Die Fahrt nach Phnom Penh

Dezember 4, 2009 at 11:19 am (Uncategorized)

25.November
Um kurz nach 8 Uhr holt uns das Taxiboot direkt von unserer Unterkunft auf Don Khon ab. Weitere 8 Reisende werden noch eingesammelt, dann setzt es nach Ban Nakasang auf dem Festland über. Hier müssen wir uns in Geduld fassen, denn wir passen mit unserem schweren Gepäck nicht mehr in den Minivan, der uns zum Überlandbus von Pakse nach Pnom Pnen bringen soll. Mit uns wartet noch ein französisches Paar. Der Mann behauptet allen Ernstes, die Laoten müssten Frankreich dankbar sein für die während der Kolonialzeit geleistete Entwicklungsarbeit. Vive la France!
Bald darauf bringt uns ein Kleinbus direkt an die Grenze. Nachdem wir an allen drei Kontrollen jeweils 1$ löhnen durften(wofür?), dürfen wir in den auf uns wartenden vollbesetzten Bus einsteigen. Die Landschaft ist flach und bewaldet, doch ein Großteil der Flächen ist durch Brandrodung in eine unwirtliche Gegend verwandelt, wo die kahlen Baumstümpfe aus dem Gebüsch ragen. Ein weiterer großer Teil besteht aus Gummibaumplantagen, denen der ehemalige Regenwald geopfert wird. Bleibt zu hoffen, dass die fallenden Weltmarktpreise für Kautschuk diese Entwicklung zumindestens verlangsamen. Es fällt sofort auf, dass Kambodscha viel dichter bevölkert ist als Laos, wo der Bus weitgehend durch kaum besiedelte Gegenden fuhr. Hier zieht sich die Besiedelung in Form ärmlicher Pfahlbauten ununterbrochen die Landstraße entlang. Die Städte sind sehr belebt, wirken verslumt und dreckig. Bei Stung Treng kommen wir wieder ans Mekongufer. In Kratie steigen wir aus, und werden sofort von Werbern überfallen, die uns in ihr Guesthouse abschleppen wollen. Wir folgen schließlich der Empfehlung für das Balcony und sind sehr zufrieden mit der sehr preiswerten Unterkunft, dem sehr freundlichen Service und dem australischen Besitzer namens Andrew. Beim Rundgang durch die Stadt erinnert vieles an die DDR, die Betonbauten lechzen nach Farbe, die Straßen sind reparaturbedürftig. Aber uns fällt sehr angenehm auf, wie freundlich und hilfsbereit die Khmer sind. Ihre Gesichter haben große dunkle Augen, die Mongolenfalte fehlt. Im Balcony gibt es guten Kaffee, Weißwein und leckeres Essen, so dass wir hier den Abend verbringen, im Gespräch mit einer Schweizer Heilpraktikerin.

26. November
Um 9 Uhr werden wir vom Bus nach Phnom Penh eingesammelt. Der erste Eindruck, dass er ziemlich schrottreif ist, täuscht nicht. Zunächst hat er eine Reifenpanne, die in erstaunlichem Tempo an einer Reifenwerkstatt behoben wird. Wenig später bleibt der Motor auf offener Strecke stehen. Diesmal hat der Motor kein Öl mehr und ein herbeitelefoniertes Fahrzeug macht sich auf den Weg, um Ersatz zu beschaffen, was eineinhalb Stunden Wartezeit in der Mittagshitze mit sich bringt. Endlich springt der Motor mit viel Mühe wieder an und der Bus hält tatsächlich bis zur Hauptstadt durch. Der Fahrer scheint die die verlorene Zeit durch seine Fahrweise wettzumachen wollen, aber wir kommen erst nach 8 Stunden bei beginnender Dämmerung an. Der Verkehr hier überschreitet alles bisher Erlebte. Insbesondere ist die Anzahl der Mopeds so groß, dass nur wenige Zentimeter Abstand zu ihren Nachbarn seitlich wie nach vorne und hinten bleiben. Ein Wunder, dass es nicht ständig zu Unfällen kommt.

Abendverkehr in Phnom Penh

Abendverkehr in Phnom Penh

Aber es herrscht eine erstaunliche Gelassenheit, kein Gehupe und es geht gemächlich vorwärts. Wir lassen uns von einem Tuktuk zum Okay-Guesthouse bringen, etwas abseits vom Touristenzentrum in der Nähe des Tonle Sap, des Flusses, an dessen Südufer Phnom Penh liegt. Es ist ein großes Backpackertreff und wird ausgesprochen professionell und freundlich geleitet. Leider liegt unser Zimmer ungünstig hinter der Küche, aber für morgen wird uns ein besseres versprochen.
Dächer von Phnom Penh

