, und sprechen wir in einer Straßenkneipe der ersten Sangria zu und essen Vorspeisen. Der Kellner ist Deutsch-Spanier, so dass es keine Verständigungsprobleme gibt. Auf dem Rückweg werde ich von einem jungen Mädchen angesprochen, ob wir Lust zu einer Flamenco-Vorführung hätten. Haben wir unbedingt! In dem kleinen Theater erstehen wir Karten à 30€, ein Dinner und Getränke inbegriffen. Dafür bekommen wir Luxusplätze auf der Balustrade, von denen genau 4 da sind. Als wir um halb neun da sind, füllt sich das kleine Theater gerade bis auf den letzten Platz. Es gibt vier Künstler, einen Gitarristen, einen Sänger eine Tänzerin und einen Tänzer. Ihr einstündiges Programm enthält gemeinsame und Soloauftritte. Wir sind ziemlich

begeistert. Es ist schwer zu sagen, was am meisten beeindruckt, die Virtuosität des Gitarristen, die aufregende Schuhtechnik der beiden Tänzer mit ihrem typisch wütenden Gesichtsausdruck oder die kehlige Stimme des Sängers. Eine tolle Stimmung und ein begeistertes Publikum. Mit reichlich Sangria und Tapas klingt der Abend aus. Am Ende genießen wir einen wunderbaren Blick auf die angestrahlte Alkacaba, die markante Festung der Alhambra.

Am Freitag haben wir Frühstück für neun Uhr geordert, aber wir verschlafen reichlich. Das Frühstück ist, wie alles im Hotel, eine Wucht, es lässt keinen Wunsch offen. Erst gegen 11 Uhr kommen wir los. Am Eingang der Alhambra brauchen wir uns nicht in die Warteschlange einzureihen, der Umtausch unserer Seniorenkarten ist unproblematisch. Für das Betreten des Nasridenpalastes haben wir den Termin 16 Uhr gebucht. Daher haben wir viel Zeit für die Besichtigung der wunderbaren Gärten des Generalife.

Hier herrscht trotz der Hitze ein sehr angenehmes Klima, denn die Alhambra wurde von seinen islamischen Erbauern an einer reichlich sprudelnden Quelle errichtet. Daher gibt es hohe, schattenspendende Zypressen und andere Bäume und überall wasserdurchströmte Becken und Teiche. An der Blütenpracht der Gärten kann man sich nicht satt sehen, und von den Gartenpalästen eröffnen sich immer wieder Blicke über die Anlage, die Stadt du ihre gebirgige Umgebung, von der die über 3000m hohe Sierra Nevada im Südosten hervorsticht. Natürlich gibt es Tausende Besucher, die meisten gehören großen geführten Gruppen an. Mit etwas Vorausschau kann man ihnen etwas ausweichen, wenn nicht, ist man gefangen in einem Meer von Photoapparaten und blockiert von Selfiesticks, denn es kann ja nichts fotografiert werden ohne dass das Grinsegesicht des Fotografen mit auf dem Bild ist. Oft vergesse ich meine gute Erziehung und verunstalte die Bilder mit meinem unerwünschten Schädel. Der Weg durch die Gärten ist durch Absperrungen gelenkt, so dass man zu allen sehenswerten Punkten kommt. Am Ende gelangt man über eine Brücke, unter der wir gestern in die Stadt zurückgelaufen sind, in die eigentliche Alhambra. Hier wie dort gibt es zahlreiche Bänke, die zum Verweilen, Betrachten und Ausruhen einladen.

Blick auf den Palacio Carlos V

Innenhof des Palacio Carlos V

Auf dem Torre de la Vele

Wir wandern erst zum höchsten Punkt, der Alkazaba, die gleichzeitig der älteste Teil der Alhambra ist, der von den maurischen Herrschern im 12.Jahrhundert errichtet wurde. Vom 26m hohen Torre de la Vele mit der imposanten flaggengeschmückten Glockenwand hat man den besten Blick. Der Palacio Carlos V gehört eigentlich gar nicht zu dieser Bauepoche und wurde im 16. Jahrhundert von den christlichen Rückeroberern gebaut. Er gilt aber als wichtigstes Bauwerk der spanischen Renaissance. Von außen eine quadratische Anlage, ist der Innenhof kreisrund und von einer zweistöckigen Säulengalerie umgeben. Die Gebäude beherbergen zwei Museen, für deren Besichtigung keine Zeit bleibt. Denn um in den Nasridenpalast zu gelangen, muss man sich in eine Warteschlange einreihen, die im Halbstundenrhythmus einer abgezählten Besucherschar nach einer Sicherheitsüberprüfung Einlass gewährt. Das Warten lohnt sich definitiv, denn der Mexuar (Gerichts- und Empfangshalle), der Serail und der Harem mit dem Löwenhof sind mit einer nicht in Beschreibung zu fassenden Ornamentik hersehen. So ist man dankbar, am Ende wieder in die Wirlichkeit entlassen zu werden, weil einfach das Aufnahmevermögen erschöpft ist. So lassen wir müden Wanderer uns mit dem Taxi in die Altstadt herabfahren und mit Sangria die Lebensgeister erfrischen. Den Abend lassen wir es uns in einem Restaurant am Rio Darro gut gehen.

El Torcal

Am Samstagmorgen genießen wir noch einmal den Luxus des Hotels Aljarife, bevor wir von Damien zur Garage zurückgeführt werden. Der Weg aus der Stadt ist verglichen mit der aufregenden Anfahrt ziemlich entspannt. Wir lassen uns von Gesine zu unserem nächsten Ziel, El Torcal, knapp 100km im Westen gelegen, bringen. Unsere Unterkunft liegt in Villanueva la Conception, einer kleinen Ortschaft im gebirgigen Hinterland. Wir haben ein Appartement gemietet, dessen Besitzerin wir erst antelefonieren müssen. Die Wartezeit überbrücken wir mit einem Einkauf beim Ortskaufmann. Gerade noch rechtzeitig, denn um 14 Uhr wird für das Wochenende zugesperrt. Wir nutzen unsere Küche, um uns mal wieder selbst zu versorgen. Nachdem die größte Mittagshitze vorbei ist, fahren wir ins Torcal. Der Weg ist kurvenreich und steil, denn das Massiv liegt auf 1100m bis 1370m Höhe. El Torcal ist ein Karstgebiet, das durch Verwitterung der Kalkfelsen entstand, welches sich nach der Aufwölbung des kalkbedeckten Meeres der Urzeit bildete. Die Formationen sind

Karstfelsen

atemberaubend, spärlich bewaldet. Wir beobachten mehrere Gänsegeier, die über den Felsen kreisen. Thomas, der ein ausgezeichneter Kenner der Tierwelt ist, beobachtet sogar einen Steinbock. Ich meinte auch einen gesehen zu haben, doch er entpuppt sich als eines der zahlreichen Schafe.

Es gibt zwei durch Holzpfähle markierte Wege. Wir begnügen uns mit dem kürzeren, etwa 1,5km langen grünen Pfad, bei dem es auch einiges zu kraxeln gibt. Zum Schluss haben wir von einem Aussichtspunkt einen weiten Blick, der der guten Sicht bis Malaga und das Mittelmeer reicht.

Kalkfelsen in El Torcal

Zurück in unserer Wohnung gibt es selbstgebrutzelte Spaghetti und selbstgepanschten Sangria.

Am Sonntagmorgen geht es weiter zu unserem letzten gemeinsamen Ziel. Nach zwei Stunden gemächlicher Fahrt durch gebirgige Landschaft kommen wir in Ronda an. Die kleine Stadt ist wegen ihrer spektakulären Lage an einem Felseinschnitt berühmt und wurde von Schriftstellern wie Rainer Maria Rllke, Ernest Hemingway und Blas Infant gepriesen. Wir haben ein 4-Betten-Zimmer im Hotel Virgen Reyen gebucht und werden schnell gewahr, weshalb dieses so billig war (von preiswert kann man nicht sprechen). Das Auto bringen wir in einem Parkhaus unter. Nach wenigen Schritten sind wir in einer Parkanlage, die an eine Schlucht grenzt. Wir wenden uns nach rechts und gelangen schnell zu dem Viadukt, das die Schlucht in beeindruckender Höhe überquert. Am

Viadukt In Ronda

rechten Pfeiler des Viadukts besuchen wir ein in mehreren Etagen angelegtes Restaurant, dessen gastronomische Qualität allerdings zu wünschen übrig lässt. Die Temperatur ist auf über 30° gestiegen, und löst bei mir den Wunsch nach einer Siesta aus, während die Mitreisenden die auch am Sonntag geöffneten Lederwarengeschäfte erkunden. An der ältesten Stierkampfarena des Landes treffen wir uns wieder und verleiben uns in einer der zahlreichen am Marktplatz ein preiswertes Menu ein, was schon wegen des witzigen Kellners ein Erlebnis ist. Wir überqueren die Schlicht am Viadukt und suchen in der einbrechenden Dunkelheit nach einem Fotomotiv. Es gibt ein paar schön gelegene Terrassen, aber die wollen uns entweder gar nicht oder nur zum Speisen einlassen. Die Mädel finden in der Finsternis einen Weg ins Tal, von denen aus ihnen gute Schnappschüsse gelingen. Wir finden Einlass im vornehmsten Hotel der Stadt auf der Terrasse, auf der wir neben Sangria auch ein Geckospektakel an der Hauswand geboten bekommen. Die Nacht im Hotel ist gewöhnungsbedürftig. Es ist nicht nur extrem hellhörig. Die Nachtruhe wird überdies durch einen im Fünfminutentakt anlaufenden

Ronda liegt an einer tiefen Schlucht

Ventilator gestört. Der unharmonische Gesamteindruck wird durch ein hingerotztes Frühstück abgerundet. Nicht immer ist billig auch gut!

Unsere gemeinsame Tour geht am Montag in Malaga Airport zuende. Nachdem wir uns von Gesinchen und Thomas verabschiedet haben, fahren wir ins Zentrum von Malaga, welche erwartungsgemäß verstopft ist. Wir quälen uns mit unserem Vehikel in ein beengtes

Vor der Stierkampfarena in Ronda

Innenstadtparkhaus, gönnen uns dann einen kleinen Imbiss und machen uns in der Mittagshitze auf die Suche nach dem Picassomuseums, das doch ohne Zweifel eine der Hauptsehenswürdigkeiten Malagas darstellt. Es ist auch nicht schwer zu finden, aber es gibt keine Hinweisschilder. Das Museum ist indes großartig in seiner Aufmachung, und wird dem Andenken des Künstlers gerecht, der während der Franco-Ära in seiner Heimatstadt nicht geduldet wurde. Wegen der Hitze fahren wir nur ein kleines Stück weiter, und landen auf dem Zeltplatz Marbella Playa, direkt am Strand nur wenige Meter abseits der Autobahn. Erstaunlicherweise nimmt man kaum Verkehrslärm wahr, und auf dem Riesenplatz sind fast alle Stellplätze frei. So verbringen wir die letzten Sonnenstunden am Strand, der wegen vieler Steine im Flachwasserbereich nicht gerade begeistert. Zu unserem Leidwesen sind wir umgeben von Hundebesitzern. Wir nutzen die Gelegenheit zum Wäschewaschen und bereiten uns in unserer Campingküche ein einfaches Mahl aus Taboule, Gemüse und Fleisch. Nach dem Luxus der letzten Tage eine schöne Sache!

Camping Paloma

Am Dienstag steuern wir unser letztes Ziel in Spanien an! Zunächst ins nahe Marbella, weil ich dringend neue Sandalen brauche. Nervenaufreibende Minuten im Parkhaus, bei dem unser Caddy in allen Ausdehnungen an seine Grenzen stößt. Aber es geht ohne Schrammen ab, und ich bin stolzer Besitzer Original spanischer Birkenstocks! Nach einer Stunde Fahrzeit machen wir eine Kaffeepause im schönen Örtchen San Roque. Von da haben wir einen tollen Blick auf den Felsen von Gibraltar, der, von einer Föhnwolke gekrönt, als imposanter Klotz über der Mittelmeerküste liegt. Direkt daneben die gigantischen Industriebauten von Algeciras, das wir auf der Weiterfahrt nach Tarifa schnell hinter uns lassen. Hier haben wir erstmals den Blick auf das afrikanische Festland von Tanger. Es weht ein stürmischer Wind, was für Tarifa wohl typisch ist, denn es gilt als das Windsurferparadies Europas. Hier treffen Mittelmeer und Atlantik aufeinander. Wir erwerben für sehr teures Geld die Fährkarten nach Tanger, wollen aber noch ein paar Tage auf dem Zeltplatz verbringen. Wir entscheiden uns für den etwas abgelegenen Platz La Paloma auf der Atlantikseite, der viel Schatten unter hohen Bäumen bietet. Der Strand ist in zehn Minuten zu Fuß erreichbar unter liegt unter einer ausgedehnten Düne. In der Bucht sind Hunderte Wind- und Kitesurfer unterwegs. Der Wind ist allerdings heftig, und es fällt schwer, sich davor einigermaßen zu schützen. Natürlich gibt es viele Wellen, aber das Baden scheint mir nicht gefährlich, weil der Ostwind die Wellen in die Bucht drückt. Allerdings muss man aufpassen, um nicht von den oft unerfahren wirkenden Surfern um genietet zu werden. Der Blick über das Meer zeigt nicht nur Tarifa, sondern auch Häuser und Berge von Tanger. Abends essen wir lecker und üppig in einem nahe des Platzes gelegenen Restaurant.

Am Mittwoch versuche ich mit einem Lauf zum Strand und Baden ohne Surfer etwas gegen mein Übergewicht zu tun, mal schauen was die Waage in Melsdorf dazu sagt. Nach dem Frühstück fahren wir zum „Shoppen“ nach Tarifa, denn wir wollen doch unseren Enkeln ein paar Mitbringsel bringen. Obwohl es vor Andenkenshops wimmelt, ist kaum etwas Brauchbares zu finden. Aber es gefällt uns in den engen Gassen der Altstadt, die jetzt außerhalb der Saison sehr entspannt wirkt, mit der imposanten Kathedrale und den arabisch anmutenden Stadttoren. Nachmittags gehen wir noch einmal an den Strand. Heute ist es noch stürmischer als gestern, und man fühlt sich wie in einem Sandstrahlgebläse. Abends wandern wir auf die Düne in der Hoffnung, den Sonnenuntergang beobachten zu können. Die aber ist zu hoch dafür (und sicher ist es auch im Sinne des Dünenschutzes!), so setzen wir uns auf halben Weg auf einen quer liegenden Baumstamm (die offenbar in großer Zahl zum Schutz des Sandes hier abgelegt wurden), und genießen den abendlichen Blick auf Tarifa und Marokko.

Auch am Donnerstag ist es sonnig, warm und stürmisch. Der Wind macht einen ganz wuschig (diese Aussage amüsierte die nette belgische Campingplatzdame). Durch Zufall haben wir von Christoph, der als Windsurfer in Tarifa war, einen Tipp bekommen. Deshalb fahren wir nach Bolonia, einem kleinen Küstenörtchen nur wenige Kilometer westlich. Man überquert einen Bergrücken und bekommt von oben einen wunderbaren Blick auf die Küste. Erstaunlicherweise gibt es hier viel Weidewirtschaft, braune Kühe mit schönen Hörnern

Rinderweiden bei Bolonia

und auch Pferde. Denn die Weiden machen einen sehr kargen Eindruck, als ob es hier lange Zeit nicht geregnet hat. Bolonia hat einen. kilometerlangen Sandstrand (ohne Surfer), der in einer hohen Sanddüne endet.

Die Attraktion sind aber aber die Reste der römischen Siedlung Baelo Claudia, die im 2.Jh v.Chr. gegründet wurde und wegen der Verarbeitung von Thunfisch, der hier eingesalzen und zu einer „garum“ genannten Paste im Römischen Reich sehr begehrt war. Die Ausgrabungen haben gut erhaltene Teile der Siedlung zutage gebracht, die durch einen Rundweg gut zu erreichen sind und mit

Rindvieh an unserem Auto in Bolonia

englischsprachigen Schildern erläutert werden. Am Hauptplatz (Forum) liegen Tempel, die Juno, Jupiter, Minerva gewidmet sind sowie der ägyptischen Göttin Isis (!). Sehr gut erhalten ist auch das Amphitheater. Bestuhlung und Bühne lassen vermuten, dass dieses wieder genutzt wird. Im großzügigen Besucherzentrum (Eintritt für EU-Bürger frei – Ausweis!) ist die Anlage sehr gut dokumentiert. Ein kulturelles Highlight!

Aquädukt

Wir verbringen noch ein Stündchen am Strand zum Baden und Sonnen, aber Sonne und Wind machen uns zu schaffen! Kurz vor Sonnenuntergang fahren wir das Sträßchen entlang des Zeltplatzes zur Punta Paloma. Wir staunen nicht schlecht, als die Düne, an der wir gestern gescheitert sind, die Straße nach ca 1km in einer Länge von mehreren Hundert Meter überzogen hat. Beidseits der Straße erheben sich Sandwälle von über 5m Höhe. Wie man es bei diesem Dauersturm schafft, den Fahrweg einigermaßen frei zu halten, ist für uns unvorstellbar! Punta Paloma besteht aus einer Handvoll Häusern an einem Felsen klebend, auf dem zahlreiche Ziegen herumklettern. Wir halten an einer Mauer, von der man einen schönen Blick auf die wolkenlos untergehende Sonne hat. Punkt 20 Uhr ist sie im Ozean verschwunden. Witzigerweise zeigt die Handyuhr 19 Uhr! Offenbar sind wir auf der kurzen Strecke in das marokkanische Mobilfunknetz eingetaucht! Als wir wenige Minuten später unser Abendbrot einnehmen, ist es bereits stockfinster (abgesehen vom aufgehenden Vollmond). Die Dämmerung dauert hier nur ein paar Minuten.

Sonnenuntergang an der Punta Paloma

Am Freitag ist zu unserer Überraschung der Wind eingeschlafen. Wir fahren wieder zum Strand von Bolonia, wo es uns gestern so gut gefallen hat. Nur wenige Meter von der Strandlinie sehen wir auf einmal Delphine, die im flachen Wasser ihre munteren Spielchen treiben, hochspringen und sich ins Wasser platschen lassen. Sie haben sehr ausgeprägte Rückenflossen. An diesem Merkmal wird uns später klar,

Tempel in Baelo Claudia

dass es sich nicht um Delphine, sondern um Orcas handelt. Tatsächlich sind sie hier ansässig und ernähren sich von Thunfischen. Es ist aber doch recht frisch am Strand, so dass wir es vorziehen, am Nachmittag noch einmal vom Zeltplatz aus zu baden. Die Bordküche gibt Spaghetti mit echter Tomatensauce aus, einfach nur lecker. Dazu gibt es zuckersüße Weintrauben. Abends fahren wir noch einmal nach Tarifa. Bei einem sehr jungen Friseur lasse ich mir die Haare schneiden, was er wirklich sehr gekonnt macht. Auf Plakaten werden für heute „noches blances“ angepriesen. Der Friseur erklärt mir, was es auf sich hat. Alle Menschen ziehen weiße Kleidung an, und feiern, essen, tanzen so die ganze Nacht Darauf sind wir nicht eingestellt, aber wir laufen trotzdem zu dem Platz vor der Kirche. Hier spielen kleine Musikgruppen und einige Paare tanzen dazu in ihrer weißen Kleidung. Eine Sängerin klingt wie Zaz, die wir beide sehr mögen. Aber noch bemerkenswerter ist ihr Begleiter, der die Bassgitarre virtuos beherrscht.

Noche blanca in Tarifa

Der Samstagmorgen ist unser letzter in Spanien. Um zwei Uhr finden wir uns am Fährhafen ein. Nur wenige Autos fahren mit uns auf die Schnellfähre, die allermeisten Fahrgäste sind ohne Fahrzeug da. Es hat wieder mächtig aufgebrist, und das Meer ist voller weißer Schaumkronen. Pünktlich um drei legt das Schiff ab. Allen Befürchtungen zum Trotz liegt es ziemlich ruhig im Wasser. Die Fahrt nach Tanger dauert nur eine Stunde. Nachdem wir vorher nur durchgewunken wurden, erwartet uns hier das dicke Ende. Denn als der Zöllner nach der „Carte grise“, der Zulassung fragt, muss ich passen. Wir führen seit dem letzten Verlust nur eine Kopie mit uns, und die wird hier

Fischereihafen Tarifa

nicht akzeptiert. Wir werden erstmal auf das „Abstellgleis“ geschickt, und warten. Nach einer halben Stunde wage ich mich zum Büro des Chefs vor. Gemeinsam mit seinem Kollegen verzehrt er gerade sein Mittagessen. Er fordert mich auf, hineinzukommen und mitzuessen. Um nicht unhöflich zu erscheinen, lange ich zu. Es gibt Fisch, Gemüse, Oliven und Brot. Alles wir mit der Hand gegessen. Ich frage, ob es denn eine Möglichkeit gibt, ohne graue Karte einzureisen. Das weist er strikt zurück, und mir

Schnellfähre Tarifa Tanger

sackt allmählich das Herz in die Hosen. Ich zeige ihm unser Fährticket für den 9.10. nach Barcelona, auf dem das Auto auch eingetragen ist. Er fragt, ob ich mir das Original nicht schicken lassen könne, was ja in der Kürze der Zeit völlig ausscheidet. Als meine liebe Frau erscheint, fragt er mich, ob sie wohl Angst habe. Ich versichere ihm, dass wir beide Angst habe, zurückgeschickt zu werden. Das gefällt ihm. Er lässt sich ihren Pass geben und bedeutet uns zu warten. Dass er sich das Auto genau anschaut und nach eingeführten Waren fragt, deuten wir als gutes Zeichen. Inzwischen läuft die nächste Fähre ein, und die Autos werden abgefertigt. Wir warten weiter. Nach einer halben Ewigkeit erhalten wir endlich ein Ersatzpapier und dürfen weiterfahren. Doch ein Unglück kommt selten allein. Zwar finden wir den Weg zum Zeltplatz Miramonte, der an einer extrem steil ansteigenden Straße liegt, trotz fehlender Karte ohne Probleme, aber alle Eingänge sind verschlossen! Es hängt ein Schild aus, wonach man sich durch Hupen bemerkbar machen soll. Ein französische Camper tut dies sehr ausgiebig, aber ohne Erfolg. Endlich erscheinen zwei junge Männer und geben uns zu verstehen, dass der Platz geschlossen sei. Der Besitzer schlafe und werde erst um zehn Uhr wiederkommen. Wir sollten doch zu einem anderen Zeltplatz fahren oder in der Zwischenzeit einen Kaffee trinken (wegen der Zeitumstellung auf WEZ dauert dies etwa noch 5 Stunden!

Wir ratschlagen, was zu tun ist und entschließen uns, dass wir erstmal Geld brauchen. Wir fahren die Küstenstraße zurück Richtung Zentrum, und werden schon von einem Parkplatzwächter erwartet. Ein perfekt deutsch, englisch, arabisch sprechender Mann fragt nach unserem Begehr. Bestimmt ein Fehler, aber ich antworte, dass ich einen Geldautomaten suche. Kein Problem, er werde mich gleich hinbringen, und bietet uns alle möglichen Dienste an. Er sprintet voran und bringt mich nach 10 Minuten tatsächlich zu einem Bankomaten. Natürlich nicht umsonst!! Er verlangt den unverschämten Preis von 100 Dirham, was fast 10 € sind. Da es keine kleineren Scheine gibt, drücke ich ihm den Betrag widerwillig ab.

Dem selbsternannten Parkplatzbewacher bieten wir 1€ an, verlangt 2€. Wie schön wäre es, in Andalusien geblieben zu sein! Aber wir finden ein nettes Straßenrestaurant, wo wir Suppe und … bekommen, dazu frischgepressten Orangensaft. Anschließend fragen wir in einem Hotel nach, falls es mit dem Zeltplatz nicht klappen sollte. Als wir schließlich 1 Stunde auf einem Parkplatz gewartet haben, wird uns die Zeit zu lang. Wir nehmen das einfache Hotel, wo wir unser Auto sicher in einer Garage abstellen können.

Am Sonntag frühstücken wir im Café gegenüber. Als wir fertig sind, kommt ein zerlumpter junger Mann im Kaftan an unseren Tisch und fragt, ob er den Rest haben kann. Natürlich

Gemüsemarkt am Grand Socco

kann er. Er nimmt sich ein Stück Schmierkäse, taucht es in den Teller mit Honig, steckt es in den Mund und verschwindet ohne ein Wort mit zornigem Gesichtsausdruck. Eine Begegnung, die unsere Fremdheit in diesem Land zeigt. Am Tisch gegenüber sitzt ein junger Deutsch-Marokkaner, der in Frankfurt als Taxifahrer arbeitet. Er besteht darauf, uns zum Frühstück einzuladen. Wir versuchen, ihn umgekehrt zum Kaffee einzuladen, doch das geht gar nicht! Zum Glück fällt uns eine Flasche Wein ein, die wir im Auto haben, und die wir ihm schenken. Zur Orientierung brauchen wir dringend einen Stadtplan. Der Hotelportier schickt uns zu einer Buchhandlung, die 10 Minuten Gehweg entfernt ist. Unterwegs fragen mich zwei junge Männer schmunzelnd, ob ich nicht eine Flasche Whisky für sie hätte. Offenbar ist meine Weinaktion nicht unbemerkt geblieben! Die Buchhandlung liegt am Grand Socco, wo heute am Sonntag der große Obst- und Gemüsemarkt stattfindet. Das Angebot ist üppig und verlockend, doch angesichts unserer Reisepläne haben wir keinen Bedarf. So begnügen wir uns mit einem Dutzend Mandarinen. In einem Töpferwarenladen erstehen wir eine wunderschöne Schale zu einem Preis,

Blick von der Kasbah auf den Hafen

über den wir nicht mehr verhandeln mögen. Nachdem wir unseren Einkauf ins Hotel zurückgebracht haben, gehen wir wieder in die Altstadt, um die Kasbah, eine der Sehenswürdigkeiten zu finden. Leider versuchen immer wieder junge Männer, auf recht plumpe Weise mit uns Kontakt aufzunehmen. „Alles klar?“ und fragen nach unserer Herkunft. Mit dieser Aufdringlichkeit können wir schlecht umgehen und reagieren unwirsch. Schade eigentlich! Die Medina, in der auch die Kasbah liegt, betritt man durch ein Stadttor. Die Straßen sind brechend voll. Auch hier werden überall Waren angeboten. Zu allem Überfluss wälzt sich eine endlose Fahrzeugkolonne im Schneckentempo durch die engen Gassen. In der Kasbah gibt es einen schönen Rundweg, allerdings wird überall gebaut und restauriert. Immer wieder haben wir einen schönen Blick auf das Meer. Sehr lohnend ist das Kasbah-Museum, das die wechselvolle Geschichte dieser

Innenhof im Kasbahmuseum

Festung und der Stadt seit den Anfängen dokumentiert. Die Exponate betreffen die arabische Zeit mit ihrer wundervollen Ornamentik, aber auch die phönizische und die römische Epoche. Auch steinzeitliche Funde werden präsentiert, wobei die Bestattungsrituale breiten Raum haben. Auch eine farbenprächtige Gartenanlage gehört zum Museum. Wir stärken uns mit Gebäck aus einer kleinen Konditorei, das so lecker ist, dass wir das Gleiche noch einmal kaufen. In einem sonnigen Gartencafé läuft Popmusik der Siebziger Jahre (Jimi Hendricks), entsprechend gemischt ist das Publikum. Dazwischen

Renovierte Häuser in der Medina

toben Kinder; dass da mal eine Tasse beim Fußballspielen zu Bruch geht, stört keinen großen Geist.

Abends gehen wir noch einmal in die Medina, gehen durch eine Ladenzeile voller Leckereien und kommen zum Petit Socco, der einen Treffpunkt von Einheimischen und Touristen bildet mit Blick auf das Meer. Wir lassen uns in ein Restaurant anwerben. Das Hühnchen kostet angeblich nur 25 Dh (knapp 2,50€). Der Kellner notiert aber 60 Dh auf der Rechnung. Die 25 Dh gelte nur für ein Viertel Hühnchen, ich hätte doch ein halbes verzehrt. Als Mathematiker kann ich ihm klarmachen, dass dann ein halbes 50 Dh kosten müsste. Ein kleiner Erfolg. Später gehen noch einmal zur Kasbah hoch. Beim Zurückgehen dunkelt es schon und wir verlaufen uns prompt in den engen Gassen der Medina. Erleichtert gönnen wir uns ein Bierchen am Hafen, das europäisch teuer ist.

Innenhof im Kasbahmuseum

Am Montag ist unser Abreisetag. Nach dem Frühstück manöwriere ich mühsam unser zugeparktes Auto aus der Hotelgarage. Viel zu früh fahren wir zum neuen Hafen Tanger Med, der ca 40km von der Stadt Tanger entfernt ist. Am Fährhafen angekommen, lassen wir uns erneut von geschäftstüchtigen Arabern einwickeln. Er besorgt uns mit unseren Pässen in Minutenschnelle unsere Fährtickets. Wir hätten sonst Stunden darauf warten müssen, sagt er und besteht auf 10€ Bakschisch. Ärgerlich, aber es bringt uns nicht um. Wir beobachten, dass zwei junge Männer in höchstem Tempo an dem etwa 4m hohen Zaun entlang rasen, und diesen tatsächlich überklettern. Sie werden von Beamten verfolgt, aber die haben gar keine Eile, selbst wenn sie den Zaun überwinden, haben sie keine Chance, an Bord zu kommen. Ein kleiner Ausschnitt des Wahnsinns und Elends, die sich tagtäglich vor

Schaf am Petit Socco

Europas Grenzen abspielen. Bei der Zollkontrolle wird unser Auto von einem Drogenhund durchgeschnüffelt, ansonsten alles ohne Probleme. Immerhin bekommen wir für die drei Stunden Wartezeit bis zum Ablegen einen Schattenplatz und kochen uns einen Kaffee in unserer Bordküche. Gegen 14 Uhr werden wir an Bord von „Cruise Smeralda“, einem riesigen Schiff der italienischen Grimaldi-Reederei gelassen. Wir haben eine schmucke Außenkabine mit richtig bequemen Betten, Dusche und Toilette gebucht zu einem Preis, der nur das Eineinhalbfache der Überfahrt Tarifa-Tanger beträgt. Zwischendurch hatten wir eine Mail der Reederei bekommen, wonach die Abfahrt um eine Stunde auf 15 Uhr vorverlegt wurde. Davon kann keine Rede sein, bis 16 Uhr werden immer noch in aller Ruhe eintreffende Autos an Bord gewunken, dessen Kapazität unerschöpflich scheint. Wir ängstliche Mitteleuropäer sind mal wieder übervorsichtig gewesen.

