Von Budapest bis ins Donaudelta

September 22, 2013 at 2:39 pm (Uncategorized)

Am nächsten Morgen (Dienstag, 17. September) werden wir von der fürsorglichen Gabi zum Zug begleitet und fahren um kurz nach neun nach Arad. Der Zug ist nur mäßig besetzt und erfreulich sauber. Die Landschaft östlich von Budapest wirkt fast menschenleer. Es geht durch endlose Sonnenblumen- und Maisfelder. Nur selten halten wir in einem Dorf, Städte gibt es bis zur rumänischen Grenze keine. Der Baumbestand verschwindet immer mehr, die Sträucher am Bahndamm sind prallvoll mit Schlehen. Schließlich geht es durch steppenartig leere, von Ziegen, Schafen und Rindern bestandene Weideflächen – die Puszta. An der Grenze dürfen wir zum ersten Mal die Uhren um eine Stunde vorstellen –osteuropäische Sommerzeit. Knapp eine halbe Stunde später erreichen wir Arad, wo wir von Richi – Dorotheas rumänischem Fledermausfreund- abgeholt werden. In ihrem Haus werden wir von Iren, Richis Frau, mit einer üppigen Mahlzeit begrüßt. Besonders begeistert uns eine Auberginen- und eine Fischpaste, die von Richis Vater zubereitet wurden. Das Rezept müssen wir haben!

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Markt in Arad

 

Richi ist Rumäniendeutscher mit ungarischen Wurzeln. Nach dem Ende der der Ceaucescu-Diktatur ist die Familie in den Schwarzwald gezogen und er hat nach einer Ausbildung Biologie studiert. Aus Liebe zur seiner Heimat lebt er seit einigen Jahren wieder in Arad, und versucht sich mit Landschaftsgutachten – wie Dorothea – den Lebensunterhalt zu sichern. Trotz großen persönlichen Einsatzes reicht das Einkommen kaum aus. Das liegt – so erklärt er uns – an der bürokratischen und korrupten und von mafiösen Strukturen durchzogenen Wirtschaft des Landes, die Entwicklungen bremst und den Reichtum des Landes ins Ausland verscherbelt. Außerdem verlassen weite Teile der gebildeten und arbeitsfähigen Schicht der Bevölkerung das Land, weil sie hier kein Auskommen finden. Keine guten Aussichten für das Land, die sich auch durch den EU-Beitritt kaum verbessert haben.

Iren ist ebenfalls Biologin.

Richi und Iren

Richi und Iren

Leider spricht sie noch kein Deutsch und ist an unserer Unterhaltung viel zu wenig beteiligt. Dann gehört noch Bobby, ein uralter freundlicher Hund zur Familie. Nachmittags machen wir einen langen Spaziergang entlang des schönes Ufers der Muresch, einem Theisszufluss. Abends bekommen wir wieder eine üppige warme Mahlzeit serviert. Am nächsten Morgen haben wir besonders schönes Wetter. Vormittags sind wir in Arad, einer 170 Tausend-Einwohnerstadt mit vielen schönen Bauten, die noch aus der KuK-Monarchie stammen. Wir besuchen den Wochenmarkt, auf dem täglich frisches Gemüse und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse angeboten werden. Es gibt zahlreiche katholische und orthodoxe Kirchen.

Basar in Lipova

Basar in Lipova

Nachmittags fahren wir mit dem Auto über holprige Straßen in das 34km entfernte Lipova. Hier und auf dem Weg gab es einen großen deutschsprachigen Bevölkerungsanteil- die Banater Schwaben- , die aber fast vollständig abgewandert sind. In Lipova gibt es einen 400 Jahre alten Basar und die älteste orthodoxe Kirche der Region, deren Baustil aber deutlich vom österreichischen Katholizismus geprägt ist.

Orthodoxe Kirche in Lipova

Orthodoxe Kirche in Lipova

An einem Imbiss lernen wir Langos kennen, ein pfannkuchenartiges Schmalzgebäck, das heiß mit verschiedenen Aufstrichen wie Käse oder Schokolade serviert wird. So gestärkt, fahren wir zu einem an der Muresch gelegenen Hügel.

Blick ins Mureschtal

Blick ins Mureschtal

Nach einem halbstündigen Aufstieg, bei dem uns Iren und Richi zahlreiche Insektenarten zeigen, erreichen wir die wildromantische Burgruine Soimos aus dem 13. Jahrhundert mit wunderbarem Ausblick auf das unverbaute Mureschtal.

Zwei Biologen im Gespräch

Zwei Biologen im Gespräch

Schloss Soimos

Schloss Soimos

Auf der Weiterfahrt kommen wir durch Dörfer, in denen uns außerordentlich prachtvolle und  phantasievoll gestaltete, meist sehr neue Häuser auf, von denen viele geradezu palastartig wirken.

Zigeunerhaus

Zigeunerhaus

Davor stehen Luxuslimousinen, viele mit ausländischem Kennzeichen. Auf die Frage nach den Besitzern dieses Reichtums erklärt uns Richi zu unserem Erstaunen, dass es sich um Zigeuner (Roma) handelt! Offenbar müssen wir unser Bild von der verarmten, unterdrückten Bevölkerungsgruppe revidieren! Wie wir schon in Ungarn von Vasyl erfahren haben, stellen die Zigeuner in beiden – und anderen- Ländern ein unlösbares Problem dar. Nach den Worten unserer Gastgeber weigern sie sich strikt, sich den Gepflogenheiten der Länder anzupassen. Nur wenige verdienen ihren Lebensunterhalt durch Handwerker- oder Musikertätigkeit. Stattdessen stellen Bettelei und Diebstahl die offenbar ergiebige Quelle des Wohlstandes dar, den wir hier sehen.

Auf der Weiterfahrt besuchen wir Richis Vater, der in Deutschland lebt und arbeitet, aber mehrfach jährlich in seine Heimat zurückkehrt, um seinen großen Garten zu pflegen, Wein zu keltern und Weinbrand zu brennen, von dem wir probieren dürfen. Er erzählt uns lebhaft aus seinem interessanten Leben als Feinmechaniker, der sich nach einer hochqualifizierten Tätigkeit in Rumänien in Deutschland eine neue Existenz aufbauen musste.

Abends gehen wir in einem sehr schönen Restaurant am „Mureschstrand“ essen.

Am Donnerstag Morgen fahren wir mit der Straßenbahn in die Stadt und kaufen ein Paar Teleskop-Wanderstöcke. Nicht nur für geplante Bergwanderungen brauchen wir sie, sondern auch, um uns bei Wanderungen gegen aggressive Hirtenhunde zur Wehr setzen zu können, von denen es Richi zufolge in Rumänien viele gibt. Nachts um halb eins werden wir zum Zug gebracht. Wir haben nach den drangvollen Erfahrungen unserer Fahrt nach Budapest diesmal einen Schlafwagen nach Bukarest gebucht, der allerdings erstaunlich teuer ist. Nun genießen wir den Luxus von viel Platz und einer gediegenen Ausstattung. Bevor wir uns liegend durch die Nacht gondeln lassen, werfen wir noch einen Blick auf die Mondscheinsilhoulette von Burg Soimos. Obwohl wir ohne Aufenthalt unterwegs sind, haben wir morgens bereits eineinhalb Stunden Verspätung. Für die 580km nach Bukarest benötigt der Zug sage und schreibe dreizehneinhalb Stunden, was einer Schnittgeschwindigkeit von stolzen 43 km/h entspricht. Trotzdem erreichen wir den Anschlusszug nach Constanta ohne Probleme. Er ist rappelvoll und stickig, aber legt die fast 300km von Bukarest nach Constanza in knapp 3 Std zurück. Vor dem Bahnhof sind wir zunächst einmal ratlos, wie wir nach Tulcea, unserem Ausgangspunkt in das Donaudelta, gelangen sollen. Dorothea spricht einen Passanten an, der gut englisch versteht. Er sagt uns, dass wir zunächst zu dem Busbahnhof Nord fahren müssen. Ein Taxi bringt uns dorthin, wo eine Menschenmenge auf die Weiterfahrt wartet. Wir bekommen eine Buchung für den 19 Uhr-Bus, müssen also noch gut zwei Stunden warten. Offenbar werden in jeden der halbstündig verkehrenden  Busse zusätzlich zu den gebuchten Fahrgästen weitere eingeladen, die die Stehplätze einnehmen. Ich bekomme die Aufgabe, mich um das Gepäck zu kümmern, während Dorothea die Plätze sichert. Kaum ist das Gepäckabteil geöffnet, wird es voll gestellt, ehe ich unsere schweren Taschen einladen kann. Zum Glück kümmert der Chef des Transportunternehmens, der kurz zuvor mit seinem Mercedes eingerollt ist, dass ich zum Zuge komme. Die resolute Fahrkartenverkäuferin schmeißt derweil die voreiligen Fahrgäste wieder raus, so dass wir beide gute Sitzplätze bekommen.

Hotel Insula

Hotel Insula

So geht es um Viertel nach Sieben auf die 120km lange Strecke nach Tulcea. Der Fahrer ist unentwegt am Telefonieren, was ihn nicht von einem flotten Fahrstil mit Überholmanövern abhält. Mitten auf der Strecke schalt er Warnblinklicht ein und hält. Gleichzeitig hält auf der Gegenspur ein anderer Bus, und ehe wir es uns versehen, haben die beiden Fahrer die Plätze gewechselt. Kurz nach neun Uhr kommen wir in Tulcea an und lassen uns von einem Taxi zu unserer gebuchten Unterkunft, dem Hotel „Insula“ bringen. Diese ist ganz zentral im Hafen direkt beim Bahnhof gelegen. Wir werden freundlich empfangen und sind ganz begeistert von unserem Zimmer mit Balkon auf den Hafen. Das Restaurant hat auch noch geöffnet, doch leider ist heute Disco-Abend. Der Schallpegel ist knapp unterhalb der Schmerzgrenze, die Musikauswahl definitiv oberhalb. Das nicht schlechte Essen können wir nur bedingt genießen. Kein Mensch wagt sich auf die Tanzfläche. Dann legt der Disc-Jockey auf einmal rumänische Tänze auf. Sogleich wagen erst ein Paar, später einige Mädel und ein Junge auf die Tanzfläche. Sie beherrschen den Stil und sind nett anzusehen. Warum nicht gleich so?

Frühstück in Tulcea

Frühstück in Tulcea

Morgens (Samstag, 21.September) bekommen wir ein gutes Frühstück auf dem Ponton-Anleger serviert. Das Wetter ist prachtvoll. Aus dem Prospekt erfahren wir, dass am Wochenende kein Schiff ins Donaudelta verkehrt, das erweist sich zum Glück als Fehlinfo.

Das linke Schiff ist unseres

Das linke Schiff ist unseres

Um 13.30 Uhr legt das große Fahrgastschiff „Moldau“ ab. Außer uns sind kaum Touristen an Bord. Wegen des guten Wetters können wir die ganze Zeit auf dem Sonnendeck zubringen. Die Hauptstrecke des Deltas bis Sulina ist als Kanal ausgebaut, auf dem viele größere Schiffe – viele von ihnen unter maltesischer Flagge – verkehren.

Schifffahrt bei bestem Wetter

Schifffahrt bei bestem Wetter

Maltesisches Frachtschiff

Maltesisches Frachtschiff

Vogelbeobachtung

Vogelbeobachtung

Gegen vier Uhr kommen wird in Crisan, der Hauptortschaft im Delta, an. Wir können gleich auf ein anderes Boot umsteigen, das uns nach „Mila23“ bringen soll, wo wir das gleichnamige Hotel gebucht haben. Auf dem Schiffchen sind nur drei weitere Fahrgäste, ein unrasierter Kettenraucher und ein deutsches Pärchen. Wir fahren zunächst zurück und biegen dann nach Norden in einen Nebenarm ab. Der Wind kommt mit Macht gegenan und bald sind wir trotz Pullover und Anorak ziemlich durchgefroren. Gut eineinhalb Stunden sind wir unterwegs und mich erfassen heftige Zweifel, ob wir auf dem richtigen  Schiff sind. Doch endlich legen wir an. Zu unserem grenzenlosen Erstaunen ruft uns ein Einheimischer vom Steg „Axel?“ zu, begrüßt uns herzlich, schleppt unser Gepäck auf ein kleines schnelles Motorboot, das uns zum Hotel bringt. Er bringt das Gepäck gleich auf unser Zimmer, das wunderschön mit Flussblick gelegen ist. Gleich werden wir zum Essen gebeten. Durch den Garten schleppen einige Sportfischer ihren Fang und fordern uns auf, herunter zu kommen und ihn zu bewundern. Es sind einige große Hechte und eine große Anzahl „catfish“, die karpfenartig wirken.

Das Frühstück wird serviert

Das Frühstück wird serviert

Gleich werden wir ins Hotel gerufen, und bekommen, ohne gewählt zu haben, eine leckere Fischsuppe mit Klößen, gekochten Hecht mit „Mammaliga“ (Maisbrei) und zum Nachtisch Apfelstrudel serviert. Während des Abendessens stellt sich auch der Chef, ein leidlich englisch sprechender sehr freundlicher Herr, vor, und informiert uns über die Möglichkeiten des nächsten Tages. Später findet sich auch noch auch noch das deutsche Pärchen (Christoph und Parina? aus Nürnberg – sie aus Bangkok!) ein.

Abendstimmung in Mila 23

Abendstimmung in Mila 23

In der Dämmerung machen wir noch einen Spaziergang durch die entlegene Siedlung, die uns an den Baikalsee erinnert. Es gibt keine Straßen, nur ein paar ausgetretene Fußwege. Während ich bei einem Gläschen Weißwein meine Fotos und den Blog bearbeite, komme ich mit dem deutschen Pärchen und zwei Rumänen aus Bukarest ins Gespräch, von denen einer recht gut deutsch spricht. Sie verbringen hier ihr Wochenende mit Fischen.

Exkursion ins Donaudelta

Gegen Kälte, Wasser und Wind gewappnet

Am Sonntagmorgen machen wir zu viert eine vierstündige Bootsexkursion ins Delta. Es ist ganz schön stürmisch, und wir haben alles an, was wir an warmen Sachen mit haben.

Exkurion ins Donaudelta

Exkurion ins Donaudelta

Wir tauchen ein in ein Gewirr von kleinen Flussarmen und Seen, in dem wir völlig die Orientierung verlieren. Unser freundlicher Bootsführer Eugene schenkt den Damen eine schöne Seerose, die sich bald entfaltet. Zweck der Reise ist ja die Vogelbeobachtung.

Silberreiher

Silberreiher

Wir kommen voll auf unsere Kosten, denn die Ufer sind gesäumt mit Reihern (Graureiher, Silberreiher und noch eine kleinere gelbe Art wohl Rallenreiher, verschiedene Greife, darunter Seeadler, Rohrweihen, Schwäne, Enten und Taucher).

Pelikane beim Start

Pelikane beim Start

Eine Seerose für "Madame"

Eine Seerose für „Madame“

Besonders freuen wir uns über die vielen Pelikane, die wir leider bei Annäherung aufscheuchen, die aber auch in großer Höhe die Thermik ausnutzen.

Pelikane in der Thermik

Pelikane in der Thermik

Schließlich besuchen wir eine mitten in der Wildnis gelegene orthodoxe Kirche, die offenbar erst vor kurzer Zeit gebaut wurde.

Hermitage St.Atanisia

Hermitage St.Atanisia

Der Pope, mit dem wir uns leider kaum verständigen können, zeigt uns auch das Innere der Kirche mit den zahlreichen, im traditionellen Stil gemalten und teilweise mit Silberblech verzierten Ikonen.

Ikone mit Silberfassung

Ikone mit Silberfassung

Eine Augenweide, trotzdem fragen wir uns, für wen dieses aufwändige Bauwerk gut ist!

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