Zum Vansee und zur iranischen Grenze

Oktober 10, 2013 at 8:40 pm (Uncategorized)

Am späten Vormittag (8.Oktober) finden wir ganz in der Nähe ein Dolmus (Sammeltaxi), das uns für fast nix zum Busbahnhof bringt. Hier haben wir zwei Stunden Zeit bis unser Bus nach Malatya fährt, die wir entspannt im Restaurant zubringen.

Wir überqueren den Euphrat

Wir überqueren den Euphrat

Kurz hinter Urfa überqueren wir den Euphrat, der in ein gigantisches Staudammprojekt (Atatürkstaudamm) eingebunden ist. Der Stausee ist jetzt schon riesig und wird noch wachsen und viele Ortschaften und unausgegrabene Schätze verschwinden lassen.

Ein Teil des Stausees

Ein Teil des Stausees

Gut für die Region (grüne Landschaft dank Bewässerung, viel elektrische Energie), schlimm für die Nachbarländer (vor allem Irak), deren Lebensgrundlage Euphrat und Tigris sind, und unvorhersehbar für das Klima. Bald verlassen wir die Ebene und winden uns durch enge Schluchten des Taurusgebirges. Wie überall wird hier enorm in den Straßenbau investiert, aber durch die Baustellen kommen wir nur langsam voran und brauchen für die kaum 200km fünf Stunden. In Malatia angekommen, lassen wir uns von einem Taxi zum Bahnhof bringen. Der ist etwas abgelegen und wie das ganze Eisenbahnwesen in der Türkei alles andere als modern, aber es gibt genügend Bänke, und der Fahrkartenschalter ist die ganze Nacht geöffnet. Zu unserem Glück bekommen wir Schlafwagenplätze (für kaum 40€) für die Fahrt zum Vansee. Unser Zug ist der letzte in dieser Woche und soll planmäßig um 2.47 Uhr morgens fahren. Eine lange Nacht steht bevor.

Warten auf den Zug

Warten auf den Zug

Zunächst suchen wir mit unseren Rollkoffern ein Restaurant auf, in dem wir herzlich empfangen werden. Eine Speisekarte gibt es hier wie üblich nicht, die meist geringe Auswahl trifft man mit Worten oder durch Zeigen. Unbestellt stehen eine ganze Reihe von ziemlich pikanten Vorspeisen auf dem Tisch und eine große Tasse schaumig geschlagenen Ayrans (Joghurtgetränk). Alkohol gibt es in Restaurants nicht. Unser letztes Bier hatten wir in Kappadokien, eine gute Vorbereitung auf den Zwangsentzug im Iran!

Tunneleinfahrt

Tunneleinfahrt

Gegen 21Uhr kehren wir in die zugige und ungeheizte Bahnhofshalle zurück, wo schon einige junge Männer warten. Im Laufe der Nacht werden es immer mehr. Passagierzüge verkehren nicht, nur Güterzüge werden von brüllend lauten Dieselloks hin- und herrangiert. Mit einem Schlafsack versuchen wir uns gegen die zunehmende Kälte zu schützen, die unsere gute Laune nicht mindert. Ein Bahnhofsvorsteher fühlt mit der Hand die Temperatur an den Heizkörpern, die bei näherem Hinsehen ohne Anschluss nur an die Wand gelehnt sind.
Irgendwann ist auch die längste Wartezeit zu Ende. Leider hat dieser Zug Verspätung, am Ende sind es über zwei Stunden. Dann wird es lebendig. Bahnbeamte schieben Post und Gepäck auf den Bahnsteig. Der Bahnhofvorsteher kontrolliert alles mit wichtigem Blick. Dann endlich rollt der Zug ein. Der Schlafwagen ist am Ende des Zugs – und verschlossen. Zum Glück weckt der Beamte den Schlafwagenschaffner, der im Pyjama angeschlurft kommt und uns einlässt. Er richtet unsere Betten in einem Zweierabteil ein. Nur drei von ihnen sind belegt. Es ist geräumig, gemütlich, sauber – und warm! Um 5 Uhr können wir uns ausstrecken und lassen uns in den Schlaf wiegen.

Eisenbahnstrecke nach Tatvan

Eisenbahnstrecke nach Tatvan

Zum ersten Mal, seit wir in der Türkei sind, werden wir am Mittwoch (9.Oktober) nicht vom Muezzin geweckt.

Entlang des Murat

Entlang des Murat

Unser Zug zuckelt im Schneckentempo durch eine weite Gebirgslandschaft, auf weite Strecken ist sie entlang des Muratflusses unberührt. Über große Strecken wird aber eine neue Straße geschoben. Das Tempo der Zuges ist bestimmt den maroden Gleisen geschuldet.