Dächer von Phnom Penh vom Okay Guesthouse gesehen

Sobald man auf die Straße tritt, wird man angesprochen „Tuktuk, Sir?“, aber die Fahrer bleiben freundlich und lachen, obwohl sie wohl nur Absagen bekommen. Viele fragen, woher man kommt. Einer erzählt mir, dass seine Cousine 1985 zum Studieren nach Ostberlin gekommen ist. Beim Mauerfall kam sie dann nach Westberlin und hat dort mit ihrem Mann ein Khmer-Restaurant eröffnet. Er bedauert, dass er „not lucky“ war, obwohl er viel bessere Zeugnisnoten hatte. Aber ihr Vater war in der kommunistischen Partei und seiner nur einfacher Arbeiter, ein Beispiel für den realen Sozialismus.
In Phnom Penh wird man ständig von Bettlern angesprochen, besonders häufig von Frauen mit kleinen Kindern. Erschreckend, dass diese bis spät in die Nacht zum Betteln angehalten werden. Viele Kinder laufen mit Körben voller Bücher herum, lauter Raubdrucken von Reiseführern und sonstigen bei Touristen beliebten Büchern. Im Okay erfahren wir, dass dies alles nur eine Form von Sklaverei sei, die man nur durch Verweigerung abschaffen könne. Im Gegensatz zum Lonely Planet, wo behauptet wird, dass der Bücherverkauf zum Lebensunterhalt dieser Kinder beitrage, heißt es, dass alle Bettelgelder nur in Glückspiele, Alkohol und Drogen umgesetzt würden, und man solle den Kindern lieber Lebensmittel und (geöffnete) Getränke geben. Wer hat Recht? Außerdem soll es 20000 Prostituierte, meist aus Vietnam geben, aber im Straßenbild fallen uns keine auf. In der Zeitung lesen wir, dass viele von ihnen HIV-infiziert sind. Sie haben bei ihrer Arbeit aber keine Kondome dabei, weil sie ansonsten von den Ordnungshütern als illegale „Sexworker“ entlarvt werden könnten.

27. November
Morgens laufe ich ein halbes Stündchen am Flussufer entlang. Es ist nicht so prickelnd, weil die Uferpromenade nur für 1 km prachtvoll ausgebaut ist, und ich muss ansonsten auf der dicht befahrenen Straße laufen. Überraschend werde ich von Marcel angesprochen, den wir zuletzt in Luang Prabang getroffen hatten. Er ist inzwischen durch Vietnam gereist, wo zu meinem Erstaunen überwiegend schlechtes Wetter war, und ist über eine Bootsfahrt auf dem Mekongdelta von HoChiMinh-Stadt am Vortag hierher gekommen. Wir verabreden uns für den Abend.

Königspalast

Königspalast

Am Vormittag schauen wir uns den Königspalast an, der hinter einer hohen Mauer in wunderbaren Gartenanlagen verborgen ist.
Gärten am Königspalast

Gärten am Königspalast

Außer mehreren prachtvollen Tempeln gibt es einen Palast, der vom letzten französischen Kaiser Napoleon III gebaut wurde, und dessen Fenster seine Insignien tragen.
Pavillon Napoleon III

Pavillon Napoleon III

Der absolute Höhepunkt ist jedoch die Silberpagode, die wir eher zufällig betreten. Der Fußboden ist mit 5 Tonnen Silberkacheln ausgelegt, die allerdings überwiegend durch Teppiche verdeckt werden. In den Regalen befinden sich große Mengen silberne und goldene Buddhastatuen. Die Prachtvollste ist eine lebensgroße Statue aus 90 kg reinem Gold, die mit Tausenden hochkarätiger Diamanten besetzt ist. Sie wird in einer schlichten und kaum gesicherten Glasvitrine aufbewahrt und hat über ihren materiellen Wert eine geheimnisvolle Ausstrahlung. Direkt dahinter thront der höchste Buddha als eine aus durchscheinendem grünem Kristall bestehende Skulptur.
Nachmittags besuchen wir das Nationalmuseum. Auf dem Weg dorthin begleitet uns ein etwa zehnjähriger Junge, der uns gekühltes Wasser verkaufen möchte. Er spricht recht gut Englisch und ist richtig nett. Es fällt uns richtig schwer, ihm nichts abzukaufen, aber die Weigerung ist die einzige Möglichkeit, der Kinderarbeit entgegen zu wirken.
Männliches und weibliches Prinzip (Linga und Yoni)

Männliches und weibliches Prinzip (Linga und Yoni)

Das Nationalmuseum enthält wunderbare Exponate überwiegend aus Angkor, die oft hinduistischen Charakter zeigen.Einige von ihnen sind in Angkor durch Kopien ersetzt, z.B. der sagenumwobene Leprakönig. Wir bekommen einen kleinen Eindruck von der interessanten hinduistischen Mythologie um Visnu, Shiva und Brahma.
Vishnu

Vishnu

Leprakönig

Leprakönig

kämpfende Götter

kämpfende Götter


Abends treffen wir uns mit Marcel und seinen Reisebekanntschaften zum Essen, ein australisches Paar, eine Französin, zwei lustige junge Holländer. Es wird ein heiterer Abend, den wir in einer Cocktailbar ausklingen lassen. Dorothea wird erneut von einem Kleinkind angebettelt, das von seiner Mutter durch die Büsche geschickt wird. Auf dem Heimweg werden wir von seiner Schwester minutenlang begleitet. Endlich finden wir einen Stand, wo wir ihr etwas zu essen kaufen und sie loswerden. Es ist wirklich ein Problem!

28. November
Ich lasse mich von einem Cyklo zum Tuol Sleng Museum bringen. Cyklos sind eine Art Fahrradrikscha, bei dem der Passagier vor dem Fahrer sitzt. Es geht im Schneckentempo durch die belebten Straßen, der gut gelaunte ältere Fahrer grüßt alle Touristen, an denen er vorbeikommt „Hello, how are you? I’m fine!“. Das Tuol Sleng Museum ist ein Ort des Grauens. In der Zeit des Pol Pot Regimes 1975 bis 79 wurden hier im S21-Gefängnis, einer ehemaligen Schule, Tausende von vermeintlichen Revolutionsfeinden verhört und grausam gefoltert, um dann auf den Killing Fields erschlagen oder hingerichtet zu werden. Im Gebäude A sind die Verhörzellen gewesen. Hier steht noch das Metallbett, auf dem der Gefangene festgekettet wurde. An der Wand befindet sich ein großes unscharfes Schwarz-Weiß-Bild des Totgeweihten, der dort in seinem Blut liegt. Gebäude B zeigt die durch Mauern oder Bretter abgetrennten pferchartigen Zellen, in denen die Gefangenen gehalten wurden, C und D enthalten Fotodokumente. Leider ist ads Ganze in einem sehr schlechten Erhaltungszustand (undichte Dächer etc), aber nicht minder deprimierend. Gerade kam die Nachricht, dass Duch, der berüchtigte Leiter dieser Einrichtung vor Gericht seine Freilassung beantragt hat und darin von seinem französischen Verteidiger unterstützt wird.
Nachmittags lassen wir uns von einem Tuktuk zu den Killing Fields von Choeung Ek im Südwesten 17 km außerhalb der Stadt bringen. Hier sind 1979 über 100 Massengräber von ca 17000 Menschen freigelegt worden, die hier brutal exekutiert wurden. Die Erschütterung kennt keine Grenzen, als wir erfahren, wie bestialisch die Schlächter gegen ihre Opfer, darunter Frauen und Kinder, vorgingen. Über 9000 Schädel sind in den Glasvitrinen eines Stupas sichtbar, der hier zum Gedenken errichtet wurde.
Die Rückfahrt durch die Außenbezirke wird zu einer aufregenden Stadtrundfahrt. Es gibt wohlhabende Bezirke, die wie ausgestorben wirken. In den ärmeren dagegen tobt das Leben, vor allem auf dem sogenannten Russischen Markt, wo wir einige T-Shirts mit dem Südostasienspruch „Same Same but Different“ erwerben.
Abends essen wir im „Friends“ Restaurant, dessen Erlöse Projekten für Straßenkinder zugute kommen. Etwas teurer, aber das Essen schmeckt fantastisch! Wir lernen ein kalifornisches älteres Ehepaar kennen, die als Kunstsachverständige abwechselnd in Schanghai, Florenz und Barcelona wohnen. Auch nicht schlecht!

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3 Kommentare

  1. Bernd Huhn said,

    Hallo Ihr beiden,

    ein toller Kontrast: eure wundervollen Berichte von da, wo der Polarstern am Horizont steht und am Tag die Hitze brütet, gegen den Blick aus dem Fenster am zweiten Advent auf einen schon fast blattlosen Garten unter grauem Himmel. Vielen, vielen Dank für euer Tagebuch, das mir doch die Bedeutung von vielen alltäglichen Begebenheiten angenehm relativiert…

    Was ich mich beim Lesen oftmals frage ist: Wieviel ist eigentlich an euer Reise geplant, was entscheidet ihr spontan, woher bezieht ihr die dazu nötigen Informationen, worauf vertraut ihr, wann seid ihr vielleicht etwas misstrauisch. Oder sind das völlig abwegige Fragen, auf die nur jemand kommt, der zu Hause im Sessel hockt?

    Grüße in die Ferne!
    Bernd

    • barreoptuur said,

      Lieber Bernd,
      vielen Dank für deinen wohltuenden Kommentar! Zu deiner Frage: Der erste Teil bis Peking war von Knop-Reisen geplant, seitdem reisen wir auf eigene Faust. Wir kennen nur die Generalrichtung