Die allermeisten Fahrzeuge an Bord haben europäische Kennzeichen, aber fast alle Fahrgäste sind Araber, die meisten Familien. Da nur wenige von ihnen eine Kabine gebucht haben, verteilen sie sich mit ihren Decken- und Matratzenlagern über alle Decks und strecken sich auf den Polstern der Fahrgasträume aus. Die Mahlzeiten werden ebenfalls auf dem Fußboden eingenommen. Es ist aber so viel Platz da, dass das zu keiner Beeinträchtigung führt.

An Bord der Cruise Smeralda

Wir erfahren von einem Schweizer Paar, dass unser Schiff von Barcelona nach Savona weiterfährt und wir nicht auschecken müssen! Das ist sehr erleichternd, denn ich hatte mir wegen der verspäteten Abreise etwas Sorgen gemacht, ob wir den Anschlussdampfer verpassen könnten. Wir können sogar unsere Kabine behalten. Die Schweizer sind von Algeciras aus nach Ceuta gefahren. Sie haben von dort aus eine sehr angenehme mehrtätige Reise über marokkanische Dörfer gemacht. Dass Tanger eher ungeeignet für einen Kurztrip nach Marokko ist, erfahren wir auch von einem deutsch-marokkanischen Paar. So lernt man dazu. Wenn wir unseren schönen Marokkoführer nicht zuhause vergessen hätten, hätten wir die letzten Urlaubstage mehr genießen können.

Das Selbstbedienungsrestaurant ist italienisch: Antipasti, Primopiatti, Secundopiatti, Dessert, aber es schmeckt nicht so toll, wie es klingt. Vom Obstteller ist nur die Melone lecker, die Kiwi ist unreif und die Orange bitter.

Am Dienstagmorgen ist das Meer spiegelglatt. Das erste, was wir aus unserem Kabinenfenster zu sehen bekommen, ist eine Delphinschule, die unser Schiff ein Stück begleitet. Das Wetter ist warm und überwiegend sonnig, obwohl über dem Festland, das über dem westlichen Horizont zu sehen ist, viel Bewölkung sammelt. Noch einmal Sonne und Wärme genießen, bevor wir in Schleswig-Holsteins Herbst und Winter eintauchen!

Schiffsreisen sind für uns beide die entspannteste Form der Fortbewegung, und diese ist mit 50 Stunden auch die längste, die wir bisher gemacht haben. Das Gefühl, endlos viel Zeit haben, in der Kabine zu liegen und schmökern, an Deck auf das Meer zu blicken, oder was es sonst an dolce fa niente gibt, ist Genuss pur.

Hafen von Barcelona

Bei Sonnenuntergang erreichen wir Barcelona, das wir von dieser Seite noch nicht kennengelernt haben. Hier verlässt ein Großteil der Fahrgäste das Schiff, wenige kommen neu an Bord. Nachdem wir vom Selbstbedienungsrestaurant am Vortag nicht so überzeugt waren, laden wir uns gegenseitig in das vornehme à la carte-Restaurant ein, in dem wir die ganze Zeit die einzigen Gäste sind. Gerade sind wir mit dem Essen fertig, als mein Name über die brüllend laute Lautsprecheranlage ausgerufen wird. Unser Auto war als einziges auf dem Barcelonadeck geblieben. Obwohl wir bereits gestern darauf hingewiesen hatten, dass wir eine Fahrt nach Savona gebucht haben und dies auch notiert worden war, waren sie an der Rezeption ziemlich ungehalten. Aber nachdem wir unser Ticket vorgezeigt haben und das Auto ein Deck höher geparkt haben, ist alles in Ordnung. Die für 23Uhr terminierte Weiterfahrt verzögert sich um eineinhalb Stunden, weil unglaublich viele LKW-Aufleger an Bord geschleppt werden (die allermeisten von LKW-Walter). Bestimmt ist das LKW-Geschäft das finanzielle Standbein der Grimaldi-Reederei und ermöglich die überraschend günstigen Passagierpreise.

Auch am Mittwochmorgen ist die See glatt, und wir können einige Delphine beobachten. Nach dem Frühstück komme ich mit dem Schweizer Paar ins Gespräch. Wir erzählen uns

Abendhimmel an der Riviera

gegenseitig unsere Marokko-Erfahrungen. Auch sie sind schon seit vielen Wochen mit ihrem Wohnmobil unterwegs und vorher in Andalusien. Wie wir waren sie von der Cabo de Gata begeistert, waren auch in Las Negras und haben das Künstlerdorf Los Escullos bewundert. Sie empfehlen uns, auf der Rückreise über Ascona in die Schweiz zu fahren und einen Kaffee am Luganer See zu trinken. Wir fahren meistens in Sichtweise der Küste und raten, wo wir uns befinden könnten. Gegen 14Uhr kommen wir an der Kulisse einer großen Stadt vorbei; könnte das Marseille sein? Pünktlich um 19 Uhr legen wir in Savona an, müssen aber eine ganze Zeit warten, bis sich auf unserem Autodeck etwas tut. Tatsächlich sind wir aber das zweite Auto, was losfahren darf. Unser Hotel ist nur wenige Minuten entfernt, gut ausgestattet und total günstig! So können wir uns ein edles Essen im Restaurant gegenüber leisten.

Die Abfahrt am Donnerstag beginnt mit einem Schreck. Das Ticket, das wir am Automaten der Autobahnauffahrt ziehen und auf dem Armaturenbrett ablegen, verschwindet bei Bremsen im Nirwana in einem unzugänglichen Spalt an der Windschutzscheibe. Es dauert lange, bis wir es lokalisieren können und noch einmal doppelt so lange, bis wir in unserer Campingausstattung etwas gefunden haben, um es ans Tageslcht zu manövrieren. Böse Falle!

Bergwelt am Splügenpass

Mittags mahen wir in Como Pause, eine schöne Stadt am gleichnamigen See. Dort endet unsere Autokarte, und wir wissen nicht, wie es weitergeht. Das Einfachste wäre, auf der Autobahn durch die Schweiz zu bleiben. Aber dann müssen wir eine Jahresvignette kaufen. So geben wir bei unserem Navi „Ulm“ ein mit dem Zusatz „Mautstraßen meiden“. Nach langem Rechnen gibt es eine Streckenführung mit 7 Stunden Fahrzeit aus, der wir folgen, ohne zu wissen, wohin sie uns führt. Jedenfalls ist die Landschaft mit Bergen und dem ausgedehnten Comer See herrlich. Wir fahren dann auf einer autobahnartigen Sraße nordwärts durch unzählige Tunnel und landen schließlich in dem Örtchen Chiavenna. Zu unserer Überraschung werden wir über den Splügenpass geleitet. Eine atemberaubende Straße (72 Kehren!) mit wunderbaren Ausblicken. Die Passhöhe liegt bei 2115m und bildet die Grenze zur Schweiz, ganz ohne Formalitäten zu passieren. Hier sind wir in Graubünden und fahren parallel zur Autobahn bis Chur. Es dunkelt bereits, als wir durch das durch das Fürstentum Liechtenstein

Auf dem Splügenpass

bis zur österreichischen Grenze kommen. In Feldkirch ist es gar nicht so einfach, eine Unterkunft zu finden, aber wir werden weitervermittelt in ein Gasthaus in einem Dörfchen Satteins. wo wir auch ein deftiges Abendessen bekommen. Morgens werden die Kühe über die Straße getrieben.

Schneeberge am Splügenpass

Am Freitag fahren wir, abermals unter Vermeidung von Autobahnen nach Bregenz und Lindau, wo wir uns auf der schönen Insel einen Kaffee gönnen. Mit gemischten Gefühlen begeben wir uns auf die mautfreien, aber am Freitagnachmittag stauanfälligen deutschen Autobahnen, und wir haben abermals Glück: außer bei Memmingen auf der A7 und bei Aschaffenburg auf der A3 (jeweils 20 Minuten) kommen wir glatt durch und sind um 17 Uhr bei Schwager George in Frankfurt, wo wir den vergessenen Photoapparat einsammeln.

Der Bodensee bei Bregenz

Abends essen wir zusammen mit Markus und seiner Freundin Elfie in Krumbach und verbringen einen feucht-fröhlichen Abschlussabend unserer Herbstreise. Am Samstag machen wir nach dem Frühstück einen Gang durch den Krumbacher Wald, bevor wir uns ein letztes Mal auf die Autobahn werfen. Wieder mit viel Glück. Alle Staus, denen wir begegnen, betreffen die Gegenfahrbahn. So sind wir schon um 17.30 Uhr im heimischen Melsdorf, wo uns unser irakischer Mitbewohner mit einer Hühnersuppe begrüßt.

 

 

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Barre op Manke sien Geboortsdagstuur

März 11, 2017 at 12:19 pm (Uncategorized)

Manke bestaunt seine Rakete

Der Anlass der jüngsten Tuur liegt schon ein Jahr zurück. Unser Bruder/Schwager Markus feierte im Mai seinen sechzigsten Geburtstag und die eingeladene Verwandtschaft suchte verzweifelt nach dem ultimativen Geschenk. Lange Zeit war der „Thermomix Waidmann“ Favorit, der die Jagdbegeisterung Mankes ideal mit dem Wunsch nach Herstellung schmackhafter Gerichte verknüpfte.

Hamburg Fuhlsbüttel. Noch sind wir zu fünft.

Doch nachdem ein Testjäger anstelle des Wildbrets geschnitzelt wurde, musste der Thermomix vom Markt genommen werden. Das war die Chance für eine gleichermaßen originelle wie naheliegende Geschenkidee. (Siehe links – nur ein Scherz!) Geheime Absprachen wurden getätigt, und nur wenige Widerspruchsgeister mussten mundtot gemacht werden, bis dem erblassenden Jubilar die Entscheidung mitgeteilt werden konnte. Vergebens versuchte er, die Entscheidung zugunsten einer Kamelsafari in Marokko zu wenden. Nicht nur, dass die Verwandtschaft das Unternehmen großzügig sponserte (herzlichen Dank an Gesine und Thomas, Astrid und Stephan, Elke und Jörg, Helga und Uli, Kika und Peter, Freya und Micki, Andrea,

Am Flughafen Arlanda treffen auch die Frankfurter ein

Marion und Petka, Annusch , Julia und Thorsten!), eine Schar Wildentschlossener bekundete, Manke bei seiner Polarexpedition zu begleiten. Zudem fand sich mit Jochen Simon vom Reisekontor Kiel („Zeit zum Reisen“) der perfekte Planer, der alle Vorgaben mühelos umsetzte und sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, wenn die Belegschaft mehrfach wechselte (Tessa raus, Paola rein, Paola raus, Ben rein) oder den Abflugort (Hamburg statt Basel) austauschte.

Dienstag, 28.2.2017

Seit zwei Tagen füllen sich unsere größten Koffer mit vermeintlich Notwendigem. 23kg p.P. müssen ausgeschöpft werden, so dass auch einige Flüssigbrennstoffe eingepackt werden können. Am Ende kann selbst der nette türkische Taxifahrer kaum die Koffer in den Kofferraum wuchten, um uns dann zum Flixbus zu bringen. Anderthalb Stunden später sind wir auf der Reeperbahn, nicht um hier die Nachtjacken anzuziehen, sondern weil Andrea uns eingeladen hat, die Nacht vor der Abreise in ihrer (und Claudias) wunderbarer St.Pauli-Wohnung zu verbringen. Zwar weigert sich der Fahrstuhl ihres Hauses, unseren Maxikoffer zu transportieren, so dass wir ihn die zwei Treppen raufschleppen müssen, doch werden die Mühen reichlich durch ein vorzüglichen Nachtmahl im genau gegenüberliegenden indischen Restaurant „Samrat“ ausgeglichen. Wir dürfen auf der üppigen Liegewiese ihres Wohnzimmers nächtigen und zum Frühstück die leckeren Reste verzehren, die wir abends nicht bewältigen konnten.

Auf dem Riddarfjorden in Stockholm schwimmen Eisschollen

Mittwoch, 1.3.

Entspannter Start in unseren ersten Reisetag. Wie geplant treffen wir um 9.15 Uhr im Flughafen Fuhlsbüttel ein. Hier treffen wir Gesinchen und Thomas, die schon am Vorabend eingetroffen sind und die Nacht im Flughafenhotel verbracht haben. Gut gelaunt werden wir unsere Koffermonster los und es gelingt sogar, zwei

Frisör im Gamlestan

teure Ultraschalldetektoren durch die Handgepäckkontrolle zu schmuggeln, ohne den sorgfältig verpackten Karton öffnen zu müssen. Nach nur eineinhalb Stunden treffen wir in Stockholm ein, wo wir 9 Stunden Wartezeit auf den Anschlussflug haben. Das lohnt einen Abstecher nach Stockholm. Der Arlandaexpress, der in nur 20 Minuten das Zentrum von Stockholm erreicht, erweist sich als zu teuer (56€ p.P. hin und zurück), die wesentlich günstigeren Mehrpersonentickets gibt es leider nur von Donnerstag bis Sonntag, so dass wir die langsamere Variante FLyggbusset wählen müssen, die doppelt so lange braucht, aber auch nur die Hälfte kostet. Aber erst müssen wir erst einmal unsere Reisetruppe vervollständigen. George und das Geburtstagkind treffen um 15.20 Uhr aus Frankfurt ein. Gemeinsam legen wir den endlosen Weg vom Terminal 5 nach Terminal 4 zurück, die Flughafengebäude haben gigantische Ausmaße. Hier verstauen wir das Handgepäck im Schließfach und erwischen den nächsten Flughafenbus. Trotz

Stortoget im Gamla Stan

eines Staus auf der Autobahn sind wir kurz vor fünf an der Centralstation und finden nach kurzer Suche ein Postamt, wo wir mit Hilfe eines sehr freundlichen Beamten unsere Ultraschalldetektoren nach Uppsala versenden können. Das Altstadtviertel Gamla Stan liegt nur wenige Schritte entfernt auf einer kleinen Insel. Unter der Brücke treiben mächtige Eisschollen Richtung Ostsee. Ansonsten liegt hier im Süden Schwedens kaum Schnee, aber das Wetter ist allerbest! Soviel Sonne haben wir nach vier Monaten Pieselwetter in Schleswig-

Ankunft am Kiruna „Flughafen“

Holstein kaum erlebt, was die pittoresken Häuser der Altstadt gleich noch liebenswerter macht. Die Zeit reicht kaum für eine Stadtbesichtigung, aber wir bekommen doch eine Vorstellung von der vielgerühmten Schönheit der schwedischen Hauptstadt. Und wir haben abermals Glück. Zufällig finden wir am Stortoget ein sehr gemütliches Restaurant „Misteln“mit einer ebenso netten Bedienung. Sie hat in Köln studiert und wir brauchen unsere mangelnden Schwedisch-Kenntnisse nicht zu bemühen (abgesehen davon sprechen alle Skandinavier fließend Englisch Dank der fehlenden Synchronisierung  der Spielfilme!) Die Speisekarte ist vielfältig, und alle sind mit ihrer Wahl

Nächtliche Landung in Kiruna

zufrieden. Mein gebratener Lachs war der beste, an den ich mich erinnern kann. Auf dem Rückweg zum Busbahnhof zeigen sich die zunehmende Mondsicher und Venus eng bei einander am klaren Nachthimmel. Zurück am Terminal 4 treffen wir Ben, und unsere Reisegruppe ist vollzählig! Pünktlich um 9.50Uhr hebt der Flieger nach Kiruna ab. Bei der Landung haben wir endlich Schnee, soweit das Auge reicht! Wir nehmen den Flughafenbus, der uns ins Stadtzentrum bringt. Dort rutschen wir in knapp 10 Minuten zu

Auf dem Weg zum Hotel kann amn den Koffer auch als Schlitten benutzen

unserem Hotel „Winterpalatsed“. Da es bergab geht, benutzen Dorothea und  ihren Koffer als Schlitten. Die schlaftrunkenen Kiruner müssen nicht schlecht gestaunt haben, als eine kreischende Oma an ihrem Haus entlang rutschte.

Das Hotel ist wirklich ein Wintermärchen aus Holz mit spitzen Giebeln, an denen die Eiszapfen hängen. Auch die Zimmer sind sehr gemütlich eingerichtet. Es gibt eine kleine

Gruppenbild vorm Hotel

Lobby, in der wir uns kurz nach Mitternacht treffen, vergeblich bemüht, unsere schlafenden Mitbewohner nicht mit unserer Albernheit zu stören. Das Geburtstagskind bringt einen Toast aus uns spendiert eine Flasche mxikanischen „Don Julio“ (Siehe den Blog „Barre oo Hochtiedstuur“), George seinen geschmuggelten italienischen Rotwein Varbera, dazu gibt’s Dips und Wurst.

 

Vernichtung der Vorräte

Donnerstag, 2.März

Morgens schneit es immer noch, aber im Osten blinzelt die Morgensonne. Letzte Möglichkeit, einen Irrtum zu bekennen. Ich war der Auffassung, nördlich des Polarkreis herrsche im Winter Polarnacht, und erst m 21.März käme die Sonne erstmals über den Horizont. Stimmt nicht, Polarnacht herrscht am Polarkreis nur am 21.Dezember. Zum Ende des Winters rutscht diese Grenze nach Norden, und wird am 21.März am Pol von der Mitternachtssonne abgelöst, die dort bis zum 23.September nicht mehr verschwindet.

Nach dem üppigen Frühstück machen wir uns auf den Weg zu einem kleinen Stadtspaziergang. Bemerkenswert

Das Stadthaus und der Uhrenturm fallen der Spitzhacke zum Opfer

ist das Rathaus, das einen riesigen Versammlungsraum beinhaltet und einen imposanten stählernen Uhrenturm. Das Ganze wird in wenigen Jahren mitsamt einem Großteil der Stadt abgerissen werden, um dem Ausbau des Lebensnervs der Stadt, der Eisenerzmine, zu weichen. Wenige Schritte entfernt auf der Spitze steht eine beeindruckende

In wenigen Jahren wird sie an anderer Stelle wieder aufgebaut

Stabkirche, die in der Architektur einer Lappenhütte nachempfunden ist, und, wie die Stadt Kiruna selbst, am Anfang des 20.Jahrhunderts entstanden ist. Oben an der Fassade sind 12 vergoldete Skulpturen angebracht. Es sind keine Heiligenbilder, sondern Allegorien der menschlichen Tugenden und Gefühlsregungen, wie Trauer, Demut und Frömmigkeit. Dazu gehört ein separater Glockenturm von enormer Größe. Diese Kirche wird nicht abgerissen, sondern in den sicheren Bereich versetzt werden. Unser Spaziergang endet im Café Safari, wo wir 4(!) Kannen Kaffee vorgesetzt bekommen, dazu leckeren Kuchen. Solchermaßen gestärkt, holen wir unser Gepäck und bringen es zum Busbahnhof im Zentrum. Hier ist eine meterhohe Rakete der europäischen Raumfahrtbehörde aufgestellt, mit denen in einem deutsch-schwedischen Forschungsprojekt die polnahe Atmosphäre untersucht wird. Das Wetter hat sich inzwischen zum Kaiserwetter gemausert. Der Bus bringt uns durch verschneite Wälder in das etwa 20km entfernte Jukkasjärva. Der kleine Ort ist vor allem wegen seines Eishotels ein Touristenmagnet.

Eine Nacht im Eishotel, das sollte die Geburtstagsüberraschung für Manke sein. Die Rezeption befindet sich im warmen Bereich, alle anderen Gebäude haben frische -7°C, auch dies vergleichsweise mild zu den -16°, auf die das Thermometer in dieser Nacht fällt. Ich nutze die Gelegenheit, in der untergehenden Sonne

Sonnenuntergang in Jukkasjärvi

Fotos der tonnenartigen Gebäude zu machen, in denen die circa 60 Schlafräume und die Eisbar eingerichtet sind. Dadurch verpasse ich die Einführung, die uns die das total sympathische Personal angedeihen lässt. Das wäre wichtig gewesen, denn hier ist doch so manches anders als in gewohnten Hotels. Wir bekommen ein Vierbett- und zwei Zweibett-Appartements. Dazu gehören im warmen Bereich zwei Kabinen bzw große Schließfächer, in denen wir unser Gepäck verstauen können, denn ins „Schlafzimmer“ wird nur das Notwendigste mitgenommen. Wir haben Gelegenheit, uns alle Zimmer anzuschauen. Jedes ist sehr individuell von Künstlern aus Eisblöcken gestaltet worden Jede der unzähligen Skulpturen ist ein Unikat, das nur eine Saison (Dezember bis April) überdauert. Den Rest des Jahres dauert der Aufbau für die kommende Saison, beginnend mit dem Schneiden der Eisblöcke aus dem wenige Schritte entfernten See im März, deren Einlagerung bis zum Herbst, bis die Künstler mit ihren Meißeln und Sägen Hand anlegen.

Es droht Polarlicht! Die Kamera wird klargemacht

Bevor wir endgültig in die Kälte abtauchen, können wir uns in der Sauna aufwärmen, die von 6Uhr bis 22Uhr geöffnet ist. Danach sitzen wir zusammen und warten auf den Aufbruch in das reservierte Restaurant. Unerwartet kommt eine junge Frau zu uns:“ I can tell you there is a little polar light“.Wie elektrisiert fahren alle hoch und stürzen mehr oder minder bekleidet ins Freie. Und tatsächlich zeigt sich am Nordhimmel ein heller Streifen! Zunächst könnte man ihn für eine leuchtende Wolke halten, aber rasch breitet sich die Erscheinung Richtung Zenit aus und nimmt bald den gesamten Nordhimmel ein: Unser erstes Polarlicht! Wir hatten die klammheimliche Hoffnung, dies erleben zu dürfen, aber zu oft haben wir von Touristen gehört, die von weither (Südostsien) angereist waren, um Polarlichter zu erleben, und enttäuscht wieder abreisen mussten. Es gehört nicht nur ein klarer Nachthimmel dazu, wie er heute zum ersten Mal nach Wochen da ist. Auch die Sonnenaktivität muss stimmen, und dazu braucht man noch ein Quäntchen Glück. Und das haben wir heute. An den Rändern gezackt zum Horizont hin, immer heller werdend und sich rasch verändernd, mit schemenhaften Schleiern verbunden. Es ist unglaublich! Alle starren in den Himmel, die meisten versuchen, mit ihrem Smartphone Bilder zu schießen (mit Blitzlicht!), während andere bemüht sind, dieses Naturwunder in sich aufzunehmen, denn mit Worten allein kann man es nicht beschreiben! Beinahe hätten wir unser Abendessen versäumt, eine Viertelstunde laufen wir die Straße entlang und schauen immer wieder nach oben. Es ist wie ein Rausch! Im Restaurant müssen wir lange warten, aber die reichhaltige

Langes Warten auf das Abendessen

Auswahl und die leckere Zubereitung entschädigen uns. Vor allem mundet auch das lokale Bier, das mit seinem starken Hopfen auf den norddeutschen Geschmack abgestimmt ist. Auf dem Rückweg, den wir über den zugefrorenen See wählen, haben wir das volle Himmelsprogramm mit vielfältigem Farbspiel, dessen Wirkung man sich nicht zu entziehen vermag. Kein Wunder, dass die einheimische Mythologie das Polarlicht mit Botschaften der Verstorbenen in Verbindung bringt.

Ab Mitternacht geht es in der Polarbar hoch her!

Zurück im Eishotel genießen wir die behagliche Wärme von -7° (außen -16°) bei Cocktails und anderen Alkoholika, die uns das Geburtstagskind in Trinkgläsern aus Eis spendiert. Man kann sie zwar nur mit Handschuhen anfassen, aber muss sie nicht mit Eiswürfeln verwässern, um die Kälte zu genießen.

Solchermaßen gestärkt, lassen wir uns auf die finale Eishotel-Herausforderung ein – die Übernachtung. Im Schlafanzug, Schal und Mütze lassen wir uns den doppelten Schlafsack aushändigen, Leineninnenteil und dickes Polyesteraußenteil. Dazu bekommen wir dicke Boots für den Weg und begeben uns zu den Schlafstätten, wo eine gespenstische Stille herrscht. Mit uns im Bett, auf dessen Schaumstoffmatratzen dicke Felle liegen, sind Markus und Benedikt. Es dauert einige Zeit, bis wir uns in unsere Schlafsäcke eingefädelt und Mütze und Schal justiert haben. Nacheinander säuselt einer nach dem anderen vor sich hin. Ich brauche lange Zeit, um zur Ruhe zu finden.

Eisnixe

 

Freitag, 3.März

Um halb acht werden wir von einer freundlichen jungen Hoteldame geweckt. Ich bin gerade so warm und kuschelig und schlafe noch ein Stündchen. Frühstück gibt es in einem unweit gelegenen Restaurant, gewohnt opulent. Der Himmel ist strahlend blau und die Morgensonne lädt zu einem Spaziergang über den See ein zu

Tanzeinlage auf dem See

einer kleinen Kapelle. Unterwegs sind Hundeschlitten, die von japsenden Huskies gezogen werden, Motorschlitten und ganz normale PKW. Der kürzeste Weg ist nicht immer der schnellste, denn im Tiefschnee kommt man langsamer voran als auf den ausgefahrenen Routen der Fahrzeuge. Nächstes Ziel ist die alte Kirche von Jukkasjärvi, die Anfang des 17.Jahrhunderts gebaut wurde und damit erste Zeugin der gerade erfolgten Christianisierung. Entsprechend schlicht ist die Gestaltung

Amischlitten vor der Kirche von Jukkasjärvi

des Altarraums mit reliefartigen Bildern, die wohl aber jüngeren Datums sind. Direkt bei der Kirche findet sich ein großes Zelt aus der Samikultur, in dessen Mitte ein großes Holzfeuer brennt. Dort werden in gusseisernen Pfannen Rentier-Burger produziert, aber man darf auch ganz normal Kaffee und Kuchen verzehren. Dazu kann

Die Schlittenhunde sind sehr aufgeregt

man uralte Schwarz-Weiß- Stummfilme anschauen, die eindrucksvoll das nomadische Leben vor vielleicht 100 Jahren zeigen. Zurück im Hotel gönnen wir uns noch einige Saunagänge, bevor wir mit dem HalbfünfUhrBus nach Kiruna zurückfahren.

Samizelt bei der Kirche von Jukkasjärvi

Wir verbringen eine Nacht im SPiS-Hotel im Zentrum, weniger komfortabel als unser Vinterpalatsed, aber mit ausgezeichneter Küche und charmantem Personal. Nach dem Essen treffen wir uns auf einem unserer Zimmer und wenden uns erfolgreich der Vernichtung der mitgebrachten Flüssigbrennstoffe zu. Das Gespräch dreht sich einmal mehr um unsere großartige Familie, über die nie genug gerätselt und geschwatzt werden kann. Mit entsprechender Bettschwere suchen wir unsere Schlafstätten auf.

 

Samstag, 4. März

Das Frühstücksbuffet im SPiS braucht den Vergleich nicht zu scheuen und auch das Wetter an diesem

Auf Eis rutscht es sich prima

Samstagmorgen nicht. Ein letztes Mal ziehen wir um in unseren geliebten Vinterpalatsed. Wir begeben uns zum Zentrum, wo wir um 13.45 Uhr ein Kulturprogramm der besonderen Art genießen: die Besichtigung der LKAB-Eisenmine. Wir besteigen einen stramm gefüllten Bus und werden von einer resoluten Führerin begrüßt.

Minenarbeiter in der LKAB Mine

Die Mine befindet sich seitlich der Stadt Kiruna, wo Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Förderung von Eisenerz begonnen wurde. Das Erz ist von bester Qualilät („Schwedenstahl“), aber erst zu dieser Zeit wurde ein Verfahren zur Abtrennung des Phosphors entwickelt, das in diesem Erz reichlich enthalten ist. Die größte Herausforderung war in den Anfangsjahren der Bau einer Eisenbahnverbindung von Kiruna zum eisfreien Hafen im norwegischen Narvik, über die bis zum heutigen Tag das gewonnene Erz abtransportiert wird. In jedem Satz unserer Führerin schwingt der Stolz mit über die gewaltige Aufbauleistung. In der Tat verknüpfen sich zahlreiche Superlative mit der Mine und der Bahn. Obwohl nur 1% der weltweiten Eisenproduktion in Kiruna abgewickelt wird, handelt es sich um die größte und modernste Mine der Welt und um die größten Lokomotiven, die Tag für Tag Dutzende Züge mit 68 Waggons à 100 Tonnen ziehen. Ich will nur noch eine mir erinnerliche Zahl nennen: Die Entlüftung bläst 3500 m³ Frischluft durch die Anlage, pro Sekunde! In den ersten Jahrzehnten wurde das Erz nur im Tagebau gefördert, das dem zentralen Berg sein charakteristisches

Warten auf den Abtransport

terrassenförmiges Aussehen verleiht. Es muss eine viehische Arbeit gewesen sein, die den Arbeitern ohne maschinelle Unterstützung in diesem harten Klima zugemutet wurde. Erst Jahrzehnte später wurde ein fast senkrechter Stollen in das Erz getrieben, bis heute bis auf 1150 m Tiefe. Unser Bus fährt durch ein kompliziertes Tunnelsystem zu einem Besucherzentrum in 500 m Tiefe. Es herrschen angenehme 10°C hier unten. Wir bekommen einen Helm und werden von unserem eloquenten Guide etwa zwei Stunden herumgeführt, lernen viel über die Bohr- und Fördertechniken, bestaunen die monströsen Maschinen, die heute die Förderarbeit verrichten und erfahren schließlich den Grund, weshalb die halbe Stadt abgerissen werden muss: In dem zwischen Schacht und Stadt gelegenen Massiv treten Risse auf. Die dadurch hervorgerufenen Verwerfungen können zum Einsturz der darüber stehenden Gebäude führen. Safety first!

Abends gehen wir zu einem Thai-Restaurant, in dem wir einen Tisch reserviert haben. Leider ist der Betrieb das Gegenteil von skandinavischer Gemütlichkeit. Man begibt sich in einen Schlange, um sein Essen und bezahlen zu können und bekommt einen Pieper, der einem mitteilt, wann man das Bestellte abholen kann. Das Essen schmeckt gut, aber die Atmosphäre verdirbt den Appetit.

 

Sonntag, 5. März

Gesine und Markus beim Crosscountry Wearldcup

Heute ist individuelles Programm. Dorothea, Ben und Thomas nutzen das strahlende Wetter, um einen Berg Luossavaara zu besteigen. Durch den Tagebau wurde der Berg halbiert. Von seiner Spitze kann man die höchste Erhebung Schwedens, den Kebnekais, aus der Ferne bewundern. George sucht das Hallenbad auf und ist ziemlich begeistert von seiner Qualität. Manke, Gesine und Axel leihen sich Langlaufskier und schnallen sie in einem ausgedehnten Loipenrevier an. Die Skier sind nicht gerade gut, man rutscht schon bei geringen Steigungen zurück und muss den Schlittschuhschritt anwenden. So kommen wir alle schnell in Schweiß. Andrea und Manke als Skiprofis sind kaum zu bremsen und toben sich auf einer weiteren Loipe aus. Gesine ist zum ersten Mal auf Brettern und erstaunt, dass es leichter aussieht als es ist! Trotzdem treffen wir uns guter Dinge und unverletzt wieder.

