Urfa – eine Wiege der menschlichen Kultur

Mai 1, 2014 at 2:22 pm (Uncategorized)

Am Freitag (5.Oktober) ist auf dem abgesperrten Busbahnhof von Göreme ein großes Volksfest im Gange. Die Prominenz ist zugegen, alle sind festlich gekleidet, es wird die Nationalhymne gespielt und lange Reden gehalten. Jedoch tappen wir im Dunkeln, was den Zweck des Festes angeht. Offenbar geht es um Kürbisse, die nicht nur überall aufgehäuft sind, sondern die in jeder Weise geschnitzt wurden, und sehr dekorativ arrangiert wurden. Andererseits sind zahlreiche weißgekleidete Köche zugegen und mehrere Gastronomieherde aufgestellt. Also handelt es sich um einen Kürbiskoch-Wettbewerb?
Um 12 Uhr fahren wir mit dem Bus nach Nevshehir, um dort auf den Bus nach Adana und Sanliurfa zu warten. Mit uns fährt eine junge Frau aus Hannover, die in Adana aussteigt. Im hochgelegenen Nevshehir ist es sonnig, aber noch bitterkalt (8°C); um dann innerhalb weniger Kilometer in einer Gefällestrecke auf über 20°C anzusteigen. Ab Adana geht es ostwärts relativ nahe zur syrischen Grenze, ohne dass etwas von der Problematik spürbar ist. Wir haben am Abend zuvor erfahren, dass inzwischen 600000 Syrer aus ihrer Heimat in die Türkei geflüchtet sind, wo sie in Zeltlagern entlang der Grenze aufgefangen werden. Jeden Tag kommen etwa 1000 hinzu.
Auf der zehnstündigen Busfahrt versorgen wir uns mit Feigen und Mandeln, die wir auf dem Markt gekauft hatten. Sie sind sehr lecker, aber leider bekommen wir beide massive Verdauungsprobleme, die uns den ganzen nächsten Tag zu einer Zwangspause veranlassen. In dem Hotel, dessen Sanitärbereich und die Luft zum Atmen nimmt, ist außer uns nur eine holländische Studentin, die seit Monaten alleine per Anhalter unterwegs ist. Dadurch hat sie sich die türkische Sprache soweit angeeignet, dass sie problemlos mit den Einheimischen kommunizieren kann. Sehr mutig, finde ich, aber sie hat bislang überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Am Samstag (6.Oktober) suchen wir zunächst ein anderes Hotel, aber es ist teuer, und unsere Taschen in den 3.Stock zu schleppen, fehlt uns heute die Kraft. Die einfachere Lösung ist, wir ziehen einfach in ein Doppelzimmer ohne Bad um. Hier sind wir im Zimmer ohne Geruchsbelästigung, allerdings nur solange wie wir das Fenster geschlossen haben, denn direkt am Hotel vorbei fließt der „Euphrat“, genauer gesagt, eine stinkende Kloake. Damit können wir leben. Ansonsten liegen wir den ganzen Tag im Bett und kurieren unseren Infekt aus.

Ulu Cami

Ulu Cami

Am Montag (7.Oktober) geht es uns schon viel besser und mit etwas Diät (= nichts essen) werde ich meinen Magen wieder in Form bringen. Heute ist Stadtbesichtigung in Sanliurfa (Ruhmreiches Urfa, der offizielle Name von Urfa) angesagt. Die Stadt wurde schon um 3500 vor unserer Zeitrechnung gegründet , war als Edessa römische Provinz und im 2.Jahrhunder n.Chr. das erste christliche Königreich überhaupt. Die Altstadt konzentriert sich auf einen bequem fußläufigen Bereich. Unser Bummel beginnt beim Ulu Cami, einer im arabischen Stil errichteten Moschee aus dem 12. Jh, dessen beeindruckendes oktogonales Minarett aus einer christlichen Kirche im 5.Jh stammt. Vom Gümrük Hani, einer großartigen Karawanserai, ist nichts Antikes mehr zu sehen, aber gleich gegenüber beginnt ein weitläufiger, wunderbar ruhiger Bereich mit meherer Moscheen und einer religiösen Kultstätte. Zunächst kommt man zur Sultan-Hasan-Moschee, an die sich ein Park anschließt, der zur Halil-Rahman-Moschee.Die Mevlid-I-Halil- Moschee Die Mevlid-I-Halil- Moschee

