Auf den Andamaninseln

Dezember 6, 2013 at 5:18 pm (Uncategorized) (, )

Am Montagabend (25. November) lassen wir uns kurz vor Mitternacht zum Busbahnhof von Madurai bringen. Das Büro unserer Busgesellschaft befindet sich in einem Verschlag, vor dem ein Kalb im Dreck liegt. Unser Bus hat eine Stunde Verspätung und ist voller schlafender Passagiere. Wir quetschen in einen Doppelsitz, in dem wir die Nachtfahrt in halbliegender Position verbringen. Am frühen Morgen kommen wir in Chennai an und lassen uns in Flughafennaehe absetzen. Mit Glück entern wir eine Rikscha, die uns zum Terminal bringt. Nach dem üblichen Prozedere und ärgerlichen Extrarupies für Übergepäck sitzen wir schließlich im Flugzeug nach Port Blair.
In den vergangenen Tagen hatten wir im“Hindu“ von einem Taifun über der Andamansee gelesen, der die Insel am Vortag überquert hat und nun Richtung Festland zieht. Tatsächlich werden wir im Flugzeug ordentlich durchgeschüttelt, aber landen ohne Probleme in Port Blair. Hier sind die Folgen des Sturms an den zahllosen umgestürzten Palmen zu erkennen. Unser Hotelzimmer hat einen Balkon mit schönem Seeblick, ist aber etwas langweilig. Die Stadt ist so groß, dass man für jeden Weg eine Rikscha nehmen muss. Zum Glück muss man nie lange warten. Den Preis muss man beim Einsteigen absprechen. Sonst staunt man, wie viel abgezockt wird. Wir wollen die Eisenbahnfahrkarten für unser nächstes Ziel rechtzeitig buchen. Das ist nur im Secretariat möglich, einem Büro mit mindestens vier Angestellten, zwei Schaltern, von denen mit Glück einer besetzt ist. Die meiste Zeit steht vor beiden ein Pappschild „failed connection“, was bedeutet, dass zur Zeit keine Buchung möglich ist. Trotzdem füllen wir unser Formular aus und reihen uns tapfer in die Warteschlange ein. Als wir an der Reihe sind, erfahren wir, dass leider zu diesem Ziel und zu dieser Zeit und dieser Wagenklasse nichts mehr frei sei, aber wir sollten nochmal Platz nehmen, vielleicht… Nach einigen Stunden geben wir auf und auch unsere Versuche der nächsten Tage bringen nichts. So bleibt nur die Aussicht auf eine zehnstündige Busfahrt oder eben doch ein Flug.

Hafen von Port Blair

Hafen von Port Blair

Port Blair hat einen schönen Hafen, bietet aber nichts Besonderes. Es gibt ein ehemaliges Gefängnis „cellular jail“, das zum Museum umgestaltet wurde. Hier wurden bis zum zweiten Weltkrieg indische „Freiheitskämpfer“ unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Abends erleben wir eine Ton-Licht-Veranstaltung darüber.
Am Donnerstag (28. November) fahren wir mit dem Schiff zur Neil Island, wo wir nach zweistündiger schöner Fahrt ankommen.

Landzipfel von Neil Island

Landzipfel von Neil Island

Nur wenige Touristen steigen aus, die weitaus meisten fahren weiter zur größeren und viel bekannteren Havalock Island. Auf Neil Island gibt es keine Zeitung, kein Internet und unser Telefon geht hier auch nicht. Noch nie waren wir an einem so abgelegenen Ort. Aber es ist wunderbar ruhig hier. Alles ist per Fahrrad erreichbar. Man kann sie für wenig Geld leihen. Natürlich sind sie unbeleuchtet. Nach Sonnenuntergang nachmittags um fünf muss man ziemlich aufpassen, um Unfälle zu vermeiden. Wir wohnen in einer neuen Hütte aus Beton, die uns deutlich mehr zusagt als die Schilfhütten, die man direkt am Strand mieten kann. Da in diesem Jahr die Touristen ausbleiben, werden wir von den Restaurantbesitzern heftig umworben. Überall bekommen wir gutes Essen für wenig Geld. Die Strände sind in Beach 1bis Beach 5 unterteilt. Unsere Unterkunft ist knapp fünf Minuten von Beach 3 entfernt, einem schöner Sandstrand mit korallenbewachsenen Felsen, die sich zum Schnorcheln anbieten. Am zweiten Tag lassen wir uns zu den Kalksteinhöhlen am rauen Beach 5  führen, die nur bei Niedrigwasser erreichbar sind. Wir werden von Julian begleitet, einem 30-jährigen sehr sympathischen Argentinier, der zwei Monate alleine durch Indien gereist ist.
Wir müssen einige ziemlich schlüpfrige Felsen umqueren und auch ein kurzes Stück durch den Dschungel kriechen. Dort bekommen Julian und ich einige heftig schmerzende Stiche, ohne dass wir die Verursacher ausmachen können. Zum Glück lässt der Schmerz schnell wieder nach.

Höhlen am Strand 5

Höhlen am Strand 5

Kurz vor dem Ziel müssen wir umkehren, weil sich der Abstieg als zu gefährlich erweist. Obwohl wir nur eine kleine Höhle finden, in der keine Fledermäuse zu finden sind, hat uns der Ausflug viel Spaß gemacht. Auf dem Rückweg holen wir uns in der Mittagshitze einen Sonnenbrand. Zum Schluss baden und schnorcheln wir in den flachen Gewässern und sehen eine Menge bunter Fische.

Strand 4

Strand 4

Am 1. Dezember radeln wir zu den Stränden 1 und 4 am West- bzw Südende der Insel, wo auch viele Einheimische den Sonntag verbringen. Alle sind ausgesprochen freundlich zu uns. Erstaunlich viele sprechen gut englisch, was sie in der Insel Schule und durch den Kontakt mit den Touristen gelernt haben. Wir erfahren, dass viele sogar in Port Blair studiert haben, aber keine Möglichkeit haben, einen passenden Job zu finden. So lernen sie zum Beispiel Kochen und eröffnen ein Restaurant. Wenn man ein Essen bestellt, dauert es meist eine Stunde, bis man es auf den Tisch bekommt, obwohl man der einzige Gast ist. Es wird eben alles frisch zubereitet, gehackt und gewürzt, und das braucht seine Zeit. Wie die Leute von dem wenigen Geld, was sie für die viele Arbeit bekommen, leben können, ist mir ein Rätsel.

Unsere Unterkunft auf Neil Island

Unsere Unterkunft auf Neil Island

Unsere Unterkunft gehört zu einem bäuerlichen Familienbetrieb, wie auch Landwirtschaft die Existenzgrundlage der Insel zu sein scheint. Überall längs der Straße weiden Kühe, Ziegen und Schafe, die an Stricken in der Vegetation festgebunden sind und abends heimgetrieben werden. Geflügel läuft frei herum und morgens wird man von den Hähnen geweckt. Vor unserer Hütte liegen große Kunststoffplanen, auf denen Reis getrocknet wird. Nachmittags wird ein Ventilator aufgestellt. Die junge Bäuerin lässt den Reis scheffelweise durch den Luftstrom rieseln, wobei die Spreu weggeblasen wird. Ihr Mann fächelt den verbliebenen Reisstaub weg und füllt den Reisberg in große Kunststoffsäcke, von denen am Abend ein halbes Dutzend zusammen gekommen ist.

Strandgut

Strandgut

Der etwa zehnjährige Sohn der Familie besitzt ein Luftgewehr, mit dem er allerhand Unsinn anstellt. Dorothea erwischt ihn, wie er damit auf Papageien in einem Baum zielt. Sie verscheucht die Tiere, dann zeigt sie ihm die Papageien im Vogel-Bestimmungsbuch. Er darf ihr gutes Fernglas benutzen. Schließlich schenkt sie ihm eine handgemalte Zielscheibe, damit seine Schiesswut in sportliche Bahnen gelenkt wird.
Beim Frühstück und beim Abendessen kommen wir mit zahlreichen Gästen in Kontakt. Sie kommen aus aller Herren Länder: England, Polen, Israel, Kanada, Südafrika und sogar aus Bayern. Allen gemeinsam ist, dass sie sehr nett und sehr kommunikativ sind. Mit allen haben wir ein Schwätzchen über unsere Indien-Erfahrungen und tauschen Informationen aus. Gemeinsam lachen wir über typisch indische Marotten, vor allem den Bürokratie-Wahnsinn. Selbst beim Fahrkartenkauf muss man nicht nur den Reisepass und die Aufenthaltserlaubnis vorlegen, sondern auch Kopien davon abliefern. Das polnische Pärchen berichtet uns, dass es in einem Hotel abgewiesen wurde, weil es nicht von allen in Indien besuchten Hotels die Quittungen vorlegen konnte. Mit allen sind wir uns aber darüber einig, dass Indien ein unendlich vielfältiges und liebenswertes Reiseziel ist.
Am Mittwoch Abend feiern wir mit dem israelischen und dem englischen Paar bei manchen ernsthaften und vielen lustigen Gesprächen mit einem großen Fischessen und viel Bier Abschied von den Andamaninseln.

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