Um 5 Uhr haben wir einen Tisch im SPiS-Restaurant reserviert und genießen, gerade nach der gestrigen Erfahrung, die stil- und genussvolle Esskultur.

Um 7 Uhr werden wir am Hotel zu einer Hundeschlittentour abgeholt. Zu Anfang gibt es reichlich Verdruss, weil

Bei der Ankunft freuen sich die Hunde offenbar auf den Einsatz

wir Cash bezahlen sollen, was in Schweden absolut unüblich ist und vor allem haben wir keine 10000 SEK über. Der Fahrer bedauert, aber das Internet sei ausgefallen und daher das elektronische Bezahlen nicht möglich. Wohl oder übel müssen wir zum Geldautomaten und den Betrag mit Thomas‘ Kreditkarte ratenweise abbuchen. Der Fahrer, der wohl auch für die Schlittenhunde zuständig ist, ist Armenier und berichtet über seine Familie, die durch den Völkermord der Jungtürken dezimiert wurde. Er spricht sehr gut englisch und erweist sich als ein lustiger Zeitgenosse. Dann geht es zum etwas abgelegenen Djurgarten, wo der Betrieb 100 Schlittenhunde unterhält. Hier werden wir mit wamer Kleidung und Schuhwerk ausgestattet. Das ist auch notwendig, denn die

Im Zelt kann man die erfrorenen Gliedr am Feuer auftauen

Temperaturen gehen auf -20° zurück. Wir treffen Clara und Nina, die unsere Schlitten führen. Clara macht diesen Job schon 10 Jahre. Sie besitzt selber 15 Hunde (Grönländer, Huskies und jede Menge Mischungen), die für sie wie Kinder seien. In der Tat behandelt sie ihre Hunde sehr liebevoll und hat sie trotz ihrer Wildheit sehr gut im Griff. Es dauert einige Zeit, bis alle Hunde eingespannt sind. Bei unserem Schlitten sind es elf. Sie sind sehr aufgeregt und kläffen wie verrückt. Erst als es losgeht, indem ein Erdanker gehoben wird, herrscht Stille und die Hunde stürmen vorwärts. Offenbar wirkt die Bewegung unmittelbar auf die Verdauung, denn alle paar Namen auf und spornt sie an. Sie erzählt, dass einige Hunde die Angewohnheit hätten, an jedem Baum das Bein zu heben. Sie zeigt aber viel Verständnis. Einer der Hunde sei schon 10 Jahre alt, da dürfe er etwas fauler sein. Die Leithündin ist viel jünger und durfte als Welpe bei ihr im Bett schlafen. Beneidenswert! Die Polarlichtwahrscheinlichkeit ist für diese Nacht mit Stufe 2 eingestuft worden, so dass wir uns keine großen Hoffnungen machen. Schon beim Losfahren waren aber deutliche Auroralichter zu erkennen. Innerhalb von wenigen Minuten nehmen sie dramatisch zu und plötzlich flammt der Himmel in vielen Farben. Die unablässig sich verändernden Lichter entlocken uns Begeisterungsschreie. Auch Clara ist beeindruckt. Sie habe schon Hunderte Nordlichter gesehen, doch dieses sei unter den fünf besten. Später verkürzt sie auf drei, und sagt, wie glücklich wir sein können. Überhaupt sei das Wetter in den letzten Wochen sehr unbeständig gewesen, es habe oft geregnet und in der Folge extrem glatt. Und nun Kaiserwetter von Beginn an, und zwei großartige Polarlichter! Wenn Engel reisen! Allerdings ist auch die Kälte nicht von Pappe. Trotz dicker gefütterter Stiefel werden die Zehen immer steifer, und so sind wir froh, als es nach zwei Stunden eine Pause in einem Zelt gibt, in dem Ararad ein wärmendes Holzfeuer entfacht. In zwei Kesseln wird mitgebrachtes Wasser erhitzt. Währenddessen verrät er uns augenzwinkernd ein Kaffeezubereitungsrezept, dass ihm ein alter Same verraten habe. Man müsse entweder 37 Bohnen in das kochende Wasser werfen, oder einen Berg Kaffeepulver daraufstreuen, wie er der Brust eines dreizehnjährigen Mädchens gleiche. Es muss sich um ein ungewöhnlich frühreifes Mädel gehandelt haben, so stark ist der Kaffee! Gegen halb elf sind wir wieder im Hotel. Es gibt Grog mit Andreas Rum und einen einen Multebeeren-Wodka-Cocktail, den wir anlässlich unseres 43. Hochzeitstages ausgeben.

 

6.März

Vermummte Snowmobilisten

An diesem letzten Tag unseres Urlaubs haben wir (außer George und Dorothea) eine Motorschlittenfahrt gebucht und treffen uns um halb zehn im Zentrum. Als erstes werden wir in raumfahrerartige Overalls und Moonboots gepresst. Unser Guide ist ein langer vollbärtiger Schwede namens Emil. Wir fahren mit einem Van in einen Wald östlich Kirunas, wo in einem Schuppen die Snowmobile geparkt sind. Ben und Manke, Gesine und Thomas sowie Andrea und ich besteigen jeweils ein Mobil, und werden sehr kurz in die Handhabung eingewiesen. Die ersten Versuche sind sehr holprig, das Snowmobil scheint sehr schwer zu lenken zu sein. Doch bald stellt sich heraus, dass es sich eher gutmütig verhält und in der Spur bleibt, vor allem bei höheren Geschwindigkeiten. Wir fahren auf verschneiten Waldwegen und bisweilen hoppelt es mächtig. Immer wenn eine Tierspur den Weg kreuzt, hält

Fuchs nimmt Fährte eines Kaninchens auf

Emil an, und erläutert, was für Tiere es waren, z.B. ein Fuchs, der sich an die Fährte eines Kaninchens heftet. Besonders beeindruckend sind die gewaltigen Spuren der Elche. An einer Stelle haben offenbar eine Elchkuh und ihr Junges gelagert. Auf den Seen und Flüssen kann man schneller fahren (bis 70km/h), was vor allem Andrea liebt. Auf dem Rücksitz ist der Fahrtwind sehr heftig, der trotz der Vermummung bei -16° in Gesicht und Lunge dringt. Auch auf dieser Tour gibt es eine Kaffeepause. Emil beeindruckt mit einem Feuer, dass er mit Zunder, Flintstein und frisch geschabter Birkenrinde entfacht. Dazu bietet er leckere Snacks an: Elch- und Rentiersalami, Rentierherz (sehr lecker!) Der Rentierkäse, der statt Milch in den Kaffee gegeben wird, ist für mich nicht der Renner! Um halb drei sind wir zurück und warten im Vinterpalatsed auf das Taxi, das uns um sechs Uhr zum Bahnhof bringt. Der Zug läuft pünktlich ein. Wir haben im Liegewagen ein schönes Abteil für uns,

Skulptur am Bahnhof von Kiruna

leider nur mit 6 Schlafplätzen, so dass zwei im Nachbarabteil nächtigen. Gesine und Thomas übernehmen das freundlicherweise! Aber erst machen wir es uns mit unseren festen und flüssigen Resten sehr gemütlich. Der Zug wirkt altmodisch, ist aber sehr konfortabel und fährt nahezu geräuschlos, was uns eine angenehme Nacht beschert.

Im Liegewagen ist es eng, aber gemütlich

 

Dienstag, 7.März

Kurz vor neun rollt der Zug in Stockholm ein. Trotz vieler Haltepausen ist er pünktlich. Wir schließen unser Gepäck ein und suchen ein gemütliches Café auf. In Stockholm herrscht dichtes Schneetreiben, was unsere Lust auf den geplanten Stadtbummel deutlich schmälert. So suchen wir schon um halb zwölf den Flughafenbus auf, doch es wird noch einmal aufregend. Auf dem verschneiten Autobahnstück hat sich ein Unfall ereignet, so dass eineinhalb Stunden lang nichts mehr geht. George, Markus und Ben, deren Flieger schon um 14 Uhr abgeht, verlassen nach 1 Stunde den Bus und ziehen die Koffer zu der nächstgelegenen Bahnstation. Tatsächlich – und nur so – schaffen sie es, rechtzeitig am Flughafen einzuchecken. Wichtig vor allem für Ben, der schon morgen nach Mexiko fliegt! Für die Hamburger hat das Warten eine halbe Stunde später ein Ende. Der Stau löst sich auf und wir kommen zeitig an.

Der Flug verspätet sich um eine halbe Stunde. So kommen wir gegen 19 Uhr in Fuhlsbüttel an, wo wir uns endgültig in verschiedene Richtungen verstreuen.

Fazit: Wir hatten unendlich Dusel mit den nicht planbaren Umständen (Wetter, Polarlicht). Es hat allen sehr viel Spaß gemacht – und wir waren eine tolle Truppe!

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Barre op Segeltuur

September 20, 2016 at 8:16 pm (Uncategorized)

Obwohl ich seit fast fünfzig Jahren im Seglermekka Kiel lebe, ist diese wunderbare Beschäftigung leider weitgehend an mir vorbeigegangen. Deshalb sage ich sofort zu, als sich die Möglichkeit bietet, an einem Mittelmeertörn teilzunehmen. Dorotheas Cousin Michael (Micki) ist begeisterter Segler und hat seine Cousins zu einer einwöchigen Tour in der liparischen See eingeladen. Obwohl nur anheiratet, darf ich mitmachen. Als reiselustiger Rentner gönne ich mir ein paar Extratage.

  1. September

Auch nach 42 Ehejahren fällt mir der Abschied von meiner Liebsten immer noch schwer, zumal ich sie auf einem Berg Arbeit sitzen lasse.

Innenhof der Khadiseh-Pension

Innenhof der Khadiseh-Pension

Die Zugfahrt zum Flugplatz Weeze nimmt einen halben Tag in Anspruch. Beginnend in einem über füllten Regionalexpress nach  Hamburg erwische ich den ICE nach Dortmund knapp, doch dort verpasse ich den Anschlusszug. Irgendwie komme ich trotzdem rechtzeitig zum Flugplatz, wo der Billigflieger nach Palermo um 17 Uhr startet. Für das gesparte Geld muss man einem unbequemen Sitzplatz büßen, so dass knapp zweieinhalb Flugstunden zuviel  sind. Der Flughafen Falcone ist 40 km von Palermo entfernt und der Zug ist senza functione. Bevor ich den lockenden Taxifahrern ins Netz gehe, erwische ich einen Shuttlebus, der bis zum Bahnhof fährt. Meine gebuchte Pension Khalisah ist fußläufig erreichbar, aber in der Dunkelheit nicht leicht zu finden. Der Eingang ist verschlossen, aber da ist ein Brief angeklebt (dear Axel….), der mir den Türcode verrät, und wo ich den Schlüssel finde und wo mein Zimmer ist, nämlich außerhalb in der Via Scopari 37. Ein uraltes Gemäuer mit einem liebevoll ausgebauten Zimmerchen. Die Gegend ist nicht gerade vornehm, aus den gegenüber liegenden  Mietshäusern schallt Hundegekläff und lautstarkes  Familienleben. Nach einem erfrischenden Duschbad, ausgestattet mit einem guten Stadtplan mache ich mich auf den Weg in Palermos Nachtleben. Und ich muss nicht lange suchen. Wenige Schritte entfernt, ab der Piazza Marina  beginnt ein Viertel, wo der Bär tanzt. An jeder Ecke Lifemusik, Straßencafės, Kneipen und mitten in der Woche jede Menge gutgelaunter  junger Leute, wie sie bei uns bestenfalls zur Kieler Woche anzutreffen ist. So ist es schon früher Morgen, als ich satt und lieb in mein ziemlich unbequemes Bett falle.

  1. September

Am nächsten Morgen werde ich durch einen bühnenreifen Ehestreit aus den Nachbarhäusern geweckt. Ich lerne ich meinen freundlichen

Chiesa San Cataldo und La Martorana

Chiesa San Cataldo und La Martorana

Gastgeber kennen, der mir außer einem süßen Calazione auch eine ausgiebige Einführung in Palermos Geschichte und Sehenswürdigkeiten offeriert. Er ist sehr gut informiert über das  Mittelalter und berichtet von dem Normannenkönig Roger I., seiner religiösen Toleranz, seiner Tochter Constanza, die durch ihre Heirat das Staufergeschlecht an die Regierung brachte. Fast liebevoll erzählt er von dem früh verwaisten, vom Papst erzogenen Friedrich II, Enkel von Friedrich Babarossa, der nicht nur hochbegabt und kunstsinnig, sondern auch machtbewusst war und erst König von Sizilien, später Kaiser des Heiligen  Römischen Reiches und nach erfolgreichen Kreuzzug auch König von Jerusalem wurde. Jedenfalls haben er und seine Vorfahren in Palermo jede Menge Baudenkmäler hinterlassen, die alle zu besichtigen an einem Tag nicht zu schaffen ist. Trotzdem mache mich wohlgemut auf den Weg, erwerbe erst am Bahnhof eine Fahrkarte für meine morgige Fahrt nach Milazzo, wo ich meine Mitsegler zu treffen hoffe. Dann schlendere ich gemächlich in die Altstadt, die Via Maqueda entlang bis zur Chiesa San Cataldo und La

Piazza Pretoria

Piazza Pretoria

Martorana, einer schönen Kirche im normannischen Baustil mit unverkennbar maurischen Einflüssen. Gleich daneben die Piazza Pretoria, die von einem riesigen Springbrunnen mit Dutzenden nackter Götter- und Nymphenstatuen beherrscht wird, eingerahmt durch das Rathaus und die Chiesa San Caterina. Dann wandere ich in der Mittagswärme durch schmale Gassen zum Normannenpalast, dem größten und bedeutendsten Bauwerk, das sich auf einer Anhöhe erstreckt. Schon von außen zu bewundern, zu einer Besichtigung des Inneren reicht meine Energie leider nicht, obwohl die Cappella Palatina sicher den Besuch gelohnt hätte. Stattdessen wieder stadteinwärts durch die Porta Nuova in die zum Glück verkehrsberuhigte Hauptstraße Vittorio Emanuele, auch Cantaro genannt. Zur Linken die riesige Kathedrale, deren Inneres die Sarkophage von Friedrich II, seiner Eltern Heinrich und Constanza und anderer Herrscher beheimatet. Die Kreuzung von Cantaro und der Via Maqueta heißt Quattro Canti. Jede

Eine der Quadro Canti

Eine der Quadro Canti

der Ecken ist mit einem riesigen Relief spanischer Könige geschmückt. Gleichzeitig teilt die Kreuzung die Altstadt in ihre vier Stadtteile Albergeria (Südwesten), La Kalsa(SO, dort ist meine Unterkunft, Capo (NW) und Vucceria(NO), wo das Nachtleben und tags der Straßenhandel blüht. Ich gönne mir eine Siesta in meinem Kämmerchen. Der Abend verläuft wie der Gestrige, dolce vita…

9.September

Fischstand an der Vucceria

Fischstand an der Vucceria

Nach dem Frühstück bleibt mir noch ein gutes Stündchen bis zur Abfahrt, welches ich zu einem Besuch der Vucciria, des größten Marktes in Palermo nutze. Ich hätte wohl früher aufstehen müssen, die meisten Fisch- und Gemüsestände sind schon am Abbauen. Aber die Zeit reicht noch für einen Cappuccino an der schönen Piazza San Domenico. Auf dem Weg zum Bahnhof werde ich von einem mächtigen  Platzregen überrascht. Während ich mich unterstelle, rennen Dutzende Kinder an mir vorbei, alle pitschnass aber strahlend. So was erleben sie wohl nicht so oft.

Zugfahrten ist in Italien richtig preiswert. Allerdings ist der Sitzkomfort nicht so toll. Dafür wird man auf der Fahrt nach Milazzo mit einem grandiosen Ausblick belohnt, denn die Eisenbahnstrecke verläuft unmittelbar an der sizilianischen Nordküste. Nach dreieinhalb Stunden kommen wir an. Ein Bus bringt mich direkt an den riesigen Hafen von Milazzo. Gerade als ich mich nach dem Weg zumeinem Hotel erkundigen will, stehe ich davor direkt an der Promenade. Der Hafen ist voller Boote. Ob ich unseres finden werde? Abends Essen in einem wunderbaren Restaurant in einer stillen Seitenstraße. Als ich gegen sieben Uhr komme, bin ich der erste an einem der vielen Außentische, als ich gegen neun weggehe, sind innen und außen alle Plätze belegt. Also rechtzeitig ankommen! Nachts weckt mich ein heftiges Gewitter. Als ich aus dem Fenster schaue, gießt es wie aus Kübeln und die Straße ist überflutet. Im kalten Deutschland herrscht derzeit eitel Sonnenschein mit Temperaturen über 30 Grad. Aber ich bin ganz froh, wenn wir von der Hitze verschont bleiben.

  1. September

Langer Tag Warten auf die Mannschaft. Als erstes kommt Petka um zweie mit dem Bus aus Catania an. Zwischenzeitlich hatte ich mit Mickis Hilfe unseren Skipper ausfindig gemacht und unser Schiff „Paloma“ am Steg des Yachthafens gefunden. Auf www.meridian-yachting.com findet ihr nicht nur das Logbuch unseres (und anderer) Törns, sondern auch die Rezepte aus der Bordküche, mit denen wir verwöhnt wurden. Fotos mit freundlicher Genehmigung von Marita Höning und Jens-Peter Gallin.

Arnold und Marita verabschieden sich gerade von der Vorgängercrew und haben dann mit der Vorbereitung unseres Törns zu tun. Aber ich kann mein Gepäck aus dem dem Hotel holen. Gemeinsam mit Petka, ausgestattet  mit Arnolds Sackkarre, holen wir die Alkoholika an Bord, die wir in der Woche wohltätigen Zwecken zuführen wollen. In der Tropicanabar warten wir bei ein paar Bierchen unsere Verwandten. Kurz vor sechs treffen George und Markus ein. Mikki ist derweil noch in der Luft, er ist erst am Nachmittag von Köln aus gestartet. Daher kann nicht vom Begrüßungsgin profitieren und von dem schönen Essen in der Casalinga, dem Restaurant, das ich am Vortag kennen gelernt hatte. Dann ist es Zeit, Micki abzuholen, der mit dem letzten Zug aus Catania eintrifft. Der Abend endet mit reichlich Bier , Grappa und Wein an Bord.

Die Paloma ist mit 8 Schlafplätzen ausgestattet. Mit Hinweis auf mein Schnarchen bekomme ich eine Doppelstockkabine zugeteilt, in der außer mir unser Gepäck übernachtet.

  1. September
Stromboli vom Meer aus

Stromboli vom Meer aus

Am Sonntag Morgen werden wir mit Obstsalat, frischen   Brötchen und Kaffee verwöhnt, bevor es um halb zwölf Leinen los heißt. Es weht es leichter Westwind, der uns mit 3 bis 6 Knoten auf Kurs Stromboli bringt. Wir wechseln uns am Steuer ab, während Micki und Arnold die Segel Position optimieren und Micki uns beibringt, wie man anhand der Bändsel an der Genua die bestmögliche Anströmung erreicht. Zwischendurch schläft der Wind immer mal wieder ein, sodass wir ein Stückchen unter Motor fahren müssen. Aber am Spätnachmittag brist es wieder auf, so dass wir bis in die Dunkelheit segeln können. Zwischendurch bekommen wir ein fantastisches Mittagessen Gnocchi mit Pilzsauce serviert. Kurz nach Neun schläft der Wind endgültig ein, so dass wir die letzten 25 Seemeilen Motoren müssen. Um uns herum gewittert es, aber wir können den Sternenhimmel genießen, besonders nachdem gegen ein Uhr der Mond untergeht. Vor uns taucht die Kulisse des Stromboli auf. Als wir die Insel an der Westseite umfahren, werden wir durch eine imposante Eruption des Vulkans begrüßt, der weitere kleinere und größere folgen. Gegen drei ankern nach 53 sm in der Bucht vor Stromboli Ort. Nach einem Gin Fizz zur Ankunft geht es in die Heia.

  1. September

Am Morgen üben wir die Seemannswäsche: ins angenehm warme und klare Meer springen, einseifen, abspülen mit der Handdusche am Heck. Zum Frühstück gibt Arnolds bestes Rührei. Einige setzen mit dem Dhinghi über (Einkaufen und Müll wegbringen ist immer angesagt). Zwischendurch prüfende Blicke auf den Vulkan, dessen Gipfel meist in Wolken verschwindet, auch wenn der restliche Himmel klar ist. Marita und Arnold sind in den letzten Wochen schon zweimal auf dem Gipfel gewesen, ohne wegen Nebels auch nur eine einzige Eruption beobachten zu können. Da überlegen sie schon, ob sie die Mühen des Aufstiegs ein weiteres Mal auf sich nehmen.

Vor dem Aufstieg

Vor dem Aufstieg

Doch weil die Sicht sich stetig verbessert, entschließen sich alle, mitzukommen. Anders als 2004, als Dorothea, Anton seine Freunde und ich verbotswidrig ohne Führer aufgestiegen sind, schließen wir uns diesmal einer geführten Gruppe an, bei der wir auch mit Bergstiefeln, Helmen und Stirnlampen ausgestattet werden. Um vier beginnt der Aufstieg mit einem freundlichen Guide, der leider nur italienisch spricht. Schnell kommen alle in Schweiß, zumal wir einiges Gewicht vor allem in Form von Zweiliterflaschen Wasser zu tragen haben. Ich habe das Glück, durch Micki weitgehend vom Tragen unseres Seesacks entlastet zu werden, der um mein Wohlergehen rührend besorgt ist. Der Weg geht im Zickzack zunächst durch die Vegetation, ab 500m durch die Aschefelder, wobei sich

Am Gipfel des Stromboli

Am Gipfel des Stromboli

staubige und steinige Bereiche abwechseln. Trotz der Anstrengung ist der Blick auf das unter uns liegende Meer und zum Gipfel, vor dem sich die vor uns wandernden Gruppen scherenschnittartig abheben. Um viertel vor sieben, kurz vor Sonnenuntergang sind wir am Gipfel. Die Krater entziehen sich leider durch dicke Nebelschwaden unseren Blicken,

Nach dem Aufstieg

Nach dem Aufstieg

und auch die erste donnernd laute Eruption ist nicht optisch zu beobachten. Sollte die Mühsal vergebens gewesen sein? Doch nein, die Nebelschwaden heben und senken sich minütlich, und schon die nächste Eruption ist wunderbar wie ein Feuerwerk zu bewundern, und es bleibt nicht die einzige! Als die Ungeduldigen schon zum Aufbruch drängen, erleben wir die vierte Explosion in voller Schönheit und voller Dunkelheit. Um  acht Uhr beginnt der Abstieg. Die

Sonnenuntergang am Vulkankrater

Sonnenuntergang am Vulkankrater

Aschefelder sind wie Sanddünen, an denen man durch geschickten Einsatz der Fersen kraftsparend herabsurfen kann. Wegen der Steine muss man trotzdem sehr auf passen. So bin ich am Ziel abermals so verschwitzt, dass ich nicht mehr mit den Anderen in die Pizzeria gehen mag. Der

Stromboli speit Feuer

Stromboli speit Feuer

fürsorgliche Micki setzt mich mit dem Dhinghi über und zeigt mir den Weg durch die Luke in das verschlossene Boot. Trocken angezogen und ein Bierchen schlürfend erwarte ich den Rest der Truppe. Ein wohlverdienter Gin, und alle zieht es in die Koje.

  1. September

Gegen halb neun weckt uns ein kurzer, aber heftiger Schauer, der unvrrmutet aus einem blauen Himmel fällt. Die Seemannswäsche endet mit einer unangenehmen Überraschung für mich. Am Rücken spüre ich plötzlich einen heftigen Schmerz. Schnell schwimmen ich zur Treppe und spüle die schmerzende Stelle mit Süßwasser. Ein Fehler, sagen Arnold und Marita.Sie cremen die Quaddeln mit Fenistil ein, was sehr schnell zu einer Linderung führt. Nach dem Frühstück ist kaum noch was zu merken. Später sehen wir die Feuerquallen vom Boot aus. Sie haben ca 20cm Durchmesser und lange Tentakeln. Von nun an werde ich nur nach optischer Kontrolle ins Wasser gehen.

Stromboli achteraus

Stromboli achteraus

Nachdem die Einkäufer zurück sind, wird der Anker gelichtet, und hoffnungsfroh Segel gesetzt. Nach einer halben Stunde sind wir kaum vom Fleck gekommen sind, wird die Genua geborgen und der Motor gestartet, Kurs auf Isola Basiluzzo, ein großer Felsen mit bizarrem Begleitfelsen.

Felsen vor Paranea

Felsen vor Paranea

Die meisten legen sich in Aussicht eines langweiligen Törns unter Deck. Plötzlich ein Schrei: Delphine. Tatsächlich taucht eine Schule wenige Meter vor dem Boot auf. Es handelt sich um auffallend kleine Tiere, die zu zwei bis viert parallel schwimmen und Luft holen. Aber es kommt noch besser: eine imposante Gruppe größerer Tiere, hellgrau mit schöner dunkelbrauner Zeichnung Gefallen an unserem Boot gefunden und begleitet uns eine ganze Zeitlang, über mutig um den Bug herumschwimmend, wobei einer sogar gegen den Rumpf prallt. Das Highlight des Tages!

Angenehme Begleiter

Angenehme Begleiter

Delphine umkreisen das Boot

Delphine umkreisen das Boot

Bald gehen wir bei Basiluzzo bei Paranea vor Anker. Es ist sehr warm. Nach Tomatensalat, Oliven und Käse gehen die meisten mit Taucherbrille ins Wasser und sichten neben Fischlein viele Quallen. Muss ich heute nicht mehr haben. Petka repariert erfolgreich die defekte Fernbedienung des Ankermotors. Abends fahren wir rund um Panarea und ankern in einer idyllischen Bucht Calajunca. Wir speisen Marita und Arnolds Asiapfanne und verbringen den Abend in gewohnt geselliger Weise.

  1. September

Nach dem gewohnt leckeren Frühstück legen wir ab Richtung Salina. Zu unserer Freude können wir den Motor nach 300m abstellen und bei gutem nordwestlichen Wind segeln. Vor Salina ankern wir erst in einer Bucht und baden, bevor wir in den Yachthafen einlaufen. Hier können wir den Wassertank füllen und auch unsere Alkoholvorräte auffüllen. Die Hafengebühr ist horrende, obwohl mit 90€ weniger als halb so teuer wie in der Hochsaison. Salinas Hauptort ist charmant mit kleinen Sträßchen und netten Geschäften. Wir haben Zeit zum Bummeln und Käffchen trinken, während der Skipper un sine Fru ein exorbitantes Nachtmal zubereiten: Saltimbocca mit Krawattennudeln und mediterranem Salat, dazu ein leckerer Weißwein von  der Insel Salina.

  1. September

Wieder warmes Wetter mit wenig Wind. Vor dem Auslaufen wird das Wasser vom Steg zum Klarschiffmachen genutzt. Solange wir im Hafen sind, gelten an Bord strenge Regeln: ohne oben geht nicht! Bei schwachem SSO kreuzen wir längs Salina, bevor uns der ein schlafende Wind zum Motoren zwingt. In der schönen Punta Cugno Lungo machen wir eine Badepause und genießen gedünstete Paprikaschoten mit. Käse. Hinter uns liegt Salina mit seinen imposanten Zwillingsbergen, die noch ein Bisschen höher sind als der Stromboli. Während der Mittagspause frischt der Wind auf und weht mit 3 Stärken aus NW, so dass wir um halb vier mit raumen Wind weitersegeln. Anlässlich des Seemannssonntags gibt es Schoko- und Pistazienkuchen. Ein Wettrennen mit einer parallel fahrenden Yacht entscheiden wir für uns, weil die Feiglinge vorzeitig die Genua bergen und den Motor anwerfen. Müssen wir allerdings auch bald, um gegen Wind und Strom durch die Meerenge zwischen Lipari und Vulcano zu kommen.

So schön kann Vulkanismus sein zwischen Vulcano und Lipari

So schön kann Vulkanismus sein zwischen Vulcano und Lipari

Um halb acht ankern wir vor Vulcano. Die Insel macht ihrem Namen Ehre, denn überall längs des Bergkamms sieht man Schwefelschwaden senkrecht aufsteigen. Abends gibt es Rosmarin-Kartoffeln und sizilianische Bratwurst. Mmh..

  1. September

Entgegen der Prognose ist das Wetter wieder warm, sonnig und sogar windig. Doch bevor wir Segel setzen, lockt der Vulkan. Nach Kaffee und Obstsalat lassen wir uns von Arnold mit dem Dhinghi  zum Anleger übersetzen.  Es muss ein lustiger Anblick sein, wie sich 5  dicke   Männer in das kleine Brötchen quetschen, und hinterher haben wir alle einen nassen Hintern. Wir wandern wir eine Stunde zum Kraterrand hoch. Der Weg verläuft zunächst entlang der Straße, dann auf Asche aufwärts. Es war weise, früh zu starten, denn wir können den kühlen Schatten des Vulkans nutzen. Unterwegs wechselt der Untergrund. Wir laufen auf knallhartem rötlichem Lehm.

Am Kraterrand von Vulcano mit Blick auf Lipari und Salina

Am Kraterrand von Vulcano mit Blick auf Lipari und Salina

Dann stehen wir am Kraterrand, der kreisrund und einen halben Kilometer Durchmesser hat. Sein Grund ist ganz flach und lehmig. Ganz Mutige haben sich darauf mit Schriftzügen  aus Steinen verewigt. Der Vulkan hatte vor über 100 Jahren seinen letzten großen Ausbruch, aber er ist keinesfalls erloschen, wie die vielen Spalten und Löcher entlang des Rundweges anzeigen, aus denen stinkender Dampf aufsteigt. Diese Fuminellen befinden sich fast alle im nordöstlichen Teil des Kraterrands, während der eigentliche Gipfel auf knapp 400m Höhe im Süden liegt. Wanderer haben hier Steinsäulen hinterlassen, die wir erfolgreich um einige Steinchen erhöhen.  Schon wegen des Blicks hat sich der Weg gelohnt. Fast alle äolischen Inseln sind zu sehen. Im Westen Alicudi  und Filicudi, im Norden Lipari und Salina , Parinea und der Stromboli sind zu erahnen.  Erst kurz vor dem Ende des Rundwegs kommen wir zu den Fuminellen, aus denen leicht zischend der Dampf entweicht. Der Schwefel hat hier große gelbe Flecken hinterlassen, und direkt am Austritt bilden sich Nadelkristalle. Auf dem Rückweg freuen wir uns an den schwitzenden

Blick vom Kraterrand auf die liparischen Inseln

Blick vom Kraterrand auf die liparischen Inseln

Aufsteigern, die eine Stunde zu spät aufgestanden sind. An Bord ist das Frühstück fertig, und es gibt Wind! Wir müssen erst ein paar Schläge kreuzen, um aus der Windabdeckung von Vulcano frei zu kommen, aber dann geht es richtig los. Der Wind nimmt zu (4+ sagt Micki) und das Boot nimmt Fahrt auf (8,2 Knoten ist der Spitzenwert). So bringt Segeln richtig Spaß und erreichen nach zwei Stunden die Landzunge von Milazzo. Hier ist es mit dem Wind leider vorbei und wir müssen nach einer Ess- und Badepause unter Motor in den Hafen. Ärgerlicherweise hat die Bootshafencrew Maritas Reservierung verpeilt, und wir müssen in einen anderen Segelhafen ausweichen. Zum ersten Mal erlebe ich den Skipper missgelaunt. Aber beim abschließenden Essen im Casalinga ist die gute Stimmung zurück. Nachdem alle Alkoholvorräte an Bord wohltätigen Zwecken zugeführt wurden, schlafen wir ein letztes Mal in einer Koje. Micki und Petka verlassen uns schon kurz vor acht und kommen nicht mehr in den Genuss von Maritas leckerem Frühstück mit Obstsalat und Ei. George, Markus und ich verabschieden uns an der Haltestelle des Cataniabusses. Ich bringe noch zwei langweilige Stunden am trostlosen Bahnhof von Milazzo zu, wo man nicht mal einen Kaffee bekommt. Am Sonntag geht s von Palermo aus heim.

Fazit: Wir haben alles bekommen, was wir erhoffen konnten und mit Stromboli, Delfinen und Vulcano einige Highlights erlebt. Die Stimmung an Bord war ebenso wie das Wetter immer gut. Einfach Glück gehabt!

 

 

 

 

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Barre op Irlandtuur

Juni 29, 2016 at 10:13 pm (Uncategorized)

Unsere letzte größere Reise liegt nun schon eineinviertel Jahre zurück. Nun haben wir uns zu einer kürzeren, aber ganz anderen Art von Reisen entschieden. Zunächst einmal ist Irland für uns beide Neuland. Außerdem macht unser neues Auto, ein VW Caddy maxi, es möglich, auf andere Übernachtungsmöglichkeiten zu verzichten. Nach Umklappen der Rücklehnen haben wir dort ein recht gemütliches Ehebett, das von einem selbstgebauten Holzgerüst getragen wird. Das ist bemerkenswert, weil bislang alle Eigenbauprojekte an meinem Ungeschick gescheitert sind. Diesmal hat es aber geklappt: links und rechts zwei Staukisten mit Deckel, in der Mitte ein Tisch mit klappbaren Beinen und eine Schublade mit Kochkiste. Man soll also nicht aufhören, an sich zu glauben: Was Hänschen nicht lernt, lernt Opa Hans allemal! Außerdem hat mein alter Kollege Dierk uns sehr geholfen, das für Womoreisen unverzichtbare Zubehör zu besorgen, außer einem Butangaskocher, einem Unisexurinal, einer Minikühlbox, einem wunderbaren faltbaren Teekessel und faltbaren Schüssel und Sieb ist ein Heckklappenzelt vorhanden, das in sage und schreibe 2 Minuten unter der geöffneten Heckklappe trockenen Platz für’s Tischchen und zwei Zeltstühle schafft.

 

12.Juni 2016

Erst am Spätnachmittag starten wir unsere Reise, nachdem wir mit Dorotheas Fledermäusen und meinen Flüchtlingen so beschäftigt waren, dass zum Packen viel zu wenig Zeit bleibt. Immerhin passt alles gut in die Stauräume. Aber ganz gemütlich erreichen wir die Elbfähre in Brunsbüttel, die uns in eineinhalb Stunden nach Cuxhaven bringt. Dort biegen wir auf die A28 und machen nach einer halben Stunde in Bremerhaven Halt. Die sonst so belebte Meile am Neuen Hafen ist am Sonntagabend wie ausgestorben. Die Strandhalle, in der ich vor fünfzig Jahren Konfirmation gefeiert hatte, schließt mangels Kundschaft vorzeitig, so dass wir auf den schönen Weserblick beim Essen verzichten müssen. Grund ist das EM-Spiel Deutschland gegen die Ukraine, das um 9 Uhr beginnt. Zum Glück ist das benachbarte Lloyd Restaurant geöffnet, in dem wir uns mit Labskaus bzw Matjes verwöhnen lassen. Auch die Weserfähre verkehrt nicht mehr, so dass wir den Fluss weiter südlich durch den Tunnel bei Dedesdorf passieren müssen. Wir schlagen unser erstes Nachtlager auf einem einsamen Rastplatz direkt am Deich des Jadebusens auf, einer Gegend, aus der meine Vorfahren väterlicherseits stammen. Das bis dahin freundliche Wetter schlägt um. Es regnet die ganze Nacht, was uns nicht weiter stört, weil wir in unserem Caddy trocken und warm schlafen.

Auf dem Jadebusendeich

Auf dem Jadebusendeich

  1. Juni

Wir frühstücken in einem Café in Varel. Auf holprigen Straßen gelangen wir nach Westerstede, wo uns eine mittelalterliche Backsteinkirche gefällt.

St.Petri-Kirche in Westerstede

St.Petri-Kirche in Westerstede

Von hier geht es auf der Autobahn über die holländische Grenze bis nach Amsterdam. Unterwegs zwingen uns Wolkenbrüche immer wieder zu langsamer Fahrt. In Amsterdam finden wir einen ruhig und zentral gelegenen Zeltplatz (Vliegenbos), der uns in jeder Hinsicht gefällt.

Fußgängerfähre Amsterdam

Fußgängerfähre Amsterdam

Von hier gelangen wir in zwanzig Minuten zu einer Personenfähre, die uns direkt am Hauptbahnhof absetzt.

Amsterdam-Panorama mit Central Station

Amsterdam-Panorama mit Central Station

Hier tobt das Leben! Menschen aller Herren Länder strömen durch die Gassen. Die meisten sind mit dem Fahrrad unterwegs. Tausende Räder sind in Parkhäusern angeschlossen.

Fahrradparkhaus

Fahrradparkhaus

Auffällig ist, dass in diesem Radfahrerland kaum jemand mit Helm unterwegs ist, trotz der rasanten Fahrweise der Allermeisten. Wir stillen unseren Hunger in einem China Restaurant, schlendern zum Dam. Anders als bei früheren Besuchen drängen sich hier keine Touristen mehr, kein Haschischgeruch mehr zu schnuppern!

14.Juni

Am nächsten Morgen haben wir noch für einen Besuch der World Press Photo Exhibition 2016 in der Nieuwe Kerk Zeit. Es ist eine Erinnerung an den Besuch in Amsterdam im Jahr 1974, als wir gleichfalls diese Ausstellung besuchten. Waren es damals nur schwarzweiße Papierfotos , sind heute viele audiovisuelle Medien vorhanden. In erschütternder Weise sind die von Krieg, Gewalt und Elend beherrschten Bilder die Gleichen geblieben, und es wird noch einmal das Ausmaß der Flüchtlingskatastrophe der vergangenen Jahre bildhaft vor Augen geführt.

Mit der Stena Britanica Richtung England

Mit der Stena Britanica Richtung England

Bis Hoek van Holland sind wir nur eine Stunde unterwegs. Bevor wir unsere Ausweise zücken können, werde ich am Terminal der Englandfähre mit „Hallo, Herr Barre!“ begrüßt. Die Dame hat uns am Autokennzeichen erkannt! Die Stena Britanica ist ein riesenhaftes Schiff. Nachdem wir unser Auto auf Deck3 abgestellt haben, spielt sich der Rest auf Deck9 ab. Die teuer gebuchten Komfortsessel erweisen sich als Flop, ein kleiner, klimatisierter Raum, wo man nach Belieben Getränke konsumieren kann und Zeitungen lesen. Wir halten uns lieber auf dem Sonnendeck auf, es ist windgeschützt und man hat einen tollen Blick auf den dicht befahrenen englischen Kanal. Die Reise dauert wegen der Zeitumstellung eine Stunde länger als erwartet. Nach sechseinhalb Stunden kommen wir in Harwich an. Erster Schreck: unser Navi, das überall auf dem Kontinent funktioniert, erfasst nicht Großbritannien! So müssen wir uns mit einer großmaßstäbigen Karte quälen, und verfahren uns auf dem Weg zum ersten Zeltplatz mehrfach. Der schließlich gefundene Platz ist mit Schranke verriegelt und mit Verbotsschildern dekoriert. Den nächsten finden wir dank schlechter Beschreibung gar nicht, und stellen uns an den Rand eines Golfplatzes.

16.Juni

Streng bewachtes Trinity College

Streng bewachtes Trinity College

Der erquickende Schlaf endet jäh, als noch vor 6 Uhr die ersten Golfer anreisen und ein Rasenmäher losknattert. So machen wir auf den Weg und frühstücken in der ersten Raststätte. Nach einer Fahrstunde in der hügeligen englischen Landschaft landen wir in Cambridge und parken einfach irgendwo. Wir haben Glück, denn nach wenigen Schritten sind wir mitten in der Altstadt mit ihren ehrwürdigen Colleges. Alles wirkt im positiven Sinne altmodisch und unaufgeregt. Die Colleges werden von anzugtragenden älteren Herren mit Hambog bewacht, die jeden unbefugten Zutritt zum King’s College,   Trinity College , St.John’s College freundlich aber unerbittlich verweigern.

Magdalena College

Magdalena College

Nur ins Magdalene College von 1428 werden wir eingelassen und können einen Blick in den mit Silber eingedeckten Speisesaal werfen, in dem täglich Candlelight Dinners eingenommen werden. Es lebe die Tradition!

Speisesaal

Speisesaal

DSCN2586Das sichere Fahren im Linksverkehr scheint zunächst kein Problem, bis mir direkt nach einem Rechtsabbiegen ein Auto auf der „falschen“ Seite entgegen kommt! Ein schnelles Bremsmanöver am rechten Fahrbahnrand und eine schnelle Reaktion der entgegen kommenden Fahrerin verhindern einen Crash. Die aber nimmt es mit Humor. Die englischen Hauptverkehrsstraßen sind durchgängig vierspurig, aber wegen der vielen Roundabouts kommt man nicht so schnell voran. Bei Leicester biegen wir auf den Motorway M6, doch leider Richtung Süden. Erst nach 25 km kommt die nächste Ausfahrt, ein ärgerlicher Zeitverlust.

Liverpool Skyline von Birkenhead betrachtet

Liverpool Skyline von Birkenhead betrachtet

Auf den letzten Meilen vor Liverpool Birkenhead halten wir angestrengt nach dem auf den Verkehrsschildern angekündigten Zeltplatz Ausschau: es gibt ihn nicht! So lernen wir beide kostenpflichtige Tunnels unter den River Mersey kennen, bevor wir am Dock der Belfastfähre stehen. Kurz entschlossen entscheiden wir, unsere Buchung auf die Nachtfähre vor zu verlegen und mieten eine Innenkabine an Bord.

17.Juni

So kommen wir 12 Stunden früher als geplant in Nordirland an und haben viel Zeit, uns in Belfast umzusehen. Dazu erst mal ein kräftiges Frühstück (sie Porridge, er Bacon and Eggs). Wir schauen uns die viktorianische City Hall mit einer mürrisch blickenden Queenstatue davor. Im Inneren viel freundlicher. Dann machen wir uns auf die Suche nach der Peace Line, die bei den blutigen Auseinandersetzungen das katholische Viertel vom protestantischen Teil an trennte. Nach längerem Suchen finden wir sie: eine hässliche fast 10m hohe Wellblechwand, bis heute unüberwindlich. Da scheint viel unbewältigte Vergangenheit zu liegen, wenn man bedenkt, wie schnell die Berliner Mauer verschwunden ist! Für den Rückweg benutzen wir eines der uralten Cabs, in denen man sich gegenüber sitzen kann. Dann gegeben wir uns auf den Causeway, die Straße, die direkt an der Küste den Norden umrundet.

Nordirische Küste

Nordirische Küste

Nicht nur der Blick auf die irische See ist fantastisch, auch die abwechslungsreiche Landschaft mit den steil ins Meer stürzenden Klippen ist gigantisch. Das Wetter ist auch abwechslungsreich. Durch die windzerfetzten Wolken schaut immer wieder die Sonne hervor, unterbrochen von kräftigen Schauern. Am Spätnachmittag erreichen wir Bushmills, doch der allzu sterile Zeltplatz sagt uns nicht zu. So fahren wir einige Meilen zurück nach Glenmore, einem von einem Ehepaar geführten Restaurant mit umgebenden großen Zeltplatz, der überwiegend von Anglern aus der Region genutzt wird. Wir finden einen guten windgeschützten Standplatz und kochen Penne mit Basilikumsauce in einem 500 ml Trangia-Töpfchen. Dazu probieren wir erstmals das Tischchen in der Mitte der Liegefläche, und siehe: es klappt! Wir sitzen bequem, werden satt und haben nichts verkleckert.

  1. Juni
Mit der Fähre zum Rathlin Island

Mit der Fähre zum Rathlin Island

Am nächsten Morgen ist es warm und sonnig, perfektes Wetter für einen Besuch des Rathlin Island, das vom nahe gelegenen Ballycastle mit einer kleinen Autofähre in etwa 40 Minuten erreicht ist. Bei kräftigem Wind dümpelt das Bötchen ordentlich und sorgt für Gischtspritzer. Der Inselhafen liegt am Innenknick des L, das das Inselprofil bildet. Ein Bus wartet auf uns und bringt uns an die Ostspitze.

Vogelfelsen

Vogelfelsen

Dort befindet sich in großer Höhe ein Leuchtturm, zu dem man über viele Stufen herabsteigen kann und ein Vogelfelsen, der von Abertausenden von Seevögeln bewohnt wird. Die meisten fliegen kreuz und quer über den Wellen, sitzen am Fuß des Felsens oder brüten in den Felsvorsprüngen und Ritzen. Aus der Höhe lassen sie sich schwer unterscheiden, aber es gibt Spektive, die von den begeisterten jungen Freiwilligen zur Verfügung gestellt werden.

Die mit den orangen Füßen sind die Papageitaucher

Die mit den orangen Füßen sind die Papageitaucher

Auf den braunen oder grasbewachsen Böden kann man sie nun gut erkennen: die bunten Papageitaucher mit den knallrosa Füßen, die zu finden Dorothea wichtigstes Reiseziel war, die Tordalken und Trottellummen, die auf den Felsen sitzen und die Luft füllen, und die Eissturmvögel. Wir beschließen, auf dem Rückweg zum Hafen auf den Bus zu verzichten und laufen die 6 km mit kräftigem Rückenwind , bergauf und bergab und in warmer Sonne zurück. Die üppige Flora mit Hahnenfuß und vielen Orchideen ist begeisternd. Abends speisen wir im Glenmore Restaurant. Die Forelle gibt es nicht, weil der Hausherr noch nicht vom Angeln zurück ist. Aber Lammkotelets sind auch lecker.

  1. Juni
Carrick-a-rede Hängebrücke

Carrick-a-rede Hängebrücke

Auf dem Weg nach Westen kommen wir nach kurzer Fahrt zur Carrick-a-Rede Hängebrücke. Der mit Dutzenden Fahrzeugen gefüllte Parkplatz zeigt, dass es sich um eine ganz besondere Sehenswürdigkeit handelt. Ein schmaler Fußweg führt entlang der Felsen zu einer 20m langen Hängebrücke, die einen Felsen mit dem Land verbindet, angeblich nichts für Leute mit Höhenangst.

Carrick-a-Rede mit Blick auf Rathlin Island

Carrick-a-Rede mit Blick auf Rathlin Island

Da sich der Publikumsverkehr vor der Brücke staut, verzichten wir auf den Nervenkitzel und kehren auf einem Rundweg zum Parkplatz zurück, laufen stattdessen westwärts zu den Felsen hinunter, wo wir ganz allein sind und einen wunderbaren Blick haben. Die klare Sicht reicht bis zur schottischen Küste, die sich entlang des Horizonts erstreckt.

Kleinkunst in Carrick-a-Rede

Kleinkunst in Carrick-a-Rede

Gute Stimmung beim Whisky Festival

Gute Stimmung beim Whisky Festival

Wenige Kilometer weiter in Bushmills wird heute das Whiskyfest gefeiert. Die Hauptstraße ist gesperrt, es gibt viele Buden und viel Musik, leider hauptsächlich aus der Konserve. Wir nutzen die Gelegenheit zu einem Besuch der Destillerie, wo angeblich der älteste legale Whisky weltweit gebrannt wird. Wir werden von einem sehr sympathischen jungen Mann durch die weitläufige Anlage geführt und bekommen alles so gut erklärt, dass wir uns wie Experten fühlen. Natürlich endet das Ganze mit einer Verkostung, wobei wir einen 12 Jahre alten und einen mit Honig verfeinerten Whisky probieren. Sehr lecker! Leider verpassen wir den legendären Giants Causeway, eine 16 km lange Wanderung von Bushmills nach Carrick-a-Rede, die wir uns eigentlich nicht entgehen lassen wollten.

Bushmills Destillery

Bushmills Destillery

Doch als wir an der spektakulären Ruine von Danluce Castle ankommen, ist es zu spät zum Umkehren.

Ruine von Dunlace Cestle

Ruine von Dunlace Cestle

Die Nacht verbringen wir auf einem Reiterhof mit sehr guter Ausstattung und einer herzlichen Besitzerin.

  1. Juni
Mauerbilder in Londonderry

Mauerbilder in Londonderry

Nach einer halben Fahrstunde erreichen wir Londonderry. Die schön gelegene Stadt ist an diesem Sonntagmorgen wie ausgestorben. Vom mittelalterlichen Zentrum mit einer imposanten Stadtmauer gehen wir zum Ort des Geschehens am „Blutsonntag“, als ein unbewaffneter Protestzug von einer Einheit der britischen Armee niedergemetzelt wurde. An die zumeist jugendlichen Opfer wird mit großformatigen Mauerbildern erinnert. Dann finden wir doch ein offenes Café, in dem leckerer Kuchen serviert wird.

Café in Londonderry

Café in Londonderry

Ein kurzes Stück weiter passieren wir die Grenze zur Republik Irland, ohne dass ein Hinweis darauf erfolgt. Nur dass alle Schilder jetzt zweisprachig sind (gälisch und englisch). Kaum vorstellbar, dass dies zu einer EU – Außengrenze wird, falls die Briten am nächsten Donnerstag für “Leave“ votieren. Wir sind jetzt im Donegal County, und haben den namengebenden Ort schnell erreicht. Ein auf der Karte eingetragener Zeltplatz ist unauffindbar.

Strand am St. John's Point

Strand am St. John’s Point

So fahren wir weiter westwärts entlang der felsigen Küste, bis wir am Ende einer Kilometer langen Landzunge St. Johnspoint ankommen, die zum Übernachten einlädt, unmittelbar an einem kleinen Strand und umgeben von Dünen und Rinderweiden, über denen man den Gischt von der Luvseite hochspritzen sieht. Außer uns übernachtet noch ein nettes französisches Ehepaar in einem Minivan.

  1. Juni
Hafen von Killybegs

Hafen von Killybegs

Der Tag beginnt mit einem üppigen Frühstück im Tarahotel direkt am Hafen von Killybegs. Weiter geht es auf schmaler Küstenstraße zum Slieve League, den höchsten Klippen Europas. Von einem Parkplatz läuft man auf befestigtem Weg zu einem Imbiss. Wir sind mit Regenjacke und -hose auf schlechtes Wetter eingestellt, doch je näher wir den Klippen kommen, desto mehr ziehen sich die Wolken zurück und geben den Blick auf die Spitze frei, zu der ein aus Steinplatten gebauter Pfad führt.

Der Slieve League zeigt sich unter Wolken

Der Slieve League zeigt sich unter Wolken

Ein schönes Naturerlebnis! Dann geht es zurück über Donegal nach Sligo, wo wir im Strandbad Strandhill den direkt am Ufer liegenden Zeltplatz aufsuchen. Das Meer ist zum Baden ungeeignet, aber wegen der atlantischen Brandung ein Eldorado für Surfer, die über Webcams über die aktuelle Lage informiert werden und gegebenenfalls spontan aus der Umgebung anreisen. In den Dünen kann man wunderbar spazieren gehen. Abends in der Kneipe herrscht Hochbetrieb wegen der Fußball EM.

  1. Juni

Sligo ist ein sehr nettes Städtchen mit vielen kleinen Geschäften. Außerdem huldigt die Stadt ihrem größten Sohn, dem Dichter und Nobelpreistrâger William Butler Yeats, der auch hier begraben wurde. In einem Gemüseladen kaufen wir die Zutaten für unser abendliches Risotto, und bekommen Tipps für Brot, Kaffee und Wein.

Megalithgrab in Carrowmore

Megalithgrab in Carrowmore

Auf dem Rückweg besuchen wir die ausgedehnte megalithische Grabanlage von Carrowmore, die etwa 60 Steinkreise, Ganggräber und Dolmen enthält. Früher waren diese mit Erde bedeckt. Deshalb hat man eines der Gräber im Originalzustand restauriert.

  1. Juni

Bevor wir uns auf den Weg ins Landesinnere Richtung Dublin machen, besuchen wir einen Ort, der sich als auffallend glatt gerundeter Hügel vom Zeltplatz aus zeigte.

Knocknarea- Blick auf die Sligobucht

Knocknarea- Blick auf die Sligobucht

Es handelt sich um Knocknarea, einen gut 300m hohen Hügel aus Kalkstein, auf dem sich Cairns (Felsgräberauschüttungen) befindet. Der höchste von ihnen wird – irrtümlich- als Grabstätte der sagenhaften Königin Maeve von Connacht angesehen.

Maeves Cairn auf Knocknarea

Maeves Cairn auf Knocknarea

Er ist 55m lang und 10 m hoch. Wir erreichen ihn nach einer knapp einstündigen Wanderung von einem Parkplatz aus. Der Blick auf den Atlantik und die vielfältige Küste ist – zumal bei dem guten Wetter – herrlich! Am Parkplatz stärken wir uns mit Crepes, bevor wir uns auf die Reise nach Osten machen. Sie führt über Boyle, Roscommon nach Athlone, wo wir auf einem Zeltplatz am Lough Ree Statio

Hochkreuz in Clonmacnois

Hochkreuz in Clonmacnois

n Athlone.

Gedränge vor Sean's Pub in Athlone

Gedränge vor Sean’s Pub in Athlone

Hier besuchen wir den Sean’s Pub, der als ältester Pub Irlands (AD 900) gilt. In der urigen Einrichtung ist auffällig, dass der mit Sägemehl abgestreute Fußboden abschüssig ist: sehr schlau, damit bei einer Überflutung das Wasser abfließen kann. Heute drängt sich hier vermutlich die ganze Bevölkerung der Stadt, um die Übertragung des EM-Spiels Irland-Frankreich zu erleben (das Irland 1:0 gewinnt!).

Sonnenbeleuchtete Shannonbrücke in Athlone

Sonnenbeleuchtete Shannonbrücke in Athlone

Auf dem Zeltplatz werden wir von einem Iren angesprochen, der von seinem ausgebauten Caddy maxi und den damit veranstalteten Reisen durch ganz Europa schwärmt. Inzwischen habe er ein größeres und besser ausgestattetes Wohnmobil, aber es sei nicht mehr das Gleiche!

  1. Juni

Heute geht es zu einem der wichtigsten irischen Kloster, dem Clonmacnois, das im 6. Jh von St. Ciàran gegründet wurde.

Gräberfeld an der Klosterruine

Gräberfeld an der Klosterruine

Heute sieht man die Ruinen der Kathedrale und von 6 Kirchen aus dem 10. bis 13. Jh, zwei Rundtürme und drei Hochkreuze, ferner unzählige Grabplatten. Es ist gerade eine deutsche Reisegruppe (lauter Rentner!) eingetroffen. So kommen wir in den Genuss einer deutschsprachigen audiovisuellen Präsentation. Auf der Weiterreise fallen uns ausgedehnte Torfabbauflächen auf.

Torfabbau

Torfabbau

Von hier aus wird offenbar der Gartenbedarf des Kontinents gedeckt. Außerdem deckt Irland wohl immer noch einen Großteil seines Energiebedarfs, insbesondere der Wohnraumheizung, durch Torfverbrennung. An die ökologischen Folgen darf man nicht denken.

Über die Autobahn M4 gelangen wir schnell nach Dublin. Ohne fremde Hilfe schaffen wir es aber nicht, den Zeltplatz im Stadtteil Clondalkin zu finden, aber ein netter Handwerker fährt mit seinem Auto voraus. Der Zeltplatz liegt direkt an der M5. Wir suchen uns den am weitesten abgelegenen Stellplatz. Hier ist der Verkehrslärm zum Glück erträglich. Mit dem Bus fahren wir in einer Dreiviertelstunde ins Zentrum der Stadt, die ungeheuer lebhaft ist.

Frisch gekürte Doktores im Trinity College

Frisch gekürte Doktores im Trinity College

Etwas ruhiger ist es im ehrwürdigen Trinity College, wo gerade eine Gruppe frisch gebackener Doktores sich feiern lässt. Das Gelände ist parkartig. Das wohl berühmteste Exponat ist das Book of Kells, eine bebilderten Evangelienausgabe aus dem 9. Jh, das in der Old Library ausgestellt ist. Zwei der vier Bände werden jeden Tag umgeblättert, so dass man viel Zeit braucht, um alle 340 Manuskripte anzuschauen.

Long Room in der Old Library

Long Room in der Old Library

Aber es lohnt den Besuch, ebenso des darüber gelegenen 65 m langen Long Room, in dem in zwei Etagen 200000 der ältesten Schriften des Landes bewahrt werden.

Noch ist nicht viel Betrieb in Temple Bar

Noch ist nicht viel Betrieb in Temple Bar

Nicht weit entfernt ist Temple Bar, das berühmte Kulturzentrum Dublins und vor allem nachts ein Treffpunkt aller Unterhaltung liebenden Dubliner und Touristen. Es gibt unüberschaubar viele Pubs und Bars, und aus allen geöffneten Türen schallt Livemusik, viele Solokünstler und Gruppen agieren auch auf offener Straße. Wir stärken uns erstmal mit Fish`n Chips, worauf noch viele Pints Kelkennies und etliche Jameson Whiskys passen.

Jetzt füllen sich die Pubs

Jetzt füllen sich die Pubs

Die Pubs sind dicht gefüllt und man muss schon Glück haben, um einen Sitzplatz zu ergattern. Es bringt richtig Spaß, den Musikern zuzuschauen, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen anfachen. Es sind immer zwei oder drei, die Instrumente und der Stil sind sehr vielfältig: Gitarre und Geige, Akkordeon und Banjo, um nur einige zu nennen. Man könnte viele Stunden herumziehend zubringen, aber die Rückfahrtzeiten des Busses setzt ein Limit.

  1. Juni

Heute haben wir einen ganzen Tag Zeit für Dublin. Wir beginnen mit dem National Museum, das in einem eher tristen Gebäudekomplex im Westen des Zentrums, den Collin Baracks, untergebracht ist. Dorothea entscheidet sich für die Ausstellung Decorative Arts and History. Ich schaue mir die Soldiers and Chiefs Exhibition an, von der ich ein tieferes Verständnis für die wechselvolles Geschichte des Landes erwarte. So recht komme ich nicht auf meine Kosten, da der Fokus allzu sehr auf das Militärische gesetzt ist, und der geschichtliche Faden nicht hinreichend klar gezogen ist. Sehr interessant ist die Sonderausstellung, die zum Jubiläum des Osteraufstandes 1916 eingerichtet wurde, der von einer Gruppe militärisch unerfahrener Künstler und Schriftsteller, Männern und Frauen initiiert wurde. Diese hatten vergeblich versucht, die deutsche Regierung um militärische Unterstützung anzugehen, die sich mit dem Empire im Kriegszustand befanden. Aber außer ein paar Gewehre bekamen sie nichts, und der Aufstand wurde nach wenigen Tagen niedergeworfen. Die Rädelsführer, lauter junge Männer wurden allesamt hingerichtet. Man kann schon nachvollziehen, warum die Iren bis heute nicht so gut auf ihre Nachbarn zu sprechen sind.

Führung im Little Museum

Führung im Little Museum

Nachmittags machen wir eine längere Wanderung durch die Innenstadt. Bedauerlich ist gewaltige Verkehrsaufkommen, das durch den PKW-Verkehr hervorgerufen wird. Pausenlos wälzen sich endlose Kolonnen durch alle Innenstadtstraßen, für Fußgänger gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten und die Wartezeiten an den Ampeln sind immens. Als Ziel haben wir die Graffon Str gewählt, um unsere Mitbringselkäufe zu erledigen. Diese Straße ist zwar nur für Fußgänger, aber ansonsten ist sie genau so trostlos und langweilig wie alle Einkaufstraßen. Das Little Museum am Stephan‘s Green ist zwar gerade am Schließen, aber man verspricht uns eine Führung für den Samstag Vormittag. Abends landen wir wieder im Temple Bar, wo der Bär tanzt.

  1. Juni

Heute ist Abreisetag, aber da die Fähre erst abends fährt, haben wir noch viel Zeit für Dublin. Die Anreise in die Innenstadt mit eigenem Auto klappt überraschend gut, und wir finden erfreulich schnell einen Parkplatz. Die Gebühren sind zwar heftig, und die Kontrollen rigoros (Reifenblockierung!), aber dafür sind wir schnell vor Ort. Das Little Museum hält was es verspricht: Nur zwei Räume vollgestopft mit Bildern und Objekten, und eine absolut kurzweilige Führung durch eine witzige Frau.

Das Gärtnerhaus im Stephen's Green - Widerstandsnest beim Osteraufstand

Das Gärtnerhaus im Stephen’s Green – Widerstandsnest beim Osteraufstand

Eingeschlossen ist eine Führung durch den Stephen’s Green durch einen ebenso eloquenten jungen Mann, der sehr spannend vom Osteraufstand 1916 erzählt, der hier seinen Ausgangspunkt nahm. In diesem Park ist viel Leben. Wir haben das Glück, Zeuge einer Menschenpyramide zu werden, die sich behende über 4 Etagen aufbaut: Unten die großen Dicken, oben die keinen Dünnen!

Ein Menschenturm

Ein Menschenturm

Nachmittags haben wir nur noch ein Ziel: das Dublin Writers Museum, doch der Weg dorthin gestaltet sich schwierig. Wir verfügen zwar über einen kleinen Stadtplan (von der Touristeninfo), aber während der Anfahrt wird gerade die gesamte Innenstadt wegen eines Festivals abgeriegelt. So kommen wir nur stockend voran und müssen immer größere Umwege machen, so dass wir bald außerhalb der Innenstadt unseres Plan sind. Aber mit unserem angeborenen Orientierungssinn und etwas Glück erreichen wir das Objekt unserer Begierde innerhalb der Öffnungszeiten. Irland hat, gemessen an seiner kleinen Einwohnerzahl eine Vielzahl von bedeutenden Schriftstellern hervorgebracht, und deren Leben und Werk ist hier schön dokumentiert.