 Abgestürzte Waggons

Abgestürzte Waggons

An fünf Stellen (!) gemahnen abgestürzte Eisenbahnwaggons an steilen Abhängen daran, dass das Geschaukel des Zugs nicht nur gemütlich ist. Sehr selten hält er an heruntergekommenen Ortschaften, an denen uns Kinder neugierig nachschauen.

Die Weichen werden per Hand gestellt.

Die Weichen werden per Hand gestellt.

Die Mädchen winken uns zu, aber die Jungen, selbst die kleinen, werfen mit Steinen, von denen einige laut gegen die Zugwand schlagen. Wir glauben, dass dies ein Ausdruck des Hasses der kurdischen Bevölkerung auf alles Türkische ist, und dazu gehört auch das staatliche Eisenbahnwesen.

Einfachste Lehmhütten

Einfachste Lehmhütten

Die Bevölkerung, die wohl ausschließlich von der Landwirtschaft lebt, wohnt überwiegend in einfachsten Lehmhütten. Man glaubt, in einer anderen Zeit zu leben!P1040308
Gegen 17 Uhr mit satter vierstündiger Verspätung trifft der Zug in Tatvan ein, das am Westufer des riesigen Vansees gelegen ist.

Am Vansee

Am Vansee

Dessen Nordufer ist von einem schneebedeckten Berg beherrscht, dem Vulkan Nemrod, dessen Explosion in Urzeiten die Bildung des Vansees herbeiführte. Dieser sieht wunderschön aus, ist aber offenbar so verdreckt, dass man nicht darin baden sollte, was einem wegen der Temperatur und des Geruchs auch nicht in den Sinn käme. Das Wetter ist seit vielen Tagen wolkenlos sonnig, aber abends wird es empfindlich kalt. Die Leute begegnen uns sehr freundlich. Als wir an einem Polizisten vorbeikommen, macht unser Begleiter eine verächtliche Geste. Offenbar ist die Atmosphäre zwischen der kurdischen Bevölkerung und der Zentralregierung trotz des Waffenstillstands und der weitgehenden Autonomie nachhaltig vergiftet. Ein Bus bringt uns ins Zentrum. Dort nehmen wir gleich das erste Hotel, das in seinem Luxus den Edelhotels bei uns nicht nachsteht.
Am nächsten Morgen (Donnerstag, 10.Oktober) erkundigen wir uns vor dem Frühstück nach dem Fährschiff, das uns über den See bringen soll. Bedauerlicherweise ist das einzige Schiff an diesem Tag schon unterwegs, wir sehen es noch aus dem Hotelfenster. Stattdessen erwischen wir gleich nach dem Auschecken einen Bus, der uns entlang des Südufers zur gut 100km entfernten Stadt Van bringt. Diese wurde 2011 von einem schweren Erdbeben erschüttert.

Erdbebentrümmer

Erdbebentrümmer

Gleich beim Busbahnhof sehen wir Trümmerberge herumliegen. Ansonsten wirkt die Stadt schon aufgeräumt. Es gibt viele Wohncontainer, in denen die obdachlos Gewordenen leben.
Wir wollen noch heute zu dem an der Irangrenze gelegenen Ort Dougubayazit fahren. Doch leider gibt es keinen direkten Bus dahin. So fahren wir zunächst nach Agri. Zu unserem Schreck stellen wir fest, dass Agri 220km entfernt ist! So sind wir wieder über drei Stunden unterwegs. Der Fahrer telefoniert beim Fahren ununterbrochen, manchmal mit zwei Handys gleichzeitig und hält das Lenkrad mit den Knien fest. Zweimal müssen wir durch eine Polizeikontrolle. In Agri stellen wir fest, dass unser Gepäck durchsucht wurde, ohne dass wir dabei waren. Dorotheas Tasche war nicht wieder geschlossen worden. Zum Glück fehlt nichts, trotzdem… In der Ferne sehen wir die beeindruckende Kulisse des schneebedeckten Ararat.
In Agri haben wir eine Stunde Aufenthalt, bevor wir beim Dunkelwerden in den rappelvollen Bus nach Dogubayazit einsteigen. Nach einer weiteren Stunde sind wir am Ziel. Der Ort macht einen heruntergekommenen Eindruck, aber das Hotel “Ararat“ ist akzeptabel und hat eine freundliche und hilfsbereite Leitung.

 

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2 Kommentare

  1. Sabine Giessner said,

    Toll, dass ihr immer die Zeit und Muße findet, so ausführlich Tagebuch zu führen. In Gedanken reisen wir mit euch. Viel Glück beim Grenzübertritt! LG, S+R

  2. Regine und Detlef said,

    Viele Grüße aus Melsdorf und eine gute Weitereise! Wir lesen mit großem Interesse euren Reisebericht. R&D

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