Ankunft in Indien- von Mumbai nach Goa

November 2, 2013 at 4:00 pm (Uncategorized)

Pünktlich um 16.20 Uhr hebt die Air Arabia-Maschine ab und landet zweieinhalb Stunden später in Mumbai. Am Flughafen gibt es Prepaid Taxis, bei denen wir am Schalter das Ziel angeben und den Fahrpreis entrichten. Mit der Bestätigung gehen wir zur Taxistation. Sofort nehmen uns zwei Helfer die Koffer ab und laden sie auf das Dach eines altertümlichen Autos. Ein anderer Mann verlangt Trinkgeld für die Beiden, 1$. Ich biete ihm erst 10, dann 20 Rupien an, was er ablehnt. Mit 40 Rp ist er dann zufrieden. Dann klopft ein vielleicht achtjähriges Mädchen an die Fensterscheibe und bettelt. Mit einer Süßigkeit sind wir sie dann los, ohne Dank. Der Fahrer spricht kaum Englisch und kann mit unserem Ziel „Bentley Hotel“ nichts anfangen. Aber der Straßenname „Marine Drive“ sagt ihm was. Eine Dreiviertelstunde lang geht es im lebhaften, aber nicht stauenden Verkehr durch die Slumstraßen von Mumbai, bis wir im Stadtzentrum an der Seepromenade ankommen. Einmal müssen wir in einem anderen Hotel nachfragen, bis Dorothea den Hotelnamen in der 3.Etage eines mehrstöckigen Hauses entdeckt. Es gibt sogar einen Fahrstuhl und wir werden vom freundlichen Rezeptionisten erwartet. Unser Zimmer gefällt uns gut. Es hat zwar keinen Meerblick, aber es ist ruhig und sauber. Inzwischen ist es weit nach 23 Uhr, aber wir müssen noch etwas essen. Das einzige Restaurant, das wir finden, ist eine Pizzeria mit bitterer Klimaanlagenkälte und stolzen Preisen, die denen in einer deutschen Pizzeria sicher nicht nachstehen. Aber der Service ist gut und die Pizzas richtig lecker. Dazu trinken wir unser erstes Bier seit vier Wochen und werden davon richtig angetörnt. Auf der Straße liegen schlafende Kinder, ein bitterer Anblick. Wir lassen eine Tüte mit der nicht aufgegessenen Pizza bei ihnen stehen, aber das bittere Gefühl bleibt.

Tropischer Baum beim Hotel

Tropischer Baum beim Hotel

Am Dienstag (30.Oktober) bekommen wir ein bescheidenes Frühstück auf’s Zimmer gebracht. Wir wollen nicht länger als nötig in Mumbai bleiben und erkundigen uns nach einer Möglichkeit, eine Fahrkarte nach Goa zu buchen. Es zeigt sich, dass unser Hotel kaum 5 Gehminuten vom Bahnhof Churchgate entfernt ist.

Bahnhof Churchgate in Mubai

Bahnhof Churchgate in Mubai

Das ist, wenn man sich die Ausmaße dieser größten Stadt Indiens vor Augen hält, ein unwahrscheinlicher und zudem glücklicher Zufall! Mit ein paar Nachfragen finden wir zur Ticket Reservation. Hier gibt es etwa zwanzig Schalter, jeder mit einer Menschenschlange davor. Doch wieder haben wir Glück und werden zu einem Schalter speziell für Touristen durchgewunken, wo wir gleich drankommen. Obwohl wir nicht einmal unseren Zielbahnhof kennen, schaut die freundliche ältere Schalterangestellte nach und reserviert ohne große Nachfragen ein Ticket für den morgigen Tag. Sie erkundigt sich nach unserem Alter, und siehe da, für Senioren gibt es 40% Ermäßigung. So bezahlen wir für zwei Schlafwagenplätze auf der gut 1000km langen Strecke sage und schreibe 1530 Rupien, das sind knapp 20€! Wir sind gespannt! Nachmittags fahren wir mit dem Taxi nach Colado, dem wirtschaftlichen und touristischen Zentrum der Stadt. Am „Gateway of India“, einem monumentalen Klotz aus der Kolonialzeit, steigen wir aus. Ein fataler Fehler. Wie die Fliegen stürzen sich Verkäufer und Schlepper auf uns. Sie sind dermaßen hartnäckig, uns Riesenballons und anderen Schwachsinn aufzudrängen, dass ich nach wenigen Minuten nur noch weg will. Wir erholen uns kurz in einem schicken Café bei einem Saft. Dann finden wir in einem dunklen Durchgang ein winziges Zimmer, das WiFi anbietet (Das Internet im Hotel funktionierte nämlich nicht). Dort warten wir die Nachmittagshitze ab. Nach Sonnenuntergang sind die Temperaturen erträglich, und wir spazieren inmitten von Einheimischen entlang des Marine Drive, der breiten Uferpromenade, die direkt an unserem Hotel vorbeiführt. Auf dem Weg zum Abendessen werden wir Zeuge einer gruseligen Szene. Eine Frau verfolgt einen jungen Mann, schlägt ihn dann erst von hinten in den Rücken, dann versetzt sie ihm heftige Ohrfeigen. Ein Mann schlägt ihm mehrfach ohne Gegenwehr schwer ins Gesicht und packt ihn am Arm, um ihn abzuführen. Was immer der Anlass ist, diese Brutalität verschlägt uns den Atem.
Wir hatten schon mittags am Bahnhof ein vegetarisches Restaurant entdeckt, das wir nun aufsuchen. Obwohl die Speisekarte auf Englisch ist, suchen wir auf gut Glück zwei Gerichte aus, … und sind begeistert. Marsala ist eine Gewürzrichtung, die das Essen einfach hinreißend macht.
Am Donnerstag (31.Oktober) haben wir einen ganzen Tag Zeit, die Stadt zu erkunden.