Yeatsskulpzut von Henry Moore im Stephen's Green

Yeatsskulpzut von Henry Moore im Stephen’s Green

James Joyce, Samuel Becket, Oscar Wilde, William Butler Yeats, um nur einige zu nennen. Die Gegend, in der das Museum liegt, hat einen ganz anderen Charakter als die Innenstadt: Ohne monumentale Architektur, in schlichter aber solider Bauweise deutet sie auf das Irland hin, das es bis vor wenigen Jahrzehnten war: bitterarm!

Auch zum Fährhafen müssen wir uns ohne Ortskenntnis durchtasten. Obwohl nur wenige Schilder darauf hinweisen, zumal wir gar nicht wissen, in welchem Teil des riesigen Hafengebiets der Ableger für die Englandfähre liegt. Aber es gelingt überraschend schnell, und so stehen wir viel zu früh, als erste vor dem noch geschlossenen Ableger.

Abschied von Irland- Leuchtturm in der Hafenausfahrt von Dublin

Abschied von Irland- Leuchtturm in der Hafenausfahrt von Dublin

Diesmal haben wir die kürzeste Route ausgesucht: von Dublin nach Holyhead, dem Westzipfel Englands, der in dreieinhalb Stunden erreicht ist. Um 23.30 Uhr legen wir an und versuchen nur noch einen passenden Stellplatz für die Übernachtung zu finden. Das ist ein Parkplatz direkt am Strand, der nur von ein paar Anglern frequentiert wird, zu denen sich am Morgen die Hundebesitzer gesellen.

  1. Juni

Für den heutigen Tag haben wir eigentlich keinen Plan! Wir haben einen Fährplatz für Dienstagmorgen gebucht, hätten also noch zwei Übernachtungen. So fahren wir einfach los. Der Beginn der Fahrt führt durch das nördliche Wales, das durch seine wunderschöne Gebirgslandschaft besticht. Die Straßen sind klein und durch allerlei Ausflugsverkehr recht belebt.

Schiffsverkehr am Pontsysyllte Aqueduct

Schiffsverkehr am Pontsysyllte Aqueduct

Da die Engländer begeisterte Radler sind, für die man aber, anders als in Deutschland, keine Radwege gebaut hat, kommen wir nur recht gemächlich voran. Faszinierend sind die in walisischer Sprache verfassten Straßenschilder. Diese Sprache scheint zu einer Zeit verschriftlich worden zu sein, als Vokale unbezahlbar waren. Jedenfalls kommen sie weitgehend ohne aus – bestenfalls ein paar y – dafür aber eine Konsonantenanhäufung, z.B. mit dd beginnend, die die unaussprechlichsten Wortmonster hervorbringt. Aber man kann es aussprechen, die walisischen Radiosender klingen ganz normal unverständlich.

Aquädukt über den River Deel

Aquädukt über den River Deel

Eher zufällig machen wir unsere erste Pause an einem Aquädukt, dem Pontsysyllte Aqueduct, das zu Beginn der industriellen Revolution errichtet wurde, um Industrieprodukte wie Tücher und Rohstoffe in und von den Industriezentren bringen zu können. Der Wasserlauf ist nur 2 bis 3 Meter breit, überbrückt aber Täler und Flüsse in großer Höhe, und diente bis in die Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts dem Warenverkehr. Heute kann man die langen schmalen Boote, die früher mit Pferden getreidelt wurden, mieten und in aller Ruhe Freizeitkapitän spielen.

Handbetrieb an der Zugbrücke

Handbetrieb an der Zugbrücke

Für die Zugbrücken ist eine Handkurbel an Bord, da bringt schon das Zugucken Spaß! In Asherstone finden wir ein gemütliches Restaurant, das uns trotz Massenandrangs durstiger Männerkehlen zuvorkommend bedient. Damit endet aber leider der gemütliche Teil unserer Fahrt. Ab Shrewsbury kommen wir in das industrielle Zentrum Englands und sind bis zum Abend beschäftigt, uns da durch zu quälen. Obwohl vierspurig, kommt man auf den Motorways schlecht voran, weil alle paar Kilometer ein Roundabout kommt. Jeder bedeutet Stress. Beim Reinfahren nach rechts gucken, kommt jemand? Im Kreisel sind mehrere Spuren, fahre ich links oder rechts? Und die richtige Ausfahrt finden, kein einfaches Ding, weil die Ausfahrten zahlreich sind und die Beschilderung mangelhaft! Rechtzeitig von rechts auf links blinken umstellen, sonst gibt wütendes Gehupe, das die sonst so höflichen Engländer von einer ganz unangenehmen Weise zeigt. Wobei das schlimmste Problem der tote Winkel ist, den Autos mit Linkssteuerung im Linksverkehr haben, und der trotz Spiegelglotzens und Umdrehens mehrfach zum Beinahecrash geführt hat. Zur Krise kommt es, wenn offensichtliche Abfahrten offensichtlich nicht vorhanden sind, zum Beispiel, wenn man bei Coventry von der M1 auf die M6 Richtung Kettering abfahren will. Fällt aus wegen is nicht, und das macht aus dem sonst eher gelassenen Schreiber dieses Textes ein wütendes Monster, das von seiner besseren Hälfte nur mühsam zu zivilisiertem Verhalten gezügelt werden kann.

Trotzdem kommen wir unversehrt am Abend in Harwich an, und reihen uns in die Schlange am Stenaableger ein. Wir haben Glück: obwohl unsere bebuchte Färe erst am Dienstag fährt, bekommen wir einen Platz auf der Abendfähre nach Hoek van Holland. Und eine Kabine, um sich von dem langen Tag zu erholen. Vor dem Abendessen gebe ich der geduldigsten aller Ehefrauen einen Schnaps aus.

  1. Juni

Praktischerweise kommt die Fähre um 8 Uhr morgens an, und wir haben viel Zeit für die Heimfahrt. Die ersten hundert Kilometer sind anstrengend, weil trotz acht Fahrspuren die Verkehrsdichte erdrückend ist, und die vielen Autobahnkreuze sind nur dank Navi (sic!) richtig zu befahren. Aber dank einer klugen situationsabhängigen Geschwindigkeitsregelung kommen wir ohne Stau voran. Den Rest der Reise ab Osnabrück auf der A1 kennt unser Auto allein. In Kaltenkirchen gibt es einen Tee bei Julia und unseren Enkelkindern, und gegen 18 Uhr sind wir in unserem total zugewucherten Garten wieder dahoim.

Fazit: Schönes Irland, nette Iren, gutes Auto, tolles Team. Das nächste Mal gerne ein paar Grad wärmer (Badehose blieb trocken), möglichst nicht mit Auto durch England (und wenn nur mit funktionierendem Navi). Reiselust erstmal befriedigt, aber: Wi bliv op Tuur!

 

 

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Barre op Hochtiedstuur

April 10, 2015 at 3:33 pm (Uncategorized)

Obwohl wir schon immer gerne verreist sind, und, als unsere Kinder klein waren, jedes Jahr Zelturlaub im europäischen Ausland gemacht haben, haben wir die Fernreisen erst im gesetzten Alter entdeckt. Im Lauf der Jahre haben wir alle Kontinente bereist, nur einer fehlte bis jetzt! Die Gelegenheit, uns auf Kolumbus‘ Spuren zu begeben (genauer auf die von Cortes) konnten wir uns nicht entgehen lassen. Sie bietet sich jetzt, wenn unser Neffe Ben seine Paola heiratet: in Mexiko!

Tessa

Tessa

Noch eines ist neu bei dieser Reise: Ich habe sie nicht vorbereitet. Wir reisen einfach mit und überlassen Planung und Organisation unserer tatkräftigen Nichte Tessa, die uns schon 2008/09 auf unserer ersten Asienreise begleitet hat.

Meine einzige Vorbereitung besteht darin, mir selbst etwas Spanisch beizubringen durch einen Online Kursus, Vokabeltrainer und ein Buch. Im Nach herein hätte ich besser Unterricht genommen wie meine Schwager George und Markus – schon wegen der höheren Verbindlichkeit des Lernens. Aber der tägliche Termindruck war stärker als mein Lernwille. Und so fahre ich mit wenigen Sprachbrocken los, die ich zudem mit meinen dürftigen Italienischkenntnissen durcheinander bringe.

Samstag, 14. März.

Mit halb vollen Koffern (was haben wir vergessen?) lassen wir uns kurz vor acht zum Kieler Bahnhof bringen. Kielius, der Flughafenbus, bringt uns nach Hamburg. Wir haben ungewohnter Weise so viel Zeit, dass wir dem Betrieb von der Aussichtsterrasse zuschauen können. Der Flug nach Amsterdam erscheint wie ein Katzensprung, doch das dicke Ende kommt noch. Der Flughafen Schiphol ist im Vergleich zu Fuhlsbüttel gigantisch. Leider haben wir keine Zeit, in eine der gemütlich wirkenden Bars ein zukehren.

Sarah und Christian

Sarah und Christian

Als wir endlich am richtigen Flugsteig ankommen, treffen wir unsere Reisegruppe: George und Markus, Tessa und ihre Freunde Sarah und Christian.

Markus

Markus

Wenige Minuten später sitzen wir in den beengten Economyplätzen des Jumbojets nach Mexico City. Nur fliegen ist schöner… nie werde ich verstehen, wie jemand auf die Idee kommen kann, dass Fliegen schön ist. Ich kann mir im Gegenteil nichts Langweiligeres vorstellen. Schon nach einer halben Stunde spürt man seinen Hintern, und es liegen noch elf Stunden vor uns. Ich beneide die Mitmenschen, die kurze Zeit nach dem Abflug einpennen und kurz vor der Landung aufwachen.

Oder die sich einen Blockbuster nach dem nächsten von dem viel zu nahen, viel zu kleinen Platz Bildschirm rein ziehen können. Stattdessen starre ich abwechselnd auf die Tafel, die einem Überflüssiges wie die aktuelle Flughöhe verkünden, und wie unfassbar langsam Zeit verstreichen kann.

George und Dorothea

George und Dorothea

Ich habe Tage in der Transsibirischen Eisenbahn verbracht durch eine eintönige Landschaft,und habe mich keine Minute gelangweilt. Oder ich linse aus dem Fensterchen auf eine endlose sonnendurchgleiste Wolkenlandschaft. Die Flugroute geht erstaunlicherweise zuerst nach Nordwesten bis fast an die Grönländische Küste. Kaum vorstellbar, dass der Großkreis, der Amsterdam und Mexiko verbindet, durch die Arktis verläuft! Jetzt kann man durch Wolkenlöcher auf die Oberfläche des Atlantik schauen. Merkwürdige Objekte schwimmen darin, sind es Eisschollen? Jetzt wendet sich der Kurs allmählich nach Südwesten und folgt der kanadischen Nordmeerküste. Inzwischen sind die Wolken verschwunden. Im Westen die nicht enden wollende sonnenbeschienene Schneelandschaft, unter uns das Packeis, zwischen dem das Blau des Ozeans auftaucht. Wir über queren den Hudsonbay, weiterhin nur Schnee, soweit das Auge reicht. Jetzt über fliegen wir die USA, man erkennt den Oberen See, ganz allmählich weicht der Schnee zurück. Die letzten Stunden unseres Fluges muss das Fenster geschlossen bleiben, zu sehr blendet die tiefstehende Sonne. Als sie dann endlich verschwunden ist, verschlechtert sich das Wetter. Das Abendessen müssen wir mit angelegtem Sicherheitsgurt zu uns nehmen, weil Turbulenzen das Flugzeug durch schütteln. Dann plötzlich reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick frei auf ein riesiges Lichtermeer: die Hochebene, in der Mexiko City, angeblich die weltgrößte Stadt, liegt, eingebettet in hohe Berge. Wir haben es geschafft, kneifen uns in den tauben Hintern und folgen den Menschenmassen, die sich in die Abfertigungshalle ergießen. Eilig werden immer neue Zäune aufgestellt, an denen man sich Richtung Passkontrolle entlang winden muss, den Mitreisenden im Gegenstrom immer wieder begegnend. Auf dem Wege wird schon immer wieder kontrolliert, ob man denn sein Einreisepapier richtig ausgefüllt hat. Und wehe, man folgt den Anweisungen nicht, den Zettel noch einmal auszufüllen, wenn man irgendwo etwas durchgekrickelt hat. Dorothea weigert sich standhaft, bis sie endlich an der eigentlichen Kontrolle scheitert, die ihr den Stempel verweigert und sie zurück ins Glied schickt, bis alles seine Form hat und wir uns erschöpft aber glücklich auf der anderen Seite wiederfinden, wo wir schon erwartet werden von Ben und seiner zukünftigen Familie. Von Paola, die jeden von uns ausführlich drückt, ihrer Mutter und vor allem der Oma, keineswegs Greisin, wohl das Familienoberhaupt ist und in ihrer roten Lederjacke chic und topfit wirkt. Sie haben den zweistündigen Weg von Puebla extra zurück gelegt, um uns zu begrüßen, und fahren auch gleich zurück. Wir restlichen Sieben werden mit einem Großraumtaxi zu unserem Hostel mitten im historischen Zentrum gebracht.

Vor unserem Hostel

Vor unserem Hostel

Es liegt in einer kleinen Fußgängerstraße, auf der kaum jemand unterwegs ist. Ins Hostel wird man durch Klopfen eingelassen. Es besteht aus einem zweigeschossigen Gebäude mit vielen Treppen rund um einem Innenhof, in denen früher einmal Geschäfte untergebracht sein machen. Jetzt enthalten sie Wohneinheiten unterschiedlicher Größe. Dorothea und ich wohnen in einem Appartement mit hohen Decken, in dem außer einem großzügigen Schlafzimmer ein Bad und ein kleines Wohnzimmer mit einer Chaiselongue untergebracht sind. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Trotz unserer Müdigkeit wollen wir noch ein Restaurant aufsuchen und finden ein sehr landestypisches ein paar Straßen weiter. Für mehr als eine Suppe und ein Bierchen reicht es nicht mehr.

Hoch auf dem Turibus

Hoch auf dem Turibus

Es ist zwar erst halb zwölf Ortszeit, aber in Deutschland, wo wir vor über zwölf Stunden aufgebrochen sind, wird es schon hell.

Am Sonntag sind wir schon früh wach, die Zeitverschiebung hilft gegen die Morgenmüdigkeit. Das Wetter ist kühl und schauerhaft, deswegen nehmen wir unser Frühstück nicht im Hof ein. Es gibt Müsli, Brötchen, Marmelade, Kaffee und Orangensaft soviel man will. Vom Hostel sind es knapp zehn Gehminuten zum Zocalo, dem zentralen Platz, an dem die Kathedrale und der Präsidentenpalast liegen. Von hier fahren die Touristenbusse auf drei verschiedenen Routen durch das Zentrum. Man kann an jeder Haltestelle des Rundkurses aussteigen und in einen der im 20-Minuten-Zyklus fahrenden Busse wieder einsteigen. Trotz Kühle und Feuchtigkeit sitzen wir auf der offenen Plattform und bewundern die vielen Baustile der Altstadt. Weil Sonntag ist, sind nur zwei der acht Fahrspuren der Hauptstraße für den Fahrzeugverkehr freigegeben. Auf den anderen tummeln sich Spaziergänger, Jogger und vor allen Radfahrer. Wir unterbrechen unsere Tour am wunderschönen Palacio de las Bellas Artes, wo viele Restaurants locken. Gerichte aus der Speisekarte auszuwählen, ist für Anfänger wie uns immer spannend. Meistens stimmt die Erwartung nicht mit dem überein, was einem auf dem Teller vorgesetzt wird.

Nach dem Nach dem Essen schimmert von oben gelegentlich die Sonne durch, und es wird deutlich wärmer. Wir schlendern durch eine große Parkanlage Bosque de Chapultepec, die sich allmählich mit Familien füllt. Und mit Hunden, die durch ungewöhnliche Größe auffallen.Schließlich kommen wir im Anthropologischen Museum an, das als das größte und beste Lateinamerikas gilt. Jeder der präkolumbischen Kulturen ist ein Haus mit so vielen Exponaten gewidmet, dass der Besuch jedes einzelnen gerne einen Tag beanspruchen würde. So beschränken wir auf einen schnellen  Durchgang durch den Aztekensaal, dessen Highlight ein gewaltiger Sonnenstein ist, und den Mayasaal, der durch eine Nachbildung der Grabstätte des Fürsten Pakal II besticht. Hierhin müssen wir unbedingt noch einmal! Beim Herausgehen stoßen wir zufällig auf die berühmten Voladores, die Vogelmenschen. Auf einem etwa 30m hohen Stamm stehen fünf Indios. Einer spielt auf einer Flöte, die vier anderen sind an Seilen festgeknotet, die an der Spitze des Stamms aufgewickelt sind. Auf ein Zeichen stürzen sie sich kopfüber in die Tiefe, wobei sich die Seile vom Stamm abwickeln und sie rotierend auf den Boden sinken.

Voladores vor dem Flug

Voladores vor dem Flug

und währenddessen

und währenddessen

Wir gehen zurück zur Bushaltestelle und lassen uns in einstündiger gemächlicher Fahrt zum Zocalo zurück bringen. Abends treffen Sophie und Nono, Tessas Cousin(e), ein.

Am Montag sind wir in kleiner Gruppe unterwegs, denn die Anderen sind mit dem Kauf von Hochzeitsgarderobe und Eheringen beschäftigt. Wir bummeln zum unweit vom Zocalo gelegenen Torre Latinamericano, einem Sendemast mit großer Aussichtsplattform. Man erkennt, dass Mexiko City in einer Hochebene (2000m) gelegen ist, die von hohen Bergen umgeben ist. Auf dem Rückweg durch die Fußgängerstraße Madero schauen wir uns die am Zocalo liegende Kathedrale, die größte Lateinamerikas und Sitz des Erzbischofs, an.

Kathedrale von außen

Kathedrale von außen

Es ist eine Barockkirche aus dem 17.Jahrhundert in Form eines Kreuzes mit vielen Altären, kleinen Kapellen und einem prächtigen holzgeschnitzten Chor. Interessant ist ein an den Deckenbalken aufgehängtes Pendel, das kleine

Tequila!

Tequila!

Schwingungen nach Art eines Foucaultpendels durchführt. Die maximalen Elongationen sind über lange Zeiträume aufgezeichnet und geben Aufschluss über die Bewegung des Kirchenbaus auf dem weichen Untergrund.

und innen

und innen

Am Dienstag fahren wir mit der Metro zum Stadtrand und machen einen Ausflug zu den schwimmenden Gärten von Xochimilco. Das sind Kanäle, die von den Azteken angelegt wurden, auf denen man sich in bunten Flachkielbooten entlang staken lassen kann. Bedauerlicherweise fordert der sympathische Bootsführer einen viel zu hohen Preis, doch es gelingt den sprachkundigen Tessa, Sarah und Ferdinand, ihn auf fast die Hälfte herunter zu handeln.

Für Unterhaltung ist gesorgt: Von anderen Booten wird Tequila (mein erster!) und Bier übernommen, und wir geraten schnell in ausgelassene Stimmung. Bald macht ein Boot mit Mariachi längsseits fest, Musiker, die mit Gitarre und Gesang mexikanische Evergreens nach Wunsch und für Pesos vortragen.

Mariachi

Mariachi

Leider findet die Hochstimmung ein jähes Ende, als wir von einem Versorgungsboot Tacos bestellen. Wir bekommen zu den Tacos gegrilltes Fleisch, sei es aufgrund eines Missverständnisses oder mit Vorsatz. Jedenfalls verlangt er einen exorbitanten Preis und will sich auf keinen Kompromiss einlassen. Die Stimmung ist verdorben. Schade!

Am Nachmittag fahren die Meisten zu einem Besuch der Wohnhäuser von Frida Kahlo und Diego Riviera, dessen sozialistisch-realistische Wandbilder in vielen Ausstellungen zu bewundern sind. Und zum Haus von ihrem Freund Leo Trotzki, der hier trotz schwerer Bewachung von den Schergen Stalins ermordet wurde.

Tessa und ich versuchen, in den Geschäften des Zentrum schwarzen Tee zu bekommen. Vergeblich! Das Getränk scheint hier unbekannt.

Moritz und Martje

Moritz und Martje

Abends trudeln unsere „Kinder“ Moritz und Martje und ihr Freund Kay (Rob) ein.

Am Mittwoch haben wir uns einem geführten Ausflug angeschlossen. Ein Kleinbus bringt uns zunächst zu einer Ausgrabungstätte der antiken Aztekenhauptstadt Tenochtitlan, der Keimzelle der heutigen Stadt Mexico im Texcoco-See. Es wird das Zwiebelschalenprinzip des Aufbaus der Pyramiden deutlich: eine neue wird auf den Überresten der Vorgänger aufgebaut. Ganz oben natürlich eine katholische Kathedrale. Ein Gedenkstein erinnert an die Schlacht im Jahr 1521, in der die Truppen von Cortes die Azteken unterwarf. Interessanterweise wird dies Ereignis nicht als Niederlage gewertet, sondern als Geburtsstunde des heutigen Mexiko. Unsere Reisegruppe ist multinational mit Kanadiern, Kolumbianern, einem Brasilianer und einem Schotten, aber die deutsche Fraktion ist so groß, dass wir der beiden Kleinbusse füllen. Leiter ist Alan, ein junger Mexikaner, der wegen seiner Freundin in Frankfurt auch ein paar Brocken Deutsch spricht.

 

Maria Guadelupe

Maria Guadelupe

Als nächstes geht es zur Wallfahrtskirche der Heiligen Maria de Guadalupe. Zur ursprünglichen Kapelle kam 1709 eine große Kathedrale hinzu. Links davon die Capilla del Pacito. Beide werden durch den riesigen runden Neubau von Pedro Ramirez Vasquez in den Schatten gestellt, die von Papst Johannes Paul II geweiht wurde. Das Hauptziel des Tages erreichen wir nach einer knapp einstündigen Fahrt durch den ausgedehnten Armutsgürtel der Stadt zu der nordwestlich der Hauptstadt gelegenen Ruinen-Ringstraße von Teotihuacan. Über die Erbauer dieser gewaltigen Anlage ist kaum etwas bekannt. Fest steht nur, dass zwischen 50 und 600 n. Chr. eine intensive Bautätigkeit geherrscht haben muss. Neben unzähligen kleinen sind zwei große freigelegt worden. Wir steigen zuerst auf die um 250 fertig gestellte Mondpyramide. An unserer Kurzatmigkeit beim Klettern merken wir die Höhe, in der wir uns befinden. Die einige Hundert Meter weiter liegende Sonnenpyramide gilt als drittgrößte der Welt. Mit uns quälen sich viele Ältere auf die Spitze. Vor allem der Abstieg geht auf den steilen Stufen ganz schön in die Beine.

Abends stößt Shoko, Tessas japanische Freundin zu uns. Sie hat ein Jahr in Mexiko studiert und zeigt uns den Stadtteil Tapas, in dem abends viel los ist. Wir landen in einem Lokal, das von einem jungen Deutschen geführt wird. Es gibt ein süffiges Bier und leckere Sandwich. Als wir zurückkehren, sind auch Mio und ihr Bruder Benji, Nachbarn aus Krumbach, eingetroffen. Nun ist die Truppe vollständig.

Am Donnerstag besuchen wir erst eine Karikaturenausstellung und eine große Gemäldegalerie in der Nationalbank.

Palacio de las Bellas Artes

Palacio de las Bellas Artes

Danach suchen wir den Palacio del las Bellas Artes auf, ein prachtvolles Jugendstil-Gebäude, in dem zurzeit ein Mozart-Festival stattfindet. Wir sind besonders an den monumentalen Gemälden von Diego Riviera interessiert, von denen sich aber nur zwei finden, dafür aber zahlreiche andere und eine riesengroße Fotoausstellung von Henri Cartier-Bresson.

Am Freitag brechen wir zu der großen Hochzeit in Puebla auf. Wir haben zwei große Busse gechartert. Fast eine Stunde dauert es, bis wir aus der verstopfen Innenstadt auf die Autobahn nach Puebla gelangen, und noch einmal zwei für die Fahrt über hohe Pässe in den Nachbarstaat. Im Westen erhebt sich die Kulisse des schneebedeckten Popocatepetl. Wir sind in einem angenehmen Hotel mit schönem Innenhof in Chohula, einem Vorort von Puebla, untergebracht und bewohnen ein Zimmer mit Balkon und zwei großen Betten.  Kaum haben wir uns eingereichtet, geht plötzlich ein Zittern durch durch das Gebäude, als ob eine U-Bahn durchführe – ein Erdbeben (vielleicht Stufe 0,1 auf der Richterskala, aber spürbar!) Unser Zimmer wird zum Probenraum, denn wir haben beschlossen, einen musikalischen Beitrag zum Hochzeitsfest zu leisten. Im Vorwege haben wir uns auf „Freude schöner Götterfunke“ (3 Strophen) und die Kanons „Viel Glück und viel Segen“ und „Dona nobis pacem“ verständigt. Das Proben bringt viel Spaß, und wir sind gerade richtig zufrieden mit uns, als Tessa mit der Hiobsbotschaft kommt. Der katholische Pope weigert sich, das Paar am Nachmittag kirchlich zu trauen. Die Aufregung ist gewaltig. Paolas Familie beauftragt Markus und die deutsche Gruppe, die Feier nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Was für eine Aufgabe!

Am Samstagmorgen werden Ben und Paola im kleinsten Familienkreis getraut. Ferdinand und ich versuchen, mithilfe der Hotelmanagerin herauszufinden, ob in der Kirche eine Audioanlage verfügbar ist, mit der wir den Hochzeitsmarsch einspielen können. Zwischendurch proben wir immer wieder und machen uns fein. Um zwei Uhr holen uns unsere beiden Autos ab. Nach scheinbar endloser Fahrt kommt unser Taxi bei einer schönen Barockkirche an, in der sich schon eine mexikanische Hochzeitsgesellschaft sammelt, und zu unserer großen Überraschung auch ein Pope anwesend ist. Ben unterhält sich mit einem der Hochzeitsgäste. Als wir erfahren, dass auch diese Feier um drei Uhr beginnen soll und wir auch den anderen Bus vermissen, wird uns klar, dass wir in der falschen Kirche sind! Zum Glück ist die Richtige nicht weit weg und die Braut noch nicht eingetroffen, so dass wir die Audioanlage in Augenschein nehmen können. Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich: es gibt keine! Aber es ist eine Musikgruppe da, die wiederum einen Auftrag hat. Schnell einigen wir uns darauf, dass sie (ein Streicherensemble mit weiblicher Solistin) zu Anfang den Hochzeitsmarsch von Mendelsohn spielen. Den Rest überlassen wir dem Zufall. Inzwischen ist mit gehöriger Verspätung auch die Brautfamilie eingetroffen. Als der Hochzeitsmarsch gespielt wird und die Braut her eingeleitet wird, ist die Kirche prall gefüllt, wobei wir Deutschen nur eine kleine Minderheit sind. Markus hält eine Begrüßungsansprache. Als Tessa eine kleine Rede auf die Braut hält und an ihre im letzten Jahr gestorbene Mutter erinnert, fließen spätestens nach der Übersetzung ins Spanische viele Tränen. Dann ist unser Chor an der Reihe. Unser Beethoven ist eine Katastrophe, weil wir es nicht schaffen, uns auf einen Anfangston zu einigen. Das „Ave Maria“ der mexikanischen Musiker mit schöner Altstimme setzt wieder Emotionen frei. Die Fürbitten, bei denen jeder der mag einen Wunsch für das Brautpaar formulieren kann, stellt eine schöne Verbindung zwischen den mexikanischen und den deutschen Gästen her. Unsere beiden Kanons gelingen ganz gut und werden von der Gemeinde mit Applaus bedacht. Am Ende steht ein endloses Photoshooting, weil jeder sich mit dem Brautpaar ablichten lässt. Am Ausgang fällt ein Regen von Rosenblättern, und die Kinder werfen Unmengen von Reis in die Luft. Es gibt Böller und Feuerwerk. Besonders eindrucksvoll ist ein brennender Schriftzug PAOYBEN.

Das Ganze wird von einer Drohne gefilmt, die von Bens italienischem Freund Francesco gesteuert wird.

Danach geht es mit den Taxis zu einem großen Festsaal, in dem sich ca 150 Gäste einfinden. Das Brautpaar sitzt an einem blumengeschmückten Extratisch. Für die Deutschen sind zwei Tische reserviert. Das Hochzeitsessen ist natürlich sehr üppig und edel, aber erstaunlich europäisch: Jamon, Suppe, Fleisch und Gemüse, Lasagne, verschiedene Desserts, Eis. Die Kellner arbeiten enorm professionell, achten darauf, dass die Gläser stets gefüllt sind und nehmen die Teller weg, kaum dass man fertig ist. Die Band (acht Leute) heizt von Anfang an mächtig ein und spielt mit vollem Einsatz und ohne Pause 5 Stunden lang. Und das bleibt nicht ohne Wirkung. Nach und nach drängen sich alle auf der Tanzfläche, und geraten unter dem Einfluss von reichlich Tequila ganz schön in Ekstase. Die Brautmutter hat keine Kosten und Mühen gescheut, und verteilt lauter Geschenke unter den Gästen: Schals und Konfekt für die Damen, Schürzen und Schnaps für die Herren. Natürlich gibt es viele lustige Spiele mit dem Brautpaar. Bei einem muss Ben seiner Braut die Strumpfbänder entreißen, aber nur mit dem Mund! In der letzten Stunde tritt eine typisch mexikanische Musikgruppe auf: Mariachi, bestehend aus Geigern, Trompetern, einem Gitarristen und einem Sänger. Doch um zwölf ist urplötzlich alles vorbei. Es gibt noch Streit mit und unter den Kellnern um die Verteilung der Trinkgelder, dann wird die besoffene Gesellschaft nach Hause gebracht.

Kathedrale in Puebla

Kathedrale in Puebla

Am Sonntag fahren wir in kleiner Runde ins Zentrum von Puebla. Hier steht eine riesige barocke Kathedrale, deren Gottesdienst voll besucht ist. Am benachbarten Zocalo herrscht reges Treiben. Beim Kaffee schauen wir einem Artisten zu. In der Nähe finden wir das Casa del Dean. In dem Renaissancebau von 1520, in dem der Kirchen Dekan wohnte. Vor wenigen Jahren wurden hier Wandgemälde nach Gedichten von Petrarca freigelegt. Sie waren seinerzeit über malt worden, nachdem der Papst Petrarca der Häresie bezichtigte. Unser Besuch endet in in einem Theatercafé mit klassischer Musik. Abends treffen wir uns mit unseren Kindern in einem Restaurant am Zocalo von Cholula zu einem Fischessen zu den Klängen einer richtig guten Rockband.

Straßentheater in Puebla

Straßentheater in Puebla

Die Oldieklassiker scheinen hier beliebter als in Europa.

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In Cantona

Am Montag brechen wir zu einer Tour in die Sierra del Norte auf, einer Gebirgsregion im Nordosten von Puebla. Da auch Martin Zieher und sein achtjähriger Ruben mitreisen, ist unser Taxi mit 13 Leuten bis auf den letzten Platz besetzt. Markus und unser sehr sympathischer Fahrer Josė vollbringen eine Meisterleistung (und Knochenarbeit), um unser Gepäck auf dem Dach zu verstauen. Nach einstündiger Autobahnfahrt steuern wir ein ausgedehntes Pyramidenfeld(Cantona) an, durch das ein verschlungener Weg bergauf bergab zu immer wieder neuen Aussichten führt.

Cantona

Cantona

Der Gesamtweg erfordert dreieinhalb Stunden, aber wir treffen uns nach eineinhalb zur Weiterfahrt. Kaum, dass wir abgefahren sind, ändert sich das bis dahin sonnige Wetter. Dichter Nebel kommt auf, der in dichten Regen übergeht, je näher wir unserem Ziel Chochitlan kommen. Lange Zeit geht es bergab, und die Vegetation wird regenwaldartig, am Ende auf ganz schmalen Straßen wieder bergauf. In der Dunkelheit kommen wir am Ortsrand in einem Anwesen an, das einem älteren Ehepaar gehört, das sich gleich mit großer Herzlichkeit um uns bemüht. Zunächst müssen wir unser Gepäck durch den Regen auf rutschigen Pfaden transportieren. Wir sind in drei freistehenden sehr einfachen Häusern untergebracht. Essen gibt es in einer Arte Laden mit einem großen Tisch, an den eine altertümliche Küche mit holzbeheiztem Herd anschließt. Draußen gibt es ein Pferd, einen Hund und unzählige Hühner, die wesentlich zur Nahrungsversorgung beitragen.

Am Dienstag begleitet uns unser Herbergsvater bei sonnigem Wetter zu einem Ausflug zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Wir sind etwas skeptisch wegen seiner Behinderung durch eine Parkinsonerkrankung, aber dann erweist sich seine Ortskenntnis als sehr hilfreich. Ohne ihn hätten wir den Balcono del Diabole nicht gefunden, denn dieser fantastische Aussichtspunkt versteckt sich hinter etlichen Kuhweiden.

Unser Herbergsvater

Unser Herbergsvater

Falta una vaca!

Falta una vaca!

Seine sechsjährige Enkelin ist mit von der Partie und freundet sich rasch mit allen an. Als wird über eine Rinderweide marschieren, sagt sie „Falta una vaca – eine Kuh fehlt!“ Das ist der Spruch des Tages. Über uns kreisen viele Geier, der wohl der häufigste Greif ist. Leider werden wir auch von Rinderflöhen oder ähnlichem Viehzeug heimgesucht, die unsere bloßen Waden zerstechen. Dann fahren wir einen sehr holprigen Weg zu einer Flussbrücke herunter. Nachdem das Auto mehrfach aufgesetzt ist, laufen wir den Rest zu Fuß. Die Landschaft ist sehr reizvoll. Wir besichtigen eine Klosterruine. Direkt daneben verschwindet ein Fluss in einer Felshöhle, in die man etwa 50 m hinein laufen kann, bevor der Fluss unterirdisch weiter fließt. Abends setzen wieder Regen und Gewitter ein. Das ist wohl der normale tägliche Wetterverlauf, der zusammen mit der Wärme für die Regenwaldvegetation verantwortlich ist. Unsere herzliche Herbergsmutter verwöhnt uns mit einer echten Hühnersuppe. Dazu gibt es Bier und Mescal, einen Agavenschnaps wie Tequila, nur viel schärfer.

Am Mittwoch besuchen wir, wieder unter Führung des Herbergsvaters, zu einem Wasserfall, in dessen Teich man sich wunderbar erfrischen kann. Zuvor haben wir seine Enkelin aus dem Kindergarten abgeholt und die vielen kleinen Kinder mit einem Ständchen überrascht. Dann reisen wir weiter nachXochitlán, einem urwüchsigen Städtchen mit einem Zentralplatz, der mit klassischer Musik beschallt wird, einer schönen Kirche und zahlreichen Restaurants. Wir entscheiden uns für das  Musėo, unter dessen Glastischen eine erstaunliche Sammlung von Militaria und anderem Schnickschnack dargestellt und für wenig Geld zum Verkauf angeboten wird.

Der Donnerstag überrascht mit bestem Wetter, nachdem es in der Nacht wieder heftig geschüttet hatte.

Erfrischung am Wasserfall

Erfrischung am Wasserfall

Wir fahren zu einem nahegelegenen Ort, von wo ein langer Treppenweg zu einem Wasserfall führt, in dessen Teich man wieder schön schwimmen kann. Kaum sind wir fertig, wird der Teich von einer aufgeregten Kinderschar in Beschlag genommen. Unser Führer zeigt uns einen Kletterpfad, auf dem man zu einem weiteren Wasserfall und über einen Höhenweg zum Ausgangspunkt gelangt.

Markus raut sich was

Markus raut sich was

Das Wetter bleibt den ganzen Tag sonnig, angeblich ist es der sonnigste Tag des Jahres. Trotz der Wärme fahren wir zu einem Botanischen Garten, wo wir eine sehr engagierte Führung bekommen und in die Besonderheiten der hiesigen Vegetation eingeführt werden. Abends sitzen wir zum letzten Mal in großer Runde beisammen im Restaurant. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, die nicht beeinträchtigt wird, als ein wolkenbruchartiger Regen einsetzt, der zu kurzen Stromausfällen führt.

Farn im botanischen Garten

Farn im botanischen Garten

Am Freitagmorgen regnet es immer noch in Strömen. Markus und Don Jose verladen nur die regendichten Koffer auf dem Autodach, die Taschen werden innen gestapelt. Dann geht es in gut dreistündiger Fahrt zurück nach Puebla, zunächst zum Busbahnhof. Hier trennen wir uns von den jungen Leuten, die von Mexiko aus nach Yukatan fliegen wollen. George, Markus und wir beide lassen uns zum Flughafen bringen, denn wir haben für den Rest der Reise einen Mietwagen gebucht. Der Verleiher ist ein völlig inkompetenter Mensch, der über eine Stunde braucht, um die Formalitäten zu erledigen. Wir haben einen VW Jetta gebucht, doch das einzige verfügbare Fahrzeug ist ein Mercedes A-Klasse, der einen viel zu kleinen Kofferraum hat. So ist die Rückbank zur Hälfte mit Gepäck voll , und daneben müssen sich zwei Personen quetschen. Autofahren ist in den Städten nicht unbedingt ein Vergnügen. Alle paar Meter kommt ein „Reductor“, eine Betonschwelle, die man nur im Schritttempo über fahren kann, wenn man sich nicht die Felgen oder Stoßdämpfer ruinieren will. Besonders tückisch sind sie, wenn sie unvermutet auf der Landstraße auftauchen, zumal nicht immer ein Warnschild da ist. Da hilft nur eine Vollbremsung. Nach drei Stunden erreichen wir Ouaxaca, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, die uns sehr gefällt. Besonderes Glück haben wir mit unserem Hotel, das von einer warmherzigen Frau geleitet wird. Sie spricht englisch (eine Ausnahme!) und hat gute Tipps für uns. Nur wenige Schritte entfernt liegt der Zocalo, an dessen Rand sich das „größte Café Mittelamerikas“ befindet, 200m Tische im Freien. Dahinter zahllose Restaurants mit vielfältiger Küche. Nach dem Essen genehmigen wir uns immer einen „Don Julio“, einen leckeren Tequila. Am Samstag bekommen wir dank Georges Unbeirrbarkeit am Flughafen einen neuen Mietwagen Renault Duster, in dem wir endlich Platz für unser Gepäck haben.

Geschwister und Kaktus

Geschwister und Kaktus

Bäumchen

Bäumchen

Auf dem Monte Alban

Auf dem Monte Alban

Für den Tag haben wir einen Ausflug zur Pazifikküste geplant, aber wir haben die Entfernung unterschätzt. Nach drei Stunden kehren wir um. Stattdessen besuchen wir die Pyramiden auf dem Monte Alban, einem hoch über Ouaxaca gelegenen, künstlich abgeflachten Berg, auf dem die Zapoteken und später die Mixteken auf einem sehr großen flachen Gelände im ersten Jahrtausend ein zeremonielles Zentrum geschaffen haben.

Am Sonntag fahren wir schon um 9 Uhr in Richtung Salina Cruz los. Obwohl kaum Verkehr ist, brauchen wir für die gut 200 km über 5 Stunden. Das liegt an der extrem kurvenreichen Strecke durch eine idyllische, aber schwer zu bereisenden Gebirgslandschaft. Erst kurz vor der Pazifikküste fallen die Berge jäh ab und geben den Blick auf den Ozean frei. Salina Cruz ist ein bedeutender Hafen und Marinestützpunkt. Es herrscht auch am Feiertag ein reges Treiben auf den Straßen. Nachdem wir die gebuchte Unterkunft wenig ansprechend finden, zieht es uns erstmal an den Strand, wo wir in ein Café einkehren. Die Dünung ist trotz ablandigen Windes wirklich eindrucksvoll. Leider herrscht Badeverbot, und als ich nur bis zu den Waden ins Wasser gehe, verstehe ich diese Maßnahme. Der Sog ist sehr stark. Nach Einbruch der Dunkelheit kehren wir noch einmal zum Essen hierher zurück, das wir auf dem Balkon zusammen mit dem Tosen der Wellen einnehmen.

Pazifische Brandung

Pazifische Brandung

Am Montag haben wir die längste Tagesetappe vor uns und starten mit gehöriger Skepsis, werden aber angenehm überrascht. Die Route ist viel weniger gebirgig als die letzte, und der LKW-Verkehr geringer als befürchtet. Bei Sayula biegen wir auf die Autobahn nach Villa Hormosa , die allerdings ein ziemlicher Acker ist. Außerdem findet auf dem Seitenstreifen Radfahrer- und Fußgängerverkehr statt. Zudem tragen viele auffallend hübsche Damen auf ihre Art zum Verkehrsaufkommen bei. Unser Ziel ist die wegen ihrer Antiken berühmte Stadt Palenque, die sich als sehr quirlig herausstellt. Unser Hotel ist reichlich edel, aber nach so einer langen Reise kann man sich etwas Komfort gönnen.

Am Dienstag gibt es ein Frühstücksbuffet direkt am Pool, ganz schön abgehoben. Wir fahren mit dem Auto zu den Mayapyramiden. Der Massenansturm und die Abzocke am Eingang lassen einen ins Zweifeln kommen. Aber sobald man in das Innere dieser Anlage kommt, ist man mit allem versöhnt.

Eine der vielen Pyramiden von Palenque

Eine der vielen Pyramiden von Palenque

Im Museum in Mexiko City haben wir das Grabmal von Fürst Pakal II gesehen, hier stehen wir vor seinem Palast, dem Templo del Sol, dem Tempel de la Cruz (der höchste) und dem Templo de la Cruz Foliata (von wo man einen spektakulären Blick ins Land hat, sowie zahlreichen anderen Tempeln, die man alle erklimmen kann und deren Reliefs uns begeistern, obwohl es sich zumeist um Duplikate handelt. Trotz tropischer Hitze ein unvergesslicher Eindruck! Nachmittags fahren die Mitreisenden zu einem 35m hohen Wasserfall. Abends gehen wir ins Zentrum, zum Zocalo, wo das Leben brodelt. Wir landen in einem Maya-Restaurant, wo außer Touristen auch Einheimische zum Essen kommen. Eine allein reisende junge Frau aus Nürnberg setzt sich zu uns, und ist offensichtlich froh, jemand zum Klönen zu haben. An unserem Tisch kommen ständig Kinder, kaum 5 Jahre alt, vorbei, die uns Süßigkeiten und anderes zum Kauf anbieten. Natürlich kaufen wir ihnen nichts ab, um diese unselige Ausbeutung nicht zu unterstützen, aber diese um ihre Kindheit betrogenen Geschöpfe tun uns unendlich Leid.

Am Mittwoch beginnt unsere letzte schweißtreibende Etappe nach Chetumal. Die Temperaturen überschreiten 30 Grad, und in der Mittagszeit steht die Sonne fast im Zenit, so dass kein Schatten zu finden ist. In Chetumal ist am frühen Nachmittag nichts los. Die Hotelsuche nimmt einige Zeit in Anspruch, schließlich landen wir im teuersten vor Ort, das aber wirklich schöne Zimmer hat. Abends gehen wir in ein schönes Restaurant am Hafen, in dem wir schon unseren Ankommcafė getrunken haben. Für 22 Uhr ist eine Lifeband angekündigt, aber als sie um 23 Uhr noch nicht aufgetaucht sind, gehen wir ohne Musik ins Bett.

Chetumal liegt in einer Bucht, in der man zwar einen schönen Blick auf das Wasser, aber keinen Badestrand hat.

Warnhinweis in Belice

Warnhinweis in Belice

Nach Norden müsste man ca 100 km fahren, dazu haben wir keine Lust. Nachdem wir am Donnerstagmorgen etwas unentschlossen herumstreifen und sich eine Bootsfahrt als zu teuer herausstellt, fahren wir kurz entschlossen in den Nachbarstaat Belize. Wir haben keine Ahnung, wie umständlich (und teuer) Grenzformalitäten sein können, sonst hätten wir weise auf diesen Trip verzichtet. Nach kurzer Fahrt landen wir in einem kleinen Nest namens Corozal, in dem eine unglaublich entspannte Atmosphäre herrscht. Die Leute sind allesamt sehr freundlich, und es ist ganz ungewohnt, sich auf Englisch verständigen zu können.

Belice Coazon

Belice Coazon

Obwohl das Wasser sehr trüb und der Untergrund sehr steinig ist, wagen George und ich ein Bad in der Karibik und schauen den Pelikanen und Fregattvögeln zu. Auf dem Rückweg fahren wir eine halbe Stunde in die falsche Richtung, bevor wir in endlose Schlangen an der Grenzabfertigung kommen. Hundert wartende Leute und ein Stempelmann, kaum nachvollziehbar in einem Land, wo alle nach Arbeit suchen. Abends ist es überraschend schwierig, ein Restaurant zu finden. Es gibt Dutzende Hotels, aber nur eine Handvoll Restaurants und unter denen sind etliche geschlossen. Aber mit Hilfe eines Taxis werden wir fündig.

 

Der Ober wundert sich, dass wir draußen sitzen wollen, obwohl es doch so eine schöne Klimaanlage und Fernsehen gibt. Abends erwacht Chetumal zum Leben. Alle Welt drängelt sich am Hafen, wo ein Crêpestand am nächsten steht. Nachts können wir es in unserem Zimmer nur mit Durchzug aushalten.

Am Karfreitag treffen wir unsere jungen Leute am Flughafen wieder. Sie waren eine Woche in Tulum und wären fast zu spät gekommen, weil sie nicht mitbekommen haben, dass die Uhren in Yukatan eine Stunde vorgehen. Der Flug hat ein unerwartetes Highlight, als der Flugkapitän uns auffordert, einen Blick nach links auf den Popocatepetl zu tun.

Popcatepetl in Aktion

Popcatepetl in Aktion

Ich bekomme einen gewaltigen Schreck, als aus dem Vulkan eine riesige Rauchsäule aufsteigt, die weit in den Himmel ragt. Offenbar hat gerade eine Eruption stattgefunden. Der Landeanflug nach Mexiko Stadt ist auch im Hellen ein Erlebnis. In unserem schönen Hostel treffen wir auch Moritz, Martje und Kay wieder, die eine Woche an der Pazifikküste und in San Cristobal unterwegs waren. Nachmittags bummeln wir durch die sommerlich warme Stadt und kaufen Mitbringsel auf einem Kunstgewerbemarkt.

Am Samstag besuchen wir morgens den prachtvollen Präsidentenpalast, in dem sich die berühmten Murales (Wandgemälde) von Diego Rivera befinden. Nachmittags zieht es uns abermals in das Anthropologische Museum. Diesmal lassen wir uns mehr Zeit und beschränken uns auf die Ausstellungen, an deren Fundort wir waren, vor allem Teotihuakan und Palenque. Abends machen sich alle jungen Leute auf die Heimreise. Wir lassen uns von George in Las Sirenas, ein schönes Restaurant mit Dachterrasse direkt an der Kathedrale einladen.

Der Ostersonntag ist unser letzter Tag. Dorothea und ich fahren mit der Metro in den Stadtteil Coyacan. An jeder Station steigt ein Straßenhändler zu, der mit lauter Stimme Erfrischungen, Süßigkeiten etc für wenige Pesos anpreist. Nie habe ich gesehen, dass irgendjemand etwas kauft, aber es muss wohl für den Lebensunterhalt reichen. Wir laufen durch einen gepflegten Park, in dem viele Hundert Jogger unterwegs sind. Nach einer weiteren Viertelstunde Fußmarsch sind wir am Ziel, dem Frida-Kahlo-Museum. Gerade haben wohl etliche Reisebusse ihre Ladung abgelassen.

Trotzki

Trotzki

Jedenfalls ist die Besucherschlange so lang, dass wir erst das Wohnhaus von Leo Trotzki aufsuchen, der nach seiner Flucht aus der Sowjetunion hier die letzten beiden Jahre seines Lebens verbrachte, bevor ihn Stalins Schergen aufspürten und trotz aufwändiger Bewachung ermordeten. Als wir zu Frida Kahlow zurückkommen, ist die Schlange noch einmal um das Doppelte gewachsen. Schade, uns fehlt die Zeit zum Warten. Um halb sechs lassen wir uns zum Flughafen bringen. Wir verbringen eine erstaunlich gute Nacht im Flieger. Nach kurzem Zwischenhalt in Paris landen wir kurz nach sechs Uhr in Hamburg.

 

 

 

 

 

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Barre op Tuur in Marokko

Dezember 28, 2014 at 9:56 pm (Uncategorized)

Unsere zweite Asienreise liegt schon fast ein Jahr zurück. Jetzt wo es beim Wintereinbruch in Europa ungemütlich wird, zieht es uns wieder in den Süden.

Um nach Marokko zu kommen, haben wir für den umweltschädlichsten, unbequemsten, dafür aber schnellsten und billigsten Weg entschieden. Am Allerbilligsten ist der Flug mit Ryanair, wenn man drangvolle Enge und Null Service in Kauf nimmt. Dazu müssen wir am 15.12.2014 um 7 Uhr morgens in den Zug nach Düsseldorf. Trotz Verspätung erreichen wir den Anschlusszug nach Weeze gerade eben. Der Busshuttle zum Airport erweist sich als Schulbus mit dem unhöflichsten Fahrer der Welt, der an jeder Milchkanne hält, so dass wir erneut in Zeitdruck kommen. Zum Glück ist die Warteschlange am Flugschalter so lang, dass wir noch rechtzeitig sind.

Riad Mayalina

Riad Mayalina

Mit einer halben Stunde Verspätung hebt der voll besetzte Flieger ab. Nach gut drei Stunden erreicht er sein Ziel, doch beim Landeanflug bei schlechtem Wetter setzt das Flugzeug hart auf und startet nach kurzem Bremsen erneut durch. Es wird mucksmäuschenstill im Flugzeug. Beim zweiten Versuch wieder ein hartes Aufsetzen mit hohem Tempo, aber nach einer harten Bremsung kommen wir heil zum Stehen. Wir hatten ein Hotel mit Abholung vom Flugplatz gebucht. Der arme Ali hat eine Stunde auf uns warten müssen. Trotzdem fährt er uns in seinem Uraltmercedes gut gelaunt zum Hotel. Das Riad Mayalina entpuppt sich als Traum aus 1001 Nacht. Wir werden mit dem traditionellen Thė à la menthe und köstlichem Konfekt empfangen, bevor wir unser alt und edles Zimmer beziehen.

 Riad Mayalina- Blick vom Innenhof

Riad Mayalina- Blick vom Innenhof

Das Riad liegt direkt an der Medina. Es ist schon spät geworden. Unser sympathischer Hotelboy geleitet uns durch die engen dunklen Gassen zu einem Platz mit vielen Restaurants. Weit und breit sind wir die einzigen Ausländer und werden von allen Seiten herein gebeten. Wir entscheiden uns für ein einheimisches Lokal, in dem wir bald die einzigen Gäste sind. Der Ober sieht mit seiner Wollmütze und seinem Khakioverall eher nach Müllmann aus. Das Kouskous mit Gemüse und Hühnchen ist sehr lecker und auch der Kaffee ist bemerkenswert. Leider gibt es keinen Wein. Um zehn Uhr fallen wir todmüde in unser Luxusbett.

Am nächsten Morgen entdecken wir, dass wir vom unserem Zimmer und erst recht von der Dachterrasse einen schönen Blick über die Stadt haben. Das Frühstück ist orientalisch und reichhaltig. Bevor wir los gehen, kommen wir mit Jérôme, einem sehr sympathischen Franzosen, der abwechselnd in Paris und in Fès lebt, und der außer uns der einzige Gast ist, ins Gespräch.,

Im Gemüse-Souq

Im Gemüse-Souq

Mit vielen guten Tipps ausgestattet und einem leicht mulmigen Gefühl machen wir uns auf in die Medina. In den Gassen herrscht reges Treiben. Oft muss man den Handwagen und Maultieren Platz machen, die für die Versorgung der Stände sorgen. Die Suqs, wie hier die Basare heißen, gliedern sich in Nahrungsmittelstände mit einem überbordenden Obst und Gemüseangebot, exotischen Fleisch- und Gewürzständen und Bereiche, in denen Stoffe und vor allem Lederwaren sowie Schmuck angeboten werden. Zu unserer angenehmen Überraschung werden wir von den Händlern weitgehend in Ruhe gelassen. Wir hatten mit mehr Belästigung gerechnet. Aber es fällt uns sehr schwer zu orientieren. Das Gassengewirr in der riesigen Medina ist beängstigend.

Zu eng für Autos

Zu eng für Autos

Wir müssen oft nach dem Weg fragen. Als wir ein starkes Bedürfnis nach einer Pause verspüren, haben wir Glück, dass der Besitzer eines Cafés mit Panoramablick gerade seine Tür aufschließt. Wir kommen sehr nett mit ihm ins Gespräch und werden mit einer Umarmung verabschiedet. Auf unserem Weg liegt nun die Karaouine-Moschee, die als wichtigstes Bauwerk von Fès gilt und die jetzt zwei Fakultäten der Universität beherbergt. Wir besichtigen einen Innenhof, in dem uns einmal mehr die vielgestaltigen Ornamente und Inschriften begeistern. Die Ornamentik weist so hochkomplexe geometrische Muster auf, wie sie nur eine hochentwickelte Mathematik hervor bringen kann. Zum Pflichtprogramm eines Medinabesuchs gehört das Gerberviertel, zu dem wir uns durch fragen müssen.

Im Innenhof einer Moschee

Im Innenhof einer Moschee

Man gibt uns einen jungen Mann namens Yusuf als Führer, der trotz oder wegen seines Dow Syndroms von jedermann freundlich begrüßt wird. Ohne seine Hilfe hätten wir das Gerberviertel in dem Gewirr enger Gassen und Gänge nie gefunden. Er liefert uns bei einem beeindruckend gut Deutsch sprechenden Führer ab (das also war der Deal!), der uns auf eine Brüstung führt, von der man in die zahlreichen Tröge blicken kann, in denen etwa ein Dutzend junger Männer in Wathosen ihrer Beschäftigung nach gehen.,

Im Gerberviertel

Im Gerberviertel

Dabei bekommen wir eine interessante Schilderung der Arbeitsschritte bei der Herstellung des Leders. Zuerst werden in einem Salzbad die Poren geöffnet. Das Kalkbad dient der Weichheit des Leders. Anstelle des giftigen Ammoniak verwendet man zum Gerben Taubenkot. Schließlich wird das Leder ausschließlich mit Naturfarben gefärbt. Getrocknet werden die Felle an den Hängen im Norden der Stadt, wohin sie von Maultieren transportiert werden und zu Hunderten ausgelegt. Bei der anschließenden Führung durch die Verkaufsausstellung müssen wir immer die weichen Leder befühlen und uns durch die Flammprobe von der Echtheit überzeugen. Am Ausgang werden wir von Yussuf erwartet, von dem wir uns schnell verabschieden, bevor er uns in die nächste Ausstellung abschleppt. Auch auf dem Rückweg zum Hotel fällt uns die Orientierung schwer. Den Nachmittag verbringen wir in der Waagerechten.

Am Bahnhof von Fès

Am Bahnhof von Fès

Abends der Kampf gegen die Türsteher der Restaurants. Man lockt uns mit Wein und Bier. Wir essen im gleichen Restaurant wie gestern, lassen uns auf ein Glas Wein bei der Konkurrenz bitten. Man stellt uns eine Colaflasche (!) mit eiskaltem Rotwein auf den Tisch. Nachdem man ihn lange genug mit den Händen gewärmt hat, ist er ganz gut genießbar. Beim Bezahlen will uns das Schlitzohr von Ober 120 Dh (fast 12€) abknöpfen! Auf meinen Protest reduziert er auf 80Dh, aber wir müssten morgen unbedingt bei ihm essen. Inschallah lautet Dorotheas vielsagende Antwort.

Am Mittwoch holt Ali, unser Chauffeur, uns zu einer Rundfahrt um die Medina ab.

Die Medina von oben

Die Medina von oben

Das Wetter, das gestern ziemlich regnerisch war, hat sich sehr verbessert. Wir fahren zunächst zum schönen Bahnhof und kaufen Fahrkarten nach Marrakesch am Freitag. Anschließend fahren wir auf der Prachtstraße zum Königspalast, an dessen Seite sich schöne andalusische Balkons aus Zedernholz erstrecken. Der nächste Halt ist auf einem Parkplatz am berühmten Stadttor Bab Bujeloud. Weiter geht es zu einem schönen Aussichtspunkt südlich der Medina.

Besuch einer Keramikausstellung

Besuch einer Keramikausstellung

Wir besichtigen dann eine große Töpferwerkstatt im Viertel Ain Nokbi. Hier wird aus dem grauen Ton aus Fès, der uns gestern im Regen die Schuhe vermatscht hat, die berühmte und hochwertige Keramik hergestellt. Aus dem feuchten Ton werden auf der Töpferscheibe Schalen, Tassen und andere Gefäße hergestellt. In der nächsten Station werden sie mit Ornamenten versehen. Der Brennofen ist riesig und wird mit den besonders heiß brennenden Olivenkernen beheizt. Bei 1000 bzw 1200 Grad wird die Keramik zweimal gebrannt. In einer weiteren Station werden aus bunten Keramikfliesen wunderbare Mosaiken gefertigt.

Verkaufsaustellung

Verkaufsaustellung

Schließlich werden die fertigen Gefäße bemalt. In der Ausstellung würde man am Liebsten alles kaufen, und genau dazu hat uns der Führer alles geduldig erklärt, aber zum Glück haben wir überhaupt keine Kapazität in unserem kleinen Reisegepäck.

Altes Tor

Altes Tor

Der letzte Halt unserer gut zweistündigen Tour ist auf der Nordseite der Stadt ein Aussichtspunkt mit den imposanten Mauerresten des Fort Chardonnet, wo uns ein freundlicher aber aufdringlicher Berber handgemachte Kelims oder schöne von seiner Frau gestrickte Wollmützen verkaufen möchte. Als wir nachmittags bei einem Spaziergang nochmal hier vorbei kommen, ist er immer noch da und kommt freudestrahlend auf uns zu. Unsere eigentlich als Rundweg geplante Wanderung müssen wir auf dem gleichen Weg beenden, denn die Stadtmauer erweist sich als undurchdringlich.

Am Donnerstag bleibt es sonnig. Erstmals sind wir beim Frühstück nicht allein. Ein junges Pärchen aus UK ist da, ferner eine allein reisende junge Frau aus Korea. Ihr gegenüber sitzt ein korpulenter Amerikaner, der noch heute allein in die Wüste weiter reisen will. Ganz schön mutig!

Wasserfall bei Sefrou

Wasserfall bei Sefrou

Wir sind mit Ali um 10 Uhr zu einer Halbtagestour Richtung Atlasgebirge verabredet. Als wir Fès verlassen, sehen wir im Süden die von ausgedehnten Schneeflächen bedeckten Hänge des mittleren Atlas. Unser Ziel ist Sefrou, eine Stadt mit ca 70000 Einwohnern am Rande des Gebirges. Auf dem Weg sehen wir viele Störche, die aus Europa kommend hier überwintern und die sich auf den Minaretten und auf Bäumen ihre Horste gebaut haben. Wir machen an einem Park mit einem Wasserfall halt. An ihm liegt eine Kasbah, ein riesiger verschachtelter Gebäudekomplex, in dem nur ein Familienclan wohnt. In Sefrou setzt uns Ali an einem Tor zur Medina aus, um uns eine Stunde später wieder abzuholen.

Im Zentrum von Balhoy

Im Zentrum von Balhoy

Die Medina ist nicht so ausgedehnt wie die in Fės, aber genauso belebt, und so verlieren wir auch hier schnell die Orientierung. In der Lebensmittelabteilung bestaunen wir die Massen an lebendigem Geflügel, die hier zusammen gepfercht sind, und teilweise zu mehreren an den Füßen zusammen gebunden sind. Hühnchen haben wohl nirgends ein artgerechtes Leben. Ich lasse mir bei einem Friseur die Haare schneiden, der sich viel mehr Mühe mit meiner Frisur gibt als von Deutschland gewohnt und nur knapp die Hälfte des Lohns verlangt. Mit einigen Schwierigkeiten finden wir Ali wieder. Auf dem Rückweg machen wir in einem Berberstädtchen Balhoy Halt. Es hat eine interessante Architektur, doch beim Fotografieren muss man aufpassen, dass man nicht unbeabsichtigt Frauen ablichtet. Eine protestiert lautstark, obwohl sie so weit weg ist, dass sie auf dem Bild kaum zu erkennen ist. Wir besuchen eine alte Frau, die in einer ausgedehnten Kalksteinhöhle offenbar vom Besuch von Touristen lebt.

Wohnhöhle in Balhoy

Wohnhöhle in Balhoy

Die langgestreckte Höhle ist mit allem möglichen Krimskrams dekoriert. Sie bereitet Tee für uns und zeigt uns alte Fotos. Mit ihren 84 Jahren ist die Alte ganz schön fit. Voll Stolz führt sie uns ihr Meisterstück vor: sie balanciert einen randvollen Wassereimer mühelos auf dem Kopf! Wir revanchieren uns mit Süßigkeiten und einem Schein.

Mit 84 Jahren kann ich das nicht mehr!

Mit 84 Jahren kann ich das nicht mehr!

Draußen lässt uns Ali den Weg durch den Ort alleine gehen, was einem Spießrutenlauf gleicht. Wiederholt werden wir von Männern angesprochen. Ihre aufgesetzte Freundlichkeit passt nicht zu dem ablehnenden Verhalten der Frauen. Es bleibt ein unbehagliches Gefühl. Zurück in Fès lassen wir uns von Ali am Stadtpark absetzen, einer sehr gepflegten und schön gestalteten Anlage.

Abends essen wir in einem kleinen, sehr gepflegten Restaurant in der Medina, ohne von Türstehern belästigt zu werden. Wir sind wieder einmal die einzigen Gäste, und werden von einer netten Köchin verwöhnt: Lammkeule mit Rosinen und Zimt, sowie Taubenpastete. Anschließend besuchen wir eine Dachterrasse, auf der Gitarre gespielt und gesungen wird. Wir sind dreimal so alt wie die anderen Gäste, die eifrig kiffen, aber das stört keinen großen Geist.

Am Freitagmorgen verlassen wir unser schönes Riad Mayalina, fahren per Taxi zum Bahnhof.

Oldtimerloks in Fès

Oldtimerloks in Fès

Um 11.40 fährt der durchgehende Zug nach Marrakesch ab. Die Abteile der 2. Klasse sind überraschend bequem und mit viel Platz ausgestattet. Obwohl der Zug sehr lang ist, füllt er sich schnell, und viele Passagiere müssen auf den Gängen stehen. Zuerst sitzen uns drei schweigsame ältere Menschen gegenüber.

Orangenbaum am Bahnhofsgleis

Orangenbaum am Bahnhofsgleis

Nachdem wir Rabat hinter uns gelassen haben, steigen zwei Studenten zu, die eifrig und in enger Kommunikation mathematische Probleme erörtern. Ich erzähle ihnen, dass ich Physiker bin. Schnell kommen wir in ein angeregtes Gespräch über Mathematik und Studium, über Deutschland und Marokko und alles Mögliche. Mein bescheidenes Französisch wird stark beansprucht, und ich bin bald ganz schön erschöpft. Trotzdem bringt es viel Spaß, auf ihre vielen Fragen zu antworten, warum Deutschland so stark is und was wir von Hitler halten. Sie beschweren sich über ihre Regierung, die nichts zur Förderung einkommensschwacher Studenten unternimmt. Kurz vor unserer Ankunft in Marrakesch um 18 Uhr quäle ich sie mit einer raffinierten Denksportaufgabe, die sie tatsächlich lösen. Am Bahnhof fallen wir auf einen Taxifahrer herein, der uns zu viel Geld für die Fahrt zum Hotel abknöpft. Die Fahrt endet in den Gassen der Medina, wo das Taxi nicht mehr durch kommt. Zwei Jugendliche schnappen sich unsere Koffer und bringen uns die letzten 200m zum Hotel. Ich will ihnen 20 Dh in die Hand drücken, da werden sie frech und verlangen 100 Dh. Da platzt mir die Hutschnur, und sie ziehen kleinlaut ab.

Riad Wyam in Marrakesch

Riad Wyam in Marrakesch

Das Hotel Riad Wyam ist große Klasse, und wir finden im dichten Trubel auf den Gassen auch ein gutes Restaurant.

Luxus im Badezimmer

Luxus im Badezimmer

Die Kutubiya-Moschee

Auch am Samstag ist der Himmel wolkenlos. Von der Dachterrasse des Hotels hat man einen wunderbaren Blick auf das schneebedeckte Atlasmassiv. Nach einem opulenten Frühstück bahnen wir uns einen Weg durch die betriebsamen Gassen, in denen man ständig Fahrrädern, Mofas und vor allem Eselkarren und Pferdefuhrwerken ausweichen muss. Es ist das normale orientalische Treiben. Erst auf dem zentralen Jamaa el Fna (Platz der Gehenkten) holt uns das Touristenspektakel ein: Schlangenbeschwörer und andere Gaukler buhlen um Aufmerksamkeit. Beeindruckend ist die riesige Kutubiya-Moschee, die 20000

Die Kutubiya-Moschee

Die Kutubiya-Moschee

Gläubigen Platz bietet und die Dächer der Medina weit sichtbar überragt. Davor liegt ein angenehm ruhiger Park mit Sitzgelegenheiten.

Störche auf dem Bab Agnaou

Störche auf dem Bab Agnaou

Um ihn herum pulst der Großstadtverkehr. Gegenüber von der schmucklosen Mauer des Königspalastes liegt das alte Stadttor Bab Agnaou, das zum Kasbahviertel gehört. Auf ihm brüten fünf (!) Storchenpaare. Sehr schön und mit Carraramarmor und wunderschönen Ornamenten versehen sind die erst vor 100 Jahren freigelegten Saadgräber. Von hier aus bummeln wir zum Bahiapalast, der aus einem Labyrinth von reich verzierten Gängen und üppigen Gärten besteht. Dann geht es zurück durch die engen turbulenten Gassen (ein Wunder, dass hier nichts passiert!) zu einer Mittagspause im Hotel.

Als es dämmert, bummeln wir wieder durch die Altstadt. Unsere Absicht, eine Runde durch die Medina zu drehen, setzen wir nicht um, weil man sich im Dunkeln im Gassengewirr nicht orientieren kann. So landen wir bald in unserem

Im Bahia-Palast

Im Bahia-Palast

Restaurant von gestern, essen leckere Tagines mit Pflaumen bzw. mit Feigen und sind früh im Hotel.

Ornamente an en Saadgräbern

Ornamente an en Saadgräbern

Am Sonntag weckt uns das Handy eine Stunde zu früh, weil ich versäumt habe, es auf westeuropäische Zeit umzustellen. Auch das Taxi hätten wir eine Stunde später bestellen können, denn unser Bus nach Essaouira fährt erst um 10.45 Uhr los. Die Fahrt im vollbesetzten Bus dauert drei Stunden, wobei wir zu Anfang das Atlasgebirge im Süden und später den Atlantik im Westen als Blickfang haben. An der Endhaltestelle werden wir von Taxifahrern überfallen. Natürlich sind sie überteuert, wenn es mir auch gelingt, Hassan um ein paar Dirham runter zu handeln. Nach einer halben Stunde sind am Ziel. Sidi Kaouki besteht nur aus einer Handvoll Gasthäusern, die ziemlich wahllos am Strand verstreut sind. Unseres heißt etwas abgehoben „Rėsidence Sidi Kouaki“.

Résidance Sidi Koaki- Innenhof

Résidance Sidi Koaki- Innenhof

Es ist ganz in blau-weiß gehalten und ist urgemütlich. Jetzt verstehen wir, weshalb im Reiseführer von Candlelight dinner die Rede war. Es gibt nämlich kein elektrisches Licht! Wir bekommen ein Zimmer auf der Dachterrasse. Es ist sehr einfach , aber ansprechend eingerichtet. Später erfahren wir, dass hier Paloma Picasso, die Designerin und jüngsten Tochter von Pablo, zu nächtigen pflegt. Sie sei so den Sternen am Nächsten! Gleich brechen wir zu einem Strandspaziergang auf.

Ozeanbrandung

Ozeanbrandung

Nach einem Imbiss zieht es Dorothea ins Bett und mich in die hohe Brandung. Ich bin der Einzige im Wasser! Mit 17 Grad ist es nicht gerade warm, aber im tosenden Wasser spürt man die Kälte nicht.

Nach der Abenddämmerung prangt ein prächtiger Sternhimmel mit ungewöhnlich heller Milchstraße. In das kleine mit Kerzen

Rainer und Harald im Restaurant

Rainer und Harald im Restaurant

ausgeleuchtete Restaurant strömt eine lustige auswärtige Abendgesellschaft. Wir haben Glück und bekommen Plätze direkt am Kaminfeuer, das von einem verschmitzten alten Berber, Larbi, der hier der gute Geist und gleichzeitig das Mädchen für Alles ist, geschürt wird. Unsere charmante junge Hausdame Rabia serviert gegrillte Dorade, dazu leisten wir uns eine Flasche marokkanischen Wein. Zu uns setzen sich zwei ältere deutsche Herren aus Kassel, Rainer und Harald, die hier schon oft hergekommen sind. Sie reisen gemeinsam seit Jahrzehnten durch die ganze Welt und können viel erzählen. Zur guten Nacht bekommen wir eine Wärmflasche ins Bett, obwohl es hier am Meer nachts nicht so stark abkühlt wie in den Städten. Das Rauschen der Brandung begleitet uns in den Schlaf.

Strandspaziergang

Strandspaziergang

Am Montagmorgen bekommen wir unser Frühstück auf der Terrasse, in die schon die Sonne scheint, serviert. Danach machen wir einen langen Spaziergang den menschenleeren Strand entlang nach Süden. Es ist windstill – ungewöhnlich für dieses Wind- und Kitesurferparadies – und eine leichte Schleierbewölkung macht

Wellenreiter

Wellenreiter

die Sonneneinstrahlung erträglich. Später kommen einige Wellenreiter an den Strand, denn trotz des fehlenden Windes ist die Brandung hoch.

Nachmittags trinken wir in unserem Nachbarresort Kaffee. Es ist voller Graffiti und zieht Surfer und Exhippies an, uns definitiv nicht. Nach dem Baden im Meer laufe ich am Strand entlang, was von den Hunden als Aufforderung zum Spielen missverstanden wird, während sie mich bellend begleiten. Nach dem leckeren Essen im Hotel (Tagine mit Fleischbällchen, da wir keinen Oktopus mögen) genießen wir abermals den Sternenhimmel, was mit Dorotheas Fernglas zum Erlebnis wird. Noch nie habe ich den Andromedanebel derart prachtvoll zu sehen bekommen!

Am Dienstagmorgen fahren wir mit einem klapprigen Taxi, das erst angeschoben werden muss, nach Essaouira, dem früheren Moribor. Wir kaufen zunächst unsere Fahrkarten nach Rabat.

Fischereihafen von Essaouira

Fischereihafen von Essaouira

Dann schlendern wir durch den imposanten Fischereihafen.

Frischfisch

Frischfisch

Wir kommen gerade zur rechten Zeit, denn die Boote landen gerade ihren Fisch an. Überall werden die vollen Kisten aufgebaut und zum Verkauf dargeboten. Selten haben wir so viele exotische Fischarten zu Gesicht bekommen. Barracudas, Katzenhaie, Mantas, Maränen, um nur einige zu nennen. Es gibt außerdem eine Werft, in der etliche Fischereiboote aus Holz in verschiedenen Bauzuständen zu sehen sind. Durch ein mittelalterliches Tor gelangt man in die Medina, die leider vom Tourismus beherrscht wird. Unseren Vorsatz, nichts zu kaufen, brechen wir in einer Ausstellung, die der die verschiedensten Produkte aus Thujaholz zu erstaunlich kleinen Preisen angeboten werden. Außerdem erwerben wir ein Fläschchen Arganöl, das die Spezialität der Region ist, und welches man sowohl für die Küche als auch für Kosmetik verwendet.

Festungsanlage

Festungsanlage

Wir bummeln an der Stadtmauer entlang der Scala de la Kasbah bis zur Bastion Nord, einer großen Verteidigungsanlage mit Dutzenden Kanonen aus Bronze und schönem Blick auf Felsen und Ozean.

Souqstand in Essaouira

Souqstand in Essaouira

Weiter durch belebte Einkaufstraßen durch Fisch – und Getreidesouc bis zum Stadttor Bab Doukalla, von wo die Stadtbusse starten. Zuvor noch ein Blick in die Mellah, dem Judenviertel, das wie überall in Marokko, nur aus verlassenen Ruinen besteht. Wir hatten uns vorgenommen, wenigstens einmal mit dem Bus nach Sidi Kouaki zu fahren, weil sie einen so schön herunter gekommenen Eindruck machen. Leider kann uns niemand sagen, wann der Bus abfahren wird (vielleicht um drei?), so dass wir wieder mit einem der klapprigen Mercedestaxis vorlieb nehmen müssen. Immerhin macht der Fahrer einen vertrauenswürdigen Eindruck, so dass wir ihn für unsere Rückfahrt über morgen früh buchen.

Sonnenuntergang am Strand

Sonnenuntergang am Strand

Bis zum Sonnenuntergang machen wir einen Strandspaziergang Richtung Norden. Beim Zurückkommen begegnen wir der Besitzerin Roro (angeblich heißt sie Rotraut) und ihrem Mann Herbert, die gerade aus dem unwinterlichen Deutschland zurück gekehrt sind. Beide leutselig und sympathisch.

Neue Gäste in Sidi Kouaki,links RoRo

Neue Gäste in Sidi Kouaki,links RoRo

Abends ist das Restaurant gefüllt mit Gästen. Einige sind von außerhalb gekommen, aber eine Gruppe von vier Frauen und zwei Männern aus Brasilien wohnen im Hotel. Sie sind unglaublich lebhaft, so dass wir uns kaum unterhalten können und schaffen es, geschlagene zwei Stunden ununterbrochen lauthals zu lachen. Roro und Herbert sind ebenfalls sehr kommunikativ und lassen etwas Vorweihnachtsstimmung aufkommen.

Am Heiligabend herrscht Windstille und praller Sonnenschein. Nach dem Frühstück machen wir wieder einen ausgedehnten Strandspaziergang. Der Strand ist nicht wirklich ein Traumstrand aus dem Hochglanzprospekt. Es gibt viele bunte Kieselsteine.

Kieselsteinstrand

Kieselsteinstrand

Teilweise liegen sie dicht an dicht, dann wieder gibt es große steinfreie Flächen. Auch der ockerfarbene Sand ist mal weich, dass man mit der Fußsohle ein sinkt, mal bretthart. Die meisten Strandläufer sind nicht die Urlauber, die einem ab und an begegnen, sondern die Lemikolen, die unablässig an der Wasserlinie entlang rennen und nach Nahrung picken. Also doch ein Traumstrand!

Unser letztes Bild

Unser letztes Bild

Abends findet das große Weihnachtsessen statt, für das RoRo und ihr Küchenteam den ganzen Tag gewirbelt haben. Eine einheimische Trommelgruppe wurde engagiert und spielt den ganzen Abend mitreißende Rhythmen. Eine der temperamentvollen Brasilianerinnen tanzt dazu geradezu ekstatisch. Im Restaurant sind die Tische in einer Reihe aufgestellt. Es herrscht eine festliche Stimmung und das Essen schmeckt fantastisch. Nachher mache ich eine kleine astronomische Führung. Eine der Teilnehmerinnen, Sabine – bekannt als Fernsehköchin – outet sich als Urenkelin eines jüdischen Physikers, der mit Einstein zusammengearbeitet hat.

Am ersten Weihnachtstag stehen wir noch im Dunkeln auf. Da die Belegschaft noch schläft, hat man uns ein kleines Frühstück bereitet. Leider ist der Kaffee schon kalt. Bei der Abreise gibt es ein peinliches Missverständnis. Wir hatten selbst ein Taxi bestellt, während Rabia auch eines für uns geordert hat. Im Trubel des Abends hat sie wohl vergessen, eines abzubestellen. Der Fahrer ist zu Recht sauer, und ich versuche, ihn mit ein paar Dirham zu entschädigen. In Essaouira sind wir eine Stunde zu früh. Ich frage einen Saftverkäufer, ob er auch Kaffee habe. Da schenkt er uns seinen gerade gefüllten Becher. Es gibt nette Menschen! Nach Rabat gibt es keine direkte Verbindung. Wir müssen erst mit dem Supratourbus nach Marrakesch fahren und dort in den Zug umsteigen.

In Rabat kommen wir gegen 5Uhr am Nachmittag an. Da die Taxifahrer unverschämte Preise verlangen, gehen wir trotz der schweren Tasche zu Fuß zum Hotel, das direkt an der Hauptstraße Rue Hassan II gelegen ist. Zum Glück bekommen wir ein ruhiges Zimmer, das recht günstig ist, aber nicht den Charme unserer bisherigen Unterkünfte besitzt. Das gilt auch für das nahe gelegene Restaurant und die unruhige Umgebung, so dass wir bald in der Waagerechten enden.

Am Morgen des zweiten Weihnachtstages, unseres letzten Reisetages, haben wir mehr Glück, und finden ein kleines Café, um unseren Kaffee in der Morgensonne zu trinken. Etwas anders als geplant, führt uns unser Spaziergang an die Atlantikküste, doch hier finden wir die Orientierung und schlendern am Strand entlang zur Kasbah des Oufaias, die an das Meer und den Fluss Bau Regreg grenzt, der Rabat von Salé trennt. Dieser älteste Teil von Rabat stammt aus der Almohadenzeit im 12. Jahrhundert. Durch zwei erhabene Tore gelangt man in das Innere der sehr pittoresken Altstadt. (Leider ist der Akku unseres Fotoapparat endgültig leer, ich vergaß, das Ladegerät einzupacken!) Auf dem Weg zurück kommt man in die Medina, die jetzt um 10 Uhr allmählich zum Leben erwacht. Kurz bevor wir zum Bahnhof aufbrechen, gönnen uns leckeres Gebäck in der sehr guten Konditorei am Hotel. Wir haben vorausschauend Fahrkarten der 1.Klasse gebucht, denn in Rabat kommt der Zug so überfüllt an, dass sonst keine Sitzplätze zu bekommen sind. Trotzdem wird es noch einmal spannend, denn der Zug hält auf freier Strecke für unbestimmte Zeit. Man entschuldigt sich für die unerwartete Störung, ohne zu sagen, wie lange es dauern wird. Offenbar ein Lokschaden, doch irgendwann geht es weiter. Noch zwei weitere Mal unterbricht der Zug seine Fahrt und kommt mit einer Stunde Verspätung in Fès an. Doch noch reicht die Zeit, um mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren. Der Flug nach Weeze ist angenehm mit einem netten marokkanischen Mann als Gesprächspartner. Nach dem ersten Bier seit langem im Bistro müssen wir noch einen längeren Fußweg zum Flugplatzhotel in der Kälte zurück legen. Hier kommen wir nur mit der EC-Karte rein, denn es gibt kein Personal. Aber es ist warm und trocken, was will man mehr?

Als wir am Samstag aus dem Fenster schauen, herrscht Sturm und Schneetreiben, so dass wir uns unseren Morgenkaffee am Bistro erst verdienen müssen. Der Bus bringt uns nach Weeze, wo wir auf den Zug nach Düsseldorf noch eine Dreiviertelstunde warten müssen. Erst in einer Unterführung, um uns vor dem Schneesturm zu schützen, dann im Unterstand am Gleis, wo wir mit einem jungen Mann aus Nigeria, einem pakistanisch-deutschen Pärchen und einer Mexikanischen Frau ins Gespräch kommen. Eine Multi-Kulti-Begegnung! Der Zug hat 20 Minuten Verspätung und ist bald proppevoll, so dass keine weiteren Fahrgäste mehr einsteigen dürfen, bei dem Wetter kein Spaß. Für uns verkürzt sich die Wartezeit auf den IC in Düsseldorf, wo wir uns im Bistro stärken. Hier geht’s ohne Probleme bis Hamburg, wobei das Wetter immer freundlicher wird. In Neumünster schickt uns die Zugbegleiterin aus dem Zug. Angeblich ein Stellwerkschaden. Keiner weiß, wohin. Dann – wieder alles einsteigen! Gegen 18 Uhr sind wir daheim in Melsdorf!

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Urfa – eine Wiege der menschlichen Kultur

Mai 1, 2014 at 2:22 pm (Uncategorized)

Am Freitag (5.Oktober) ist auf dem abgesperrten Busbahnhof von Göreme ein großes Volksfest im Gange. Die Prominenz ist zugegen, alle sind festlich gekleidet, es wird die Nationalhymne gespielt und lange Reden gehalten. Jedoch tappen wir im Dunkeln, was den Zweck des Festes angeht. Offenbar geht es um Kürbisse, die nicht nur überall aufgehäuft sind, sondern die in jeder Weise geschnitzt wurden, und sehr dekorativ arrangiert wurden. Andererseits sind zahlreiche weißgekleidete Köche zugegen und mehrere Gastronomieherde aufgestellt. Also handelt es sich um einen Kürbiskoch-Wettbewerb?
Um 12 Uhr fahren wir mit dem Bus nach Nevshehir, um dort auf den Bus nach Adana und Sanliurfa zu warten. Mit uns fährt eine junge Frau aus Hannover, die in Adana aussteigt. Im hochgelegenen Nevshehir ist es sonnig, aber noch bitterkalt (8°C); um dann innerhalb weniger Kilometer in einer Gefällestrecke auf über 20°C anzusteigen. Ab Adana geht es ostwärts relativ nahe zur syrischen Grenze, ohne dass etwas von der Problematik spürbar ist. Wir haben am Abend zuvor erfahren, dass inzwischen 600000 Syrer aus ihrer Heimat in die Türkei geflüchtet sind, wo sie in Zeltlagern entlang der Grenze aufgefangen werden. Jeden Tag kommen etwa 1000 hinzu.
Auf der zehnstündigen Busfahrt versorgen wir uns mit Feigen und Mandeln, die wir auf dem Markt gekauft hatten. Sie sind sehr lecker, aber leider bekommen wir beide massive Verdauungsprobleme, die uns den ganzen nächsten Tag zu einer Zwangspause veranlassen. In dem Hotel, dessen Sanitärbereich und die Luft zum Atmen nimmt, ist außer uns nur eine holländische Studentin, die seit Monaten alleine per Anhalter unterwegs ist. Dadurch hat sie sich die türkische Sprache soweit angeeignet, dass sie problemlos mit den Einheimischen kommunizieren kann. Sehr mutig, finde ich, aber sie hat bislang überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Am Samstag (6.Oktober) suchen wir zunächst ein anderes Hotel, aber es ist teuer, und unsere Taschen in den 3.Stock zu schleppen, fehlt uns heute die Kraft. Die einfachere Lösung ist, wir ziehen einfach in ein Doppelzimmer ohne Bad um. Hier sind wir im Zimmer ohne Geruchsbelästigung, allerdings nur solange wie wir das Fenster geschlossen haben, denn direkt am Hotel vorbei fließt der „Euphrat“, genauer gesagt, eine stinkende Kloake. Damit können wir leben. Ansonsten liegen wir den ganzen Tag im Bett und kurieren unseren Infekt aus.

Ulu Cami

Ulu Cami

Am Montag (7.Oktober) geht es uns schon viel besser und mit etwas Diät (= nichts essen) werde ich meinen Magen wieder in Form bringen. Heute ist Stadtbesichtigung in Sanliurfa (Ruhmreiches Urfa, der offizielle Name von Urfa) angesagt. Die Stadt wurde schon um 3500 vor unserer Zeitrechnung gegründet , war als Edessa römische Provinz und im 2.Jahrhunder n.Chr. das erste christliche Königreich überhaupt. Die Altstadt konzentriert sich auf einen bequem fußläufigen Bereich. Unser Bummel beginnt beim Ulu Cami, einer im arabischen Stil errichteten Moschee aus dem 12. Jh, dessen beeindruckendes oktogonales Minarett aus einer christlichen Kirche im 5.Jh stammt. Vom Gümrük Hani, einer großartigen Karawanserai, ist nichts Antikes mehr zu sehen, aber gleich gegenüber beginnt ein weitläufiger, wunderbar ruhiger Bereich mit meherer Moscheen und einer religiösen Kultstätte. Zunächst kommt man zur Sultan-Hasan-Moschee, an die sich ein Park anschließt, der zur Halil-Rahman-Moschee.Die Mevlid-I-Halil- Moschee Die Mevlid-I-Halil- Moschee

führt. Der Name weist auf das benachbarte Heiligtum hin, die Höhle, in der Abraham der Legende nach geboren wurde, und dem Tötungsgebot des Königs Nimrod entging. Im Islam wird Abraham als Prophet und Heiliger verehrt. Der Zugang zur Höhle wird nach Geschlechtern getrennt aufgesucht. Wenn man weiter durch den Park wandert, kommt man an zwei ummauerten Gewässern vorbei. Der erste heiißt Ayn-I-Zeliha und ist nach Nimrods Tochter Zeliha benannt, die sich aus Verzweiflung über Abrahams vermeintliche Vernichtung in diesen Teich stürzte. Wenige Meter weiter liegt der Halil-ür Rahman-See. Hierhin stürzte Abraham, nachdem ihn Nimrod mit einem Katapult in ein Feuer schießen ließ. Gott jedoch verwandelte das Feuer in Wasser und das Brennholz in Karpfen, die seitdem den Teich in Massen bevölkern. Sie gelten ebenfalls als heilig. Jedenfalls sind sie hungrig und kommend sprudelnd sich übereinander quetschend an die Oberfläche, sobald man nur eine Handbewegung macht. Leider sind die vor wenigen Jahren freigelegten Haliplibaha-Mosaiken wegen Bauarbeiten nicht zu besichtigen und die Burg, zu der wir einen längeren Aufstieg machen müssen, aus unbekanntem Grund geschlossen. Aber man hat hier einen wunderbaren Blick auf die Stadt.
Nachmittags haben wir Mustafa, unseren Hotelbesitzer, zu einem Besuch der Bögebli Tepe -Tempelanlage engagiert. Sie liegt etwa 20 km außerhalb Sanliurfas auf einem weithin sichtbaren Hügel. Auf dem Weg mit Mustafas Van halten wir an einem blühenden Baumwollfeld – für uns etwas Neues. Bögebli Tepe wurde von etwa 20 Jahren entdeckt und seitdem von dem deutschen Archäologen Klaus Schmidt freigelegt. Die ganze Anlage wirkt aber noch sehr unerschlossen, Eintritt wird nicht erhoben. Dabei ist dieser Ort eine absolute Sensation, denn Altersbestimmungen ergaben ein Alter von 11500 Jahren, also etwa doppelt so alt wie Stonehenge . Es handelt sich um eine religiöse Kultstätte. Die Entdeckung löste einen Paradigmenwandel in der Archäologie aus, denn bislang war man der Ansicht, erst sesshafte Zivilisationen seien in der Lage gewesen, Kultstätten diesen Ausmaßes zu bauen. Bislang sind über 200 T-förmig, bis zu 6m hohe Säulen bekannt, die in etwa 20 Kreisen angeordnet sind. Viele der Säulen tragen gut erhaltene Darstellungen von Füchsen, Schlangen, Skorpionen, Enten und Adlern und symbolische Menschenbilder. Die Säulen werden zurzeit durch massive Holzgerüste gestützt und der Zugang teilweise schwierig. Trotzdem ein außerordentlich beeindruckendes Monument menschlicher Baukunst. Danke Anton, dass du uns diesen Tipp gegeben hast! Mustafa als gläubiger Muslim sieht in der Ausrichtung der Säulen nach Mekka ein uraltes religiöses Wissen. Er schimpft mächtig auf die schleppenden Freilegungsarbeiten und die fehlende Infrastruktur.  Nicht mal ein Klo gibt es hier!

Am Dienstag, 8. Oktober besuchen wir das Archäologische Museum, das wiederum ganz in der Nähe des Hotels liegt. Es enthält sehr interessante Exponate, darunter einige besonders gut erhaltene Tierskulpturen und eine übermannsgroße menschliche Figur aus Göbekli Tepe. Leider sind die englischen Erläuterungen marginal. Wir werden von einem Amerikaner (außer uns der einzige Besucher) angesprochen, der wie wir begeistert von der Fülle frühzeitlicher Funde ist. Er berichtet uns von einem Ort an der iranischen Grenze, an dem angeblich die Arche Noah gefunden wurde. Vielleicht kommen wir ja auf unserer weiteren Reise vorbei.

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Mandalay und das Ende unserer Reise

Januar 27, 2014 at 2:36 pm (Uncategorized) ()

Am Donnerstag (23.Januar) lassen wir uns zu dem kleinen Bahnhof von Hsipaw bringen.

Auf dem Bahnhof von Hsipaw

Auf dem Bahnhof von Hsipaw

Über eine Stunde vor Abfahrt des einzigen Zuges herrscht hier lebhaftes Treiben. Viele Einheimische warten, noch mehr Säcke und Pakete sind auf dem Bahnsteig gestapelt. Das Lösen der Fahrscheine nimmt viel Zeit in Anspruch. Diesmal wollen Viele, auch Einheimische, in der Upper Class fahren. Diese ist geradezu luxeriös ausgestattet, mit Polstersitzen und weißen Bezügen auf den Rückenlehnen. Um 9.40Uhr fährt der aus Lashio kommende Zug in sehr gemächlichem Tempo ab, heftig schaukelnd, wie wir es schon von unserer Fahrt nach Bago kennen. In Gokteik trifft er mit dem Gegenzug zusammen, was ich unbedingt fotografieren möchte. Kaum ist das Foto im Kasten, merke ich, das nicht der Gegenzug, sondern unser eigener inzwischen abfährt. So schnell ich kann, spurte ich hinterher. Ich schaffe es sogar am Gepäckwagen vorbei zu kommen, bevor ich in die offene Tür springe. Die beste aller Ehefrauen ist not amused über meine Einlage, zumal mir.das in der Transsib vor vier Jahren schon mal passiert ist. Wenig später schauen alle aus den Fenstern und Türen, denn wir passieren das spektakuläre Gokteik-Viadukt, das von amerikanischen Ingenieuren zu Beginn des 20.Jahrhunderts konstruiert wurde. Der Ausblick ist atemberaubend, während die Bahn im Schritttempo die über 100m tiefe Schlucht überquert.

Auf dem Gokteik-Viadukt

Auf dem Gokteik-Viadukt

Später eröffnet sich immer wieder der Blick auf das Viadukt, weil der Zug auf Serpentinen Höhe gewinnt. Pünktlich (!) um 4 Uhr erreichen wir dann Pyin oo Lwin, wo wir den Zug verlassen, weil er auf seiner Fahrt nach Mandalay hier eine zweistündige Pause macht. So teilen wir mit einem französischen Ehepaar ein Taxi. Eineinhalb Stunden später sind wir in unserem Hotel in Mandalay.
Am Freitag wollen wir nach Amirapura, wo sich bis in 19.Jahrhundert der Königspalast des birmanischen Reichs befand. Heute ist es vor allem wegen der U Bein-Brücke berühmt, der längsten Teakholz-Brücke der Welt. Nach dem Frühstück versuchen wir ein Taxi zu der gut 10km entfernten ehemaligen Hauptstadt zu bekommen. Für ein Auto sollen wir hin und zurück 20000 Ky bezahlen. Der Mopedfahrer, der mich eine Woche zuvor transportierte, verlangt 15000, was uns auch zu viel ist. Aber er engagiert einen jungen Fahrer, der mit 10000 einverstanden ist. Zu dritt auf einem Moped ist auch in Myanmar nicht erlaubt und ungewohnt ist es auch, aber es klappt ohne Probleme.

U Bein-Brücke

U Bein-Brücke

Die gut einen Kilometer lange U Bein-Brücke überquert einen Stausee des Ayeyarwaddy. Sie ist schon 200 Jahre alt, wirkt recht gebrechlich und ist nur für Fußgänger betretbar. Es gibt Sitzbänke und überdachte Pavillons, in denen Souvenirverkäufer auf Kundschaft warten. Eine Frau sitzt vor drei kleinen Käfigen. In einem sind Schleiereulen eingesperrt, im zweiten kleine Käuze und im dritten kleine Singvögel. Gegen eine Spende kann man den Tieren die Freiheit zurückgeben, aber wir lehnen dankend ab. Auf der anderen Seite spazieren wir unter Baumriesen am Ufer entlang, was leider durch Berge von Plastikmüll beeinträchtigt wird. Romantisch dagegen die Rückfahrt in einem Ruderboot, das im Stehen mit gekreuzten Rudern bewegt wird.

 

Auch so kann man rudern

Auch so kann man rudern

Bevor uns unser geduldig wartender Fahrer zurück nach Mandalay bringt, besuchen wir noch eine wunderbare Pagode, die zum Mahagondayon-Kloster, eines der größten im Lande, gehört. Nachmittags haben wir erneut unseren Mopedfahrer engagiert, um uns zum Mandalay-Hill im Norden der Stadt zu bringen.

 

Langer Aufstieg zum Mandalayhill

Langer Aufstieg zum Mandalayhill

Wir hatten erwartet, hier von Touristen erdrückt zu werden. Stattdessen sind wir beim Aufstieg über fast 1000 Treppenstufen fast alleine. Überall gibt es Steinbänke, um unterwegs zu verschnaufen. An zahlreichen Ständen kann man Souvenirs und Erfrischungen kaufen. Witzigerweise gibt es auf den Treppengängen viele Tiere, Hunde, Katzen sowie Familie Huhn, die sich hier heimisch fühlen. Auf der Spitze hat man einen großartigen Ausblick in alle Richtungen. Im Süden das von einem breiten Wassergraben und einer Mauer umgebene Stadtzentrum, im Westen der Ayeyarwaddy, im Norden die Ruinen von Mingon und im Osten die Shanberge. Natürlich gibt es eine Menge prachtvoller Skulpturen. Der Shweyataw-Buddha, dessen ausgestreckter Arm auf den (von den Briten 1945 zerstörten) Königspalast weist, wie der Erleuchtete es prophezeit hat: dass 2400 Jahre später am Fuße dieses Hügels eine große Stadt gegründet werde, was sich genau mit dem Umzug König Mindons von Aminapura nach Mandalay deckt. Und die Statue der Dämonin Sandra Mike Kit, die Buddha ihre Brüste schenkte, weil sie sonst nichts zu geben hatte.

Shweyataw-Buddha

Shweyataw-Buddha

Abends ein wunderbares Essen in einem vegetarischen indischen Restaurant.
Mandalay gefällt uns immer besser. Trotz einer Vielzahl von Tempelanlagen gibt es in der Stadt keine Altertümer. Das am Reißbrett entworfene Straßennetz ist rechtwinklig. Nach amerikanischen Vorbild sind die Straßen durchnummeriert, was die Orientierung sehr erleichtert. Mehr als drei Stockwerte gibt es nicht. Das Straßenbild macht insgesamt einen sauberen und gepflegten Eindruck.
Was uns immer wieder beeindruckt, ist das strahlende Lächeln, das uns immer wieder von völlig Fremden dargeboten wird.

Kuthodaw-Pagode

Kuthodaw-Pagode

Der Samstag beginnt mit einem großen Schreck. Zunächst ist Dorothea krank. Sie hat sich den Magen verdorben, und muss den Vormittag im Bett verbringen. Als ich zur geplanten Schifffahrt nach Mingun aufbrechen will, stelle ich fest, dass der Fotoapparat weg ist! Ich muss ihn entweder am Mandalay-Hill liegen gelassen haben, oder ihn auf der Mopedfahrt zurück verloren haben. Sämtliche Fotos von Bagan, Hsipaw und der Eisenbahnreise waren noch nicht gesichert. Kurz entschlossen lasse ich mich per Moped zum Mandalay-Hill fahren, und versuche den Souvenirfrauen klar zu machen, was ich suche. Ich hatte eigentlich keine Hoffnung, doch dann versteht eine, und strahlt mich an. Tatsächlich habe ich ihn beim Schuheanziehen liegen lassen, und sie hat ihn gefunden und verwahrt. Ich könnte ihr vor Dankbarkeit und Erleichterung um den Hals fallen, belasse es aber bei einem Finderlohn. Soviel Glück ist kaum auszuhalten!
Das Schiff nach Mingun ist inzwischen abgefahren, aber das kann meine Freude nicht mindern. Ich versuche, für uns Fahrräder zu leihen, ohne Erfolg. Stattdessen leihe ich mir vom Hotelboy das Moped aus, damit wir beweglicher sind.

Dorothea geht es inzwischen wieder besser, und so können wir einen Ausflug zur Kuthodaw-Pagode am Fuß des Mandalay-Hills machen. Hier lagert das größte Buch der Welt. Auf 729 weißen ,eng gemeißelten Marmortafeln ist hier die dreiteilige Buddhistische Lehre aufgeschrieben. 200 örtliche Kunsthandwerker haben über sieben Jahre gearbeitet, bis die Tafeln 1868 fertig gestellt wurden.Jede einzelne Tafel ist durch eine kleine weiße Pagode geschützt.

Eine Seite im gröüten Buch der Welt

Eine Seite im gröüten Buch der Welt

Anschließend fahren wir zum Osttor der Stadtmauer, um von dort zur Ruine des 1945 von britischen Fliegern zerstörten Königspalastes, dem durch den Roman von Amitav Ghosh berühmten Glaspalast, zu kommen. Das ganze Zentrum ist jedoch militärisches Sperrgebiet und wir müssten 20 Dollar Eintrittsgeld bezahlen, so verzichten wir. Viel mehr sind wir an Mandalays bekanntesten Kunsthandwerk, der Goldschlägerei, interessiert. Die Betriebe sind gar nicht so leicht zu finden. Wir entdecken sie durch die Hammerschläge, die aus dem Hinterhof in der 37th Street (80/81) zu hören sind. Hier wird in einem komplizierten Verfahren Bambuspapier hergestellt, das zur Produktion von Blattgold benötigt wird.

Goldschläger

Goldschläger

Zwei sehr muskulöse Männer schlagen im Sekundentakt mit einem 3kg schweren Hammer auf einen Stapel des pastenartigen Ausgangsmaterials. Die dazu benötigte Zeit wird mit einer schalenartigen Wasseruhr gemessen, die sich durch ein kleines Loch füllt. Im Betrieb nebenan wird dann das fertige, in quadrische Blätter geschnittene Papier zum Hämmern von Blattgold verwendet. Eine volle Stunde arbeiten die Männer, bevor sie sich eine Viertelstunde Pause gönnen. Man staunt, wie Menschen diese Strapazen aushalten und mag an die gesundheitlichen Folgen gar nicht denken. Nach sechs Stunden hat das Gold dann eine Schichtdicke von einem Tausendstel Millimeter erreicht. Frauen schneiden es in quadratische Plättchen und verpacken sie für die gläubigen Buddhisten, die damit die Buddhastatuen bekleben. Es wird außerdem zur Verzierung von Lackmalerei verwendet, oder man kann sich ein goldenes Emblem auf die Stirn kleben lassen.
Neben unserem Hotel befindet sich ein Fußballplatz, auf dem bei unserer Rückkehr ein Spiel ausgetragen wird, dessen Ohrenzeuge wir werden.

Nach dem Fußballspiel

Nach dem Fußballspiel

Solch einen frenetischen Jubel habe ich noch nicht erlebt, und der Jubel kennt keine Grenzen, als die Gastmannschaft mit 8:0 abgefertigt wird.
Abends wohnen wir einer Aufführung des Mandalay-Marionettentheaters bei, das auf eine lange Tradition zurück blickt. Zur kleinen Bühne gehören nur etwa 50 Plätze und ein Musikensemble aus vier älteren Männern, die alte Instrumente (Trommeln, Gong, Oboe und einer Art Xylophon manchmal ohrenbetäubend spielt. Die einstündige Vorführung folgt einem Programm von Tänzen mit clownesken Einlagen, bei denen die „Strippenzieher“ bisweilen auch zu sehen sind. Am Ende stellen sich die Darsteller, deren „Chef“ 83 Jahre alt ist, persönlich vor.
Am Sonntag beginnt dann endgültige Abschied von Myanmar. Die Fahrt zum Flughafen Mandalay ist noch einmal landestypisch: auf der zugigen Ladefläche eines Pickups, auf der wir mit dem sympathischen Sohn des Fahrers ins Gespräch kommen. Er studiert Biologie, spricht und versteht kaum englisch, aber er müht sich redlich. Im Flughafencafė können wir unsere letzten Kyat lassen, denn man kann sie nicht umtauschen. Der knapp zweistündige Flug nach Bangkok startet pünktlich.
Das Taxi vom Don Mueang Flughafen zur Khaosan-Straße soll 800 Bt kosten. Das finde ich, ist zu viel Geld und wir entscheiden uns, es mit ÖPNV zu versuchen. Allerdings ist es schon schwierig, die Bushaltestelle zu finden. Als wir es geschafft haben, fährt Bus 827 vor der Nase weg. Wir warten fast eine halbe Stunde im Verkehrslärm und Gestank. Schließlich steigen wir einfach in einen anderen Bus ein und haben Glück, eine englisch sprechende junge Frau zu treffen, die dem Fahrer unser Fahrziel mitteilt. Natürlich ist es der falsche Bus, und außerdem kann man wegen der Unruhen über haupt nicht mit dem Bus nach Khaosan fahren. Aber wir fahren eine Dreiviertelstunde in die richtige Richtung! Gemeinsam mit unserer Helferin steigen wir aus. Sie besorgt uns ein Taxi, das uns für den Taxameterpreis fährt (für Ausländer meist nicht möglich). So kommen wir für 120 Bt zum New Joe Guesthouse, wo wir schon vor 6 Wochen waren. Die Travellermeile ist ungewohnt leise, gut für uns! Es gibt kein Bier, weil wegen der heutigen Vorwahlen der Alkoholausschank verboten ist. Die Lage ist ziemlich gespannt. In den vergangenen Tagen kam es zu Ausschreitungen zwischen Oppositions-und Regierungsanhängern mit Toten. Weil auf den Hauptstraßen mit Behinderungen zu rechnen ist, beschließen wir, über morgens schon früh morgens zum Suvarmabhumi-Flughafen zu fahren, um unser Flugzeug nicht zu verpassen.
Am Montag, unserem letzten Tag schlendern wir in der gewohnten Hitze zu einem großen Park, der aber leider unzugänglich ist. Wir stehen aber direkt vor dem Eingang des Dusitzoos, den wir schon vor vier Jahren besucht haben. Er gefällt uns noch besser als damals. Am Dienstag fahren wir schon um 6 Uhr früh zum Flughafen, um wegen möglicher Behinderungen einen Zeitpuffer zu haben. Aber wir kommen ohne Probleme durch und müssen die Zeit bis zum Abflug 12.30 Uhr totschlagen. Unsere Condormaschine fliegt in 12 1/2 Stunden direkt nach Frankfurt. Unterwegs haben wir einen spektakulären Blick auf den Hindukush, der völlig unberührt von Zivilisation scheint. Aus 10 km Höhe wirkt alle Welt sehr friedlich! Nach kurzem Zwischenstopp in Frankfurt kommen wir kurz nach 22 Uhr in Hamburg an, wo wir von unseren Söhnen Johannes und Anton in Empfang genommen werden und nach fast 5 Monaten in den Schoß der Familie zurückkehren.

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Hsipaw

Januar 25, 2014 at 10:53 am (Uncategorized)

Am Sonntag (19.Januar) müssen wir wieder früh aufstehen, denn unser Boot nach Mandalay legt schon um 6 Uhr vom Jetty ab. So erleben wir Sonnenauf- und untergang an Bord eines etwas in die Jahre gekommenen Flussboots, auf dem reichlich bequeme Sitzmöglichkeiten auf und unter Deck gibt. Die Landschaft ist etwas eintönig. An den flachen Ufern wird intensiv Gemüseanbau betrieben. Nur selten tauchen Ortschaften auf, und auf der langen Strecke gibt es nur eine Brücke. Dagegen herrscht auf dem Fluss lebhefter Verkehr. Oft begegnen uns Schuten, die mit Kohle und mit Teakholzstämmen beladen sind.

Eine von vielen Teakholzschuten

Eine von vielen Teakholzschuten

Es erfordert aber große Ortskenntnis, auf dem Kilometer breiten, aber oft sehr Flachen Ayeyarwady zu navigieren. Ein festgefahrenes Schiff blockiert eine schmale Passage, und das Boot muss ein Stück zurück setzen, um den Engpass auf einem anderen Arm zu umgehen.

Das Flussboot steckt fest

Das Flussboot steckt fest

Ein anderes Mal sehen wir, wie ein großes Slowboat voller Passagiere an einer breiten Stelle festsitzt. Unser Schiff geht längsseits, vielleicht um beim Freischleppen zu helfen. Als aber ein Schlepper auftaucht, fahren wir weiter. Unverständlicherweise fährt das havarierte Schiff volle Kraft voraus weiter auf den Schlick, während der Schlepper vergeblich versucht, ihn seitwärts weg zu ziehen. Ansonsten verleben wir einen behaglichen Tag auf dem nur mäßig besetzten Schiff. In einer Flussbiegung begegnen wir riesigen Spülaggregaten. Wir erfahren, dass es sich um Goldgewinnung handelt. Leider werden dabei große Mengen von Quecksilber, mit dem das Gold extrahiert wird, freigesetzt mit bislang nicht abschätzbaren Gefahren für die Umwelt.

Goldsuche

Goldsuche

Eigentlich sollten abends um 6 Uhr ankommen, aber wie meistens in Myanmar verschiebt sich die Ankunft um gut zwei Stunden. Wir haben noch nicht festgemacht, da springen kräftige Frauen und Männer an Bord, um uns unser schweres Gepäck das steile Flussufer hochzuwuchten. Eigentlich nehmen wir solche Dienstleistungen ungern in Anspruch. Andererseits verdienen die Einheimischen damit ein paar Kjat, deren Ausgabe uns nicht im Mindesten kratzt.
Unser Hotel ist überraschend gut, aber vor dem Schlafengehen muss ich mich noch die Weiterreise kümmern. Wir wollen mit dem Zug nach Hsipaw fahren, und ich lasse mich von einem Mopedtaxi zum Bahnhof bringen. Dort erfahren wir, dass der einzige Zug um 4 Uhr in der Frühe startet. Um uns dies zu ersparen, fahre ich mit dem gleichen Taxi zum Busbahnhof und kaufe Tickets. Mein eifriger Fahrer telefoniert gleich mit einem Kollegen, der uns am nächsten Tag -leider schon um 5.15 Uhr- am Hotel abholt. Der Bus ist hoch modern und schnell. Wir sind mal wieder die einzigen Touristen im Bus, bei dem nicht nur alle Plätze, sondern auch die Notsitze besetzt sind. Das macht das Aussteigen auf freier Strecke zu einer Turnübung. Zu allem Überfluss sind gleich vier Reisende magen- oder seekrank, und müssen sich auf der kurvenreichen Strecke permanent und lautstark über geben. Nach zwei Stunden machen wir in Pyin oo Lwin Frühstückspause. Wir haben noch gar nicht damit gerechnet, als uns der Fahrtbegleiter Zeichen zum Aussteigen macht.
Hsipaw ist eine Kleinstadt mit dreißig Tausend Einwohnern und gehört zum nördlichen Shanstaat, kaum 200km von der chinesischen Grenze entfernt. Unser Guesthouse Mr. Charles ist eine Wucht, ein sehr freundliches Team, großzügige Zimmer mit eigenem Balkon, Badezimmer mit Wanne(!), tolle Architektur mit viel Teakholz. Dafür sind auch 48 Dollar nicht zu viel.
Hsipaw liegt an einem schnell fließenden Fluss Dot Hat Waddy (kleiner Fluss).
Es gibt ein paar Straßen mit viel LKW-Verkehr Richtung China. Aber sonst macht es einen eher dörflichen Eindruck mit viel Landwirtschaft. Aber auch hier entstehen Hotelbauten, man hofft auf den Tourismus infolge der Öffnung des Landes. In den Restaurants bekommt man aber vorwiegend Shanessen serviert, das meistens lecker schmeckt und Nudeln, Gemüse, Fleisch und Fisch enthält.
Am Dienstag versuchen wir, den Shanpalast zu besuchen, in dem bis zu ihrer Vertreibung in den Sechzigerjahren der letzte Shanfürst mit seiner aus Österreich stammenden Prinzessin lebte. leider ist das Tor verschlossen, aber eine Frau teilt uns mit, dass wir gegen 4Uhr nochmal wiederkommen sollten. So besuchen wir als Nächstes einen in einem Kloster gelegenen Tempel mit einem aus Bambus geschnitzten Buddha.

Bambusbuddha

Bambusbuddha

Überfall begegnen uns die Menschen mit strahlendem Lächeln, das auch zu einem ausgelassenen Lachen werden kann, wenn sie mich beobachten, wie ungeschickt ich über eine schmale Bambusbrücke balanciere.

Der Shanpalast

Der Shanpalast

Nachmittags ist der Shanpalast dann geöffnet. Wir werden von einer freundlichen älteren Frau begrüßt, die sich als Frau des Neffen des letzten Prinzen vorstellt. Dieser hatte während seines Studiums in Colorado eine Österreicherin Inge Sarpent kennen und lieben gelernt, um sie dann nach seiner Rückkehr als Prinzessin mitzunehmen. Sie lernte die Shansprache schnell und war beim Volk sehr beliebt. Als sich der Prinz weigerte, den neuen Machthabern Platz zu machen, wurde er verhaftet. Bis heute verweigert die Militärregierung Auskunft, was mit ihm geschah, aber seine Ermordung steht de facto außer Frage. Inge verließ Birma mit ihren zwei Töchtern. Erst vor einem Jahr wurde ihr die Rückreise gestattet , die sie wegen ihrer angegriffenen Gesundheit nicht mehr antreten kann. Die Hausverwaltung übernahm Donald, mit dessen Frau wir heute sprechen. Donald wurde ebenfalls -vermutlich, weil er Informationen an Touristen gegeben hatte und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. 2009 wurde er frei gelassen, und empfängt wieder Gäste.
Das Anwesen strahlt morbiden Charme aus. Es muss hier einmal schön gewesen sein. Für den Abend ist uns der“sunset point‘ empfohlen worden. Da er am Ortsende am jenseitigen Flussufer liegt, lassen wir uns per Pickup zur Brücke bringen. Von dort laufen wir noch eine gute halbe Stunde bergauf, bis wir mit einem fürstlichen Ausblick belohnt werden.

Am Sunset-Point

Am Sunset-Point

Unterwegs kommen uns Kinder entgegen, jedes mit einem Tragholz beladen. In den großen Paketen befindet sich gebündeltes Brennholz, das sie ins Tal bringen. Auf dem Rückweg versuchen wir einen Weg in die Stadt abseits der Hauptstraße zu finden und verlaufen uns prompt in der einbrechenden Dunkelheit. Freundliche Anwohner ahnen, wohin wir wollen und geben uns Fingerzeige für die Richtung. Trotzdem dauert es eine Stunde, bis wir in unserem Restaurant ankommen, wo wir mit gebratener Ente für die Mühe entschädigt werden. Später auf der Terrasse ein geselliger Abend mit Travellern. Mit unseren Erlebnissen sind wir schon ein Bisschen Experten.
Am Mittwoch schließen wir uns einer geführten Wanderung an. Unser Führer ist ein lustiger Sechziger, der gut englisch spricht und immer zu Witzen aufgelegt ist. Sie richten gegen die Regierung oder gegen die Chinesen. Die offizielle Zeitung „New Light oft Myanmar“ nennt er „New Lies oft Myanmar“. Einige Berichte über China sind zu unappetitlich, um sie hier wiedergeben zu können.
Mit uns wandern ein ambitionierter kanadischer Wissenschaftler und seine mexikanische Frau, außerdem ein junges Paar aus Ibiza.

Nudeltrocknung

Nudeltrocknung

Wäsche am Fluss

Wäsche am Fluss

Wir besichtigen zuerst eine Nudelfabrik, in der riesige Mengen Reisnudeln hergestellt, an der Luft getrocknet und verpackt werden. Besonders aufregend ist eine Maschine, in der im Sekundentakt Teigplatten in eine Rolle eingefädelt werden. Man mag dem jungen Arbeiter gar nicht zusehen, der jedes mal seine Finger zentimeternah an die Walze bringen muss. Später dürfen wir einem Schmied und seinem Helfer bei der Arbeit zusehen, wie sie Macheten mit präzisen Hammerschlägen schmieden. Auf unserem Weg zu einigen Shandörfern wird die Vielfalt ihrer Landwirtschaft deutlich. Außer Reis wird Gemüse wie Auberginen, Tomaten, Stangenbohnen und Erbsen angebaut. Außerdem haben Schweine und Federvieh ein besseres Leben als ihre Artgenossen in Europa.

Junger Reiter

Junger Reiter

Wasserbüffel ziehen die Pflüge und Karren, dienen als Reittiere , nicht aber zur Fleischproduktion. Sie gelten als heilig, und wenn sie ihr Lebtag geschuftet haben, wird ihnen das Gnadenbrot gewährt, erzählt unser Führer. Wir schauen uns einen Tempel auf der Spitze eines Hügels und die Grabstätte der Shanfürsten an. In einem Nonnenkloster sehen wir kahlgeschorene Mädchen, die zum Teil noch Kleinkinder sind.

Kleine Nonne

Kleine Nonne

Mittags wird uns eine sehr wohlschmeckende Shannudelsuppe serviert. Der Rückweg führt führt durch eine idyllische Landschaft entlang des Flusses.
Leider müssen wir umziehen, weil unser schönes Hotelzimmer schon vorgebucht war. Das Ersatzzimmer ist zwar auch sauber, aber sehr basic. Auf Fernseher und Klimaanlage können wir gerne verzichten, aber ein eigenes Klo und ein Stuhl war schon nett. Aber es ist nur für eine Nacht und kostet weniger als die Hälfte.

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Bagan

Januar 21, 2014 at 9:04 am (Uncategorized) ()

Am Mittwoch (15.Januar) fahren wir am frühen Morgen mit dem Bus nach Bagan. Von der geplanten Eisenbahnfahrt hat uns die Hotelbesitzerin abgeraten, da die Strecke „bumpy“ sei. Nach den Erfahrungen der Fahrt nach Bago glauben wir ihr gerne, obwohl die achtstündige Busfahrt auch kein Zuckerlecken ist. Der Busfahrer lässt uns direkt vor unserem Hotel in Nyaung U heraus. Unser Zimmer ist nicht sehr ansprechend, aber der große Dachgarten im vierten Stock entschädigt für alles. Den Sonnenuntergang erleben wir am nahegelegenen Ayeyarwady (Irriwadi), ein kilometerbreiter Strom, in dem in der Trockenzeit große Sandbänke auftauchen.

Sonnenuntergang am Ayeyarwaddy

Sonnenuntergang am Ayeyarwaddy

Abends essen wir in einem birmanischen Restaurant, in dem wir die einzigen Gäste sind. Die ganze Familie ist hier beschäftigt. Großmutter und Tante sitzen auf einem flachen Tisch und putzen die ganze Zeit Gemüse. Es gibt nur ein Gericht (Hühnercurry), aber das ist sehr lecker. Das Bier muss aus einem anderen Geschäft geholt werden. Beim Essen schauen uns alle zu. Das ist uns etwas unbehaglich, aber es zeigt nur ihre Zuwendung und ihr Interesse an uns.
Am nächsten Tag mieten wir uns Fahrräder, mit denen wir auf sandigen Wegen zu den Pagoden gelangen. Es gibt über 2000 davon, soweit das Auge reicht! Die meisten sind gar nicht in unserer Karte eingetragen und doch den Besuch wert, denn man kann z.B. die Shwegugyi über schmale Treppen erklimmen und hat von oben einen wunderbaren Blick auf das Pagodenfeld. In einer kleinen Pagode entdecken wir eine Hufeinsennase (Fledermaus), die genau in der Deckenrosette hängt.
Als wir hungrig werden, lassen wir uns an einem schattigen Essenstand nieder, an dem eine freundliche Einheimische lecker duftende Speisen brutzelt. Offenbar ist ihr nicht klar, dass wir bei ihr essen wollen, denn wir warten eineinhalb Stunden. Dann aber wird uns ein leckeres Essen mit Fisch, Fleisch und Gemüse serviert. Als wir bezahlen wollen, winkt sie ab, wir sollten uns eingeladen fühlen! So gastfreundlich können nur Menschen sein, denen es eigentlich an allem mangelt!

Shewagon-Pagode

Shewzigon-Pagode

Dann schauen wir uns die prachtvolle Shewzigonpagode an, deren riesiger Stupa golden in der Sonne glänzt. Mit dem Bau im 11. Jahrhundert wollte König Anawrahta sein neu geschaffenes Großreich durch eine einheitliche Religion, den Buddhismus, festigen. Die Spitze des Stupa hat die Form einer Bananenblüte und wird von einem goldenen Hti gekrönt. Um den Stupa finden sich vier tazaung (Gebetshallen) mit stehenden Buddhafiguren, die von zahlreichen Gläubigen aufgesucht werden. Außerdem gibt es einen Natschrein mit 36 Nats und ihrem König Thagyamin. Nats sind Geisterwesen, oft Reinkarnationen lebender Personen, deren Verehrung (und Besänftigung) ein wesentliches Element des Buddhismus darstellt.
Nahe gelegen ist der Kyanzittha Umin, ein Höhlentempel, in dem interessante Wandmalereien zu bestaunen sind.Einige zeigen mongolische Krieger mit Kublai Khan, die Ende des 13. Jahrhunderts Bagan besetzt haben.
Den Sonnenuntergang erleben wir ebenfalls auf der Plattform der Shwegugyi Pagode, auf der sich einige westliche Jugendliche zum Meditieren niedergelassen haben, die Versenkung wurde durch einen Anruf auf dem Handy unterbrochen. Am Freitag mieten wir eine einspännige Pferdekutsche, von denen es 250 in Bagan und Umgebung gibt. Bagan liegt wenige Kilometer von Nyaung U entfernt. Seine Bewohner wurden vor einigen Jahren nach New Bagan umgesiedelt, so dass es hier nur noch Sehenswürdigkeiten und die dazugehörige touristische Infrastruktur gibt.
Unser erster Besuch gilt dem Shwe-leik-too-Tempel, wo wir von einem sympathischen jungen Mann (alle betonen, Studenten zu sein) herumgeführt werden. Natürlich nicht ganz uneigennützig, denn er möchte uns wunderbare Sandmalereien anbieten. Erfolgreich. Von oben ergibt sich ein schöner Blick auf das Raya-nda-zu-Pagodenfeld.

Bagan- Pagoden soweit das Auge reicht

Bagan- Pagoden soweit das Auge reicht

 

Ananda-Pagode

Ananda-Pagode

Ein Höhepunkt ist dann die Anandapagode, die Ende des 11. Jahrhunderts durch König Kyanzittha errichtet wurde. Zwei Korridore umlaufen den kubischen Bau, die von allen vier Seiten durch Gänge unterbrochen werden, die von den Vorhallen ins Innere verlaufen. An deren Enden stehen in hohen Räumen die vier Buddha Figuren Kakusandha, Konagomana, Kassapa und der gegenwärtige Gautama. Während des Rundgangs wird Dorothea von einem Herrn mit großer Entourage in ein Gespräch vor laufender Kamera verwickelt, der sich als Ministerpräsident der Mandalay-Division vorstellt. Vielleicht kommt sie ja in die Zeitung oder ins Fernsehen!
Kaum weniger eindrucksvoll ist die gewaltige Dhammayangyi-Pagode, die den gleichen Grundriss wie Amanda hat. In den hohen Gewölben entdecken wir Hunderte Fledermäuse, und außerhalb einen prächtigen Wiedehopf. Als wir gleich bei der Weiterfahrt auch noch eine endemische Vogelart, den Weißkehldrossling, beobachten, ist die Biologin hoch zufrieden.

Dhammayangyi-Pagode

Dhammayangyi-Pagode

Beim Mittagessen in einem vegetarischen Restaurant kommen wir mit einem jungen chilenischen Paar ins Gespräch-gut eine Stunde! Unser Kutscher ist etwas verstimmt, denn er wollte uns noch so viele Pagoden zeigen. Nach der am Ufer des Ayeyarwadi gelegenen Bu-paya-Pagode sind wir pagodenmüde und wollen nach Hause.
Abends essen wir in dem edlen und wunderschön ruhig am Flussufer gelegenen Bagan Beach Restaurant. Teuer, aber das war es wert.

Buddhaskulptur in der Anandapagode

Buddhaskulptur in der Anandapagode

Am Samstag besuchen wir zunächst den direkt beim Hotel gelegenen lebhaften Markt. Leider kann man keinen Schritt tun, ohne dass einem Verkäuferinnen aufdringlich zum Kauf nötigen wollen. Immerhin erstehen wir auf eigenen Wunsch einige Holzfiguren – von hier? Und eine Seiden(?)bluse. Der Obst-und Gemüsemarkt ist wohlriechend, der Fleisch- (wenig Fleisch, viele Innereien, Eingeweide, Fliegen) und Fischmarkt ziemlich eklig. Danach machen wir uns noch einmal mit dem Fahrrad auf den Weg. Nur mit einer unzureichenden Karte ausgestattet und birmanischer Schriftzeichen nicht mächtig, können wir uns in der abgelegenen Dornsteppe im Osten Bagans kaum zurechtfinden. Ob die schließlich gefundene einsam gelegene Pagode wirklich die Kon-daw-ghy-Pagode ist, wissen wir nicht. Wir wähnten uns ganz alleine, als wir uns oben einem Mönch gegenübersehen, der mit seinem an Mundverletzungen erinnerndes Khatgebiss freundlich grinsend seine Donation einfordert. Noch schwieriger ist es, den Hmya-tha Umin Höhlentempel zu finden. Nach vielen Fehlversuchen am Ziel, sind alle Eingänge verschlossen. Immerhin finden wir einen anderen Höhlentempel mit einem geöffneten Eingang.
Bagan hat uns gut gefallen. Trotz der Touristenströme hat die Stadt ihr klein städtisches Gesicht bewahrt. Und eine so geballte Sammlung von Altertümern haben wir nur in Angkor Wat in Kambodscha erlebt. Im Gegensatz dazu ist Bagan nicht nur Sehenswürdigkeit, sondern lebendiges religiöses Zentrum des Buddhismus.

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