führt. Der Name weist auf das benachbarte Heiligtum hin, die Höhle, in der Abraham der Legende nach geboren wurde, und dem Tötungsgebot des Königs Nimrod entging. Im Islam wird Abraham als Prophet und Heiliger verehrt. Der Zugang zur Höhle wird nach Geschlechtern getrennt aufgesucht. Wenn man weiter durch den Park wandert, kommt man an zwei ummauerten Gewässern vorbei. Der erste heiißt Ayn-I-Zeliha und ist nach Nimrods Tochter Zeliha benannt, die sich aus Verzweiflung über Abrahams vermeintliche Vernichtung in diesen Teich stürzte. Wenige Meter weiter liegt der Halil-ür Rahman-See. Hierhin stürzte Abraham, nachdem ihn Nimrod mit einem Katapult in ein Feuer schießen ließ. Gott jedoch verwandelte das Feuer in Wasser und das Brennholz in Karpfen, die seitdem den Teich in Massen bevölkern. Sie gelten ebenfalls als heilig. Jedenfalls sind sie hungrig und kommend sprudelnd sich übereinander quetschend an die Oberfläche, sobald man nur eine Handbewegung macht. Leider sind die vor wenigen Jahren freigelegten Haliplibaha-Mosaiken wegen Bauarbeiten nicht zu besichtigen und die Burg, zu der wir einen längeren Aufstieg machen müssen, aus unbekanntem Grund geschlossen. Aber man hat hier einen wunderbaren Blick auf die Stadt.
Nachmittags haben wir Mustafa, unseren Hotelbesitzer, zu einem Besuch der Bögebli Tepe -Tempelanlage engagiert. Sie liegt etwa 20 km außerhalb Sanliurfas auf einem weithin sichtbaren Hügel. Auf dem Weg mit Mustafas Van halten wir an einem blühenden Baumwollfeld – für uns etwas Neues. Bögebli Tepe wurde von etwa 20 Jahren entdeckt und seitdem von dem deutschen Archäologen Klaus Schmidt freigelegt. Die ganze Anlage wirkt aber noch sehr unerschlossen, Eintritt wird nicht erhoben. Dabei ist dieser Ort eine absolute Sensation, denn Altersbestimmungen ergaben ein Alter von 11500 Jahren, also etwa doppelt so alt wie Stonehenge . Es handelt sich um eine religiöse Kultstätte. Die Entdeckung löste einen Paradigmenwandel in der Archäologie aus, denn bislang war man der Ansicht, erst sesshafte Zivilisationen seien in der Lage gewesen, Kultstätten diesen Ausmaßes zu bauen. Bislang sind über 200 T-förmig, bis zu 6m hohe Säulen bekannt, die in etwa 20 Kreisen angeordnet sind. Viele der Säulen tragen gut erhaltene Darstellungen von Füchsen, Schlangen, Skorpionen, Enten und Adlern und symbolische Menschenbilder. Die Säulen werden zurzeit durch massive Holzgerüste gestützt und der Zugang teilweise schwierig. Trotzdem ein außerordentlich beeindruckendes Monument menschlicher Baukunst. Danke Anton, dass du uns diesen Tipp gegeben hast! Mustafa als gläubiger Muslim sieht in der Ausrichtung der Säulen nach Mekka ein uraltes religiöses Wissen. Er schimpft mächtig auf die schleppenden Freilegungsarbeiten und die fehlende Infrastruktur.  Nicht mal ein Klo gibt es hier!

Am Dienstag, 8. Oktober besuchen wir das Archäologische Museum, das wiederum ganz in der Nähe des Hotels liegt. Es enthält sehr interessante Exponate, darunter einige besonders gut erhaltene Tierskulpturen und eine übermannsgroße menschliche Figur aus Göbekli Tepe. Leider sind die englischen Erläuterungen marginal. Wir werden von einem Amerikaner (außer uns der einzige Besucher) angesprochen, der wie wir begeistert von der Fülle frühzeitlicher Funde ist. Er berichtet uns von einem Ort an der iranischen Grenze, an dem angeblich die Arche Noah gefunden wurde. Vielleicht kommen wir ja auf unserer weiteren Reise vorbei.

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