Alter Mann am Straßenrand

Alter Mann am Straßenrand

Da wir zu Fuß unterwegs sind, ist es nur ein kleiner Teil von Mumbai South, dem eigentlichen Zentrum. Zunächst suchen wir noch einmal die Reservierungsstelle auf, um uns über den Abfahrtbahnhof zu vergewissern. Gut so, denn es ist VT (Victoria Terminal) und nicht Christchurch, zu dem ich unser Gepäck geschleppt hätte. Wegen der Hitze bewegen wir uns sehr gemächlich und suchen die Hauptstraßen zu vermeiden, auf denen das Dauergehupe kaum zu ertragen ist. Das Treiben auf den Nebenstraßen ist auch viel interessanter, denn hier leben viele Menschen auf der Straße, brutzelt es an jeder Ecke an den Essständen, versuchen Verkäufer ihre Allerweltsware an den Mann zu bringen. Es ist einfach beeindruckend, wie in diesem Gedränge das Leben funktioniert. Man ist es diesen Menschen schuldig, sich über den allgegenwärtigen Dreck nicht zu ekeln, und auch das Elend und die Armut als Begleitumstände ihrer Lebensweise zu sehen, an denen nichts zu ändern ist, so gerne man das auch möchte.

Victoria Terminal

Victoria Terminal

Das Victoria Terminal ist ein beeindruckender victorianischer Klotz. Noch viel beeindruckender sind die Menschenmassen, die hier ein und ausströmen und die zu Hunderten sitzend die Halle füllen. Ob wir in diesem Gedränge heute Nacht unseren Zug finden?

Menschenmassen im Bahnhof

Menschenmassen im Bahnhof

Im Hotel, in dem wir unser Gepäck zwischenlagern dürfen, treffen wir eine junge deutsche Frau Esther, die die Zeit bis zu ihrem GH-Referendariat mit einem ausgedehnten Indienurlaub überbrücken will. Zur Zeit ist sie noch etwas verloren, denn sie muss eine Woche lang auf ihre Freundin warten. Allein in dieser Riesenstadt, nicht unbedingt ein Vergnügen. Wir laden sie in unser Veggie-Restaurant ein und erzählen von unseren Erlebnissen. Abends gehen wir nochmals die Promenade und freuen uns an den Bäumen, die in der Dunkelheit ihre wunderbaren Blüten öffnen. Gestern haben wir sogar eine große Fledermaus beobachtet, die diese Blüte in Kolibrimanier anflog. Da schlägt das Biologenherz höher!
Rechtzeitig sind wir abends am Victoria Terminal, denn in diesem Getümmel müssen wir uns erst einmal orientieren. Tatsächlich entdecken wir unseren Zug auf der Anzeigetafel, doch es dauert eine Weile bis wir das abgelegene Gleis 18 gefunden haben. Zwischen den Volksmassen, die gepäckbeladen hin und herströmem, werden riesige Holzkarren – natürlich mit Muskelkraft- rangiert. Offenbar funktioniert der Warentransport überwiegend per Bahn. Eine Stunde Wartezeit verbringen wir verbotenerweise im klimatisierten „upper class“-Wartesaal, denn wir haben nur ein Second Class 2 Tier AC-Ticket, will sagen, klimatisierter Schlafwagen mit 2 übereinanderliegenden Betten.

Unser Schlafwagenabteil

Unser Schlafwagenabteil

Wer damit eine Idee von einem Mitropa-Schlafwagen verbindet, liegt ziemlich falsch. Schon auf dem Weg zu unserem Waggon überkommt uns etwas die Angst, denn die Sitzwagen sind so hoffnungslos überfüllt, auf den Sitzen, zwischen den Sitzen, in den Gängen und sogar in den offenen Türen, dass wir – geschweige denn unser Gepäck hier noch hineinpassten. Etwa in der Mitte des endlosen Zuges entdecken wir unseren Waggon, an dessen Außenseite ein Zettel mit allen Passagiernamen inkl. Alter klebt. Es ist so eng, dass unsere Rollkoffer kaum durchpassen. Es gibt keine Abteile. Auf einer Seite des Gangs sind jeweils zwei Doppelbetten angeordnet, auf der anderen, wo wir untergebracht sind, ein Doppelbett in Fahrtrichtung. Ein Koffer passt darunter, der andere kommt auf Dorotheas Fußenden. Die beiden Rucksäcke kette ich am Ende des oberen Betts an. Mit unseren Mitreisenden werden wir schnell bekannt, zwei Engländerinnen und Fabia, eine 19jährige Österreicherin, die ihre Nach-Matura-Auszeit nimmt. Nach kurzem Klönschnack versuchen wir unsere Schlafpositionen einzunehmen und ziehen die Vorhänge zu. Weniger als Sichtschutz als Schutz vor dem Ventilator der Klimaanlage, die laut und heftig Kaltluft verströmt. Trotz der Enge ist es ganz kuschelig, und wir beide können ganz gut schlafen.
Am Freitag (1.November) werde ich durch ein Genestel an meinem Fußende geweckt. Eine Hand macht sich am Reißverschluss von Dorotheas Rucksack zu schaffen. Sofort schreie ich laut und trete nach dem Eindringling. Als ich den Vorhang aufreiße, – ist es meine liebe Gattin, die sich den Arm reibt. Zum Glück habe ich sie nicht verletzt, und wir können über den Schrecken lachen. Draußen ist es schon hell geworden. Aus dem Fenster sieht amn in eine üppige tropische Vegetation, oft zu Regenwald verdichtet. Die Landschaft ist hügelig und oft von breiten Flüssen durchströmt. Nur selten sieht man menschliche Siedlungen, die von ausgedehnten Reisfeldern umgeben sind. An einem Bahnhof verlassen uns die beiden Engländerinnen, die in Goas Norden wollen. Nun können wir auch unser Gepäck richtig verstauen und es uns auf den Sitzen gemütlich machen. Mit Fabia können wir us zusammentun, wie will auch nach Palolem, einem der Strände im Süden Goas. Zielbahnhof ist zunächst Margao, der wichtigste Bahnhof des kleinsten indischen Bundesstaates. Wir entscheiden uns, mit dem nächsten Zug nach Calicona zu fahren, der sich in der bruttigen Hitze bis zur Abfahrt dicht mit Passagieren füllt.

Im Zug nach Calicona

Im Zug nach Calicona

Auf der ersten Bank sitzen ein englisch sprechender Hindu und seine Tante, die uns freundlich auffordern, neben ihnen zu sitzen. Noch vor der Abfahrt drängen sich zwei auffällige Gestalten durch den Wagen. Es sind Transsexuelle, die provokant und mit lautem Händeklatschen die Reisenden auffordern, ihnen Geld zu geben. Und – sie zahlen! Von den Transsexuellen, erzählt uns unser Nachbar, glaubt man, dass sie den bösen Blick hätten. Da drückt man lieber ein paar Rupien ab, bevor sie sich diesem aussetzen. Uns lassen sie übrigens in Ruhe. Wahrscheinlich wissen sie, dass sie uns mit ihrem Hokuspokus nicht beeindrucken können.
In Calicona warten zwei Rikschas auf uns. Inzwischen sind auch Johannes und Lisa, zwei jungen Deutsche, zu uns gestoßen. Nach wenigen Minuten erreichen wir Palolem, von dem es uns unserem Lonely Planet heißt, dass es noch nicht vom Tourismus erfasst sei. Das hat sich offenbar in der Zwischenzeit geändert. Überall an der Hauptstraße werden Bretterbuden zusammen gezimmert, um den heute mit der Hauptsaison einströmenden Touristen gewachsen zu sein. Meine eher zufällig aus dem LP gewählte Unterkunft „My Soulmate“ erweist sich als Treffer. Sie haben geräumige saubere Zimmer mit Ventilator für nur 10€ pro Nacht. Das Personal- offenbar eine Familie- ist total freundlich und wir können uns auf englisch verständigen. Gleich schlendern wir zum nahen Strand der Badebucht, an dem sich Einheimische und Touristen – und Kühe tummeln, die dem Treiben mit stoischer Ruhe zusehen. Abends sind wir die einzigen Gäste im Restaurant und genießen das wunderbar gewürzte indische Essen. Nach dem ewigen Kebab der letzten Wochen kommt uns vegetarisches Essen sehr zu Pass. Nach dem Essen gehen wir zu einem Internetshop, um unsere Emails zu checken.

Eine andere Art Halloween

Eine andere Art Halloween

Auf der Straße herrscht unter den Kindern große Aufregung, denn es wird D? gefeiert, das mit dem Halloween nicht nur das Datum gemeinsam. Die Kinder stecken in mannshohen, schrecklich mit den Zähnen drohenden und messerbewaffneten Kostümmasken, mit denen sie die Erwachsenen erschrecken und lautstark „Money, money!“ verlangen. Das Erschrecken klappt zumindestens bei den Hunden, die wild kläffend vor ihnen zurückweichen.

Advertisements

1 Kommentar

  1. Sabine Giessner said,

    Hallo ihr, danke für den ausführlichen Bericht. Wir waren damals auch vom Essen begeistert, allerdings haben wir uns nie getraut, bei Straßenhändlern zu essen. Wir sind gespannt, wie es euch weiterhin dort ergeht und hoffen, dass ihr wohlauf seid. LG, S+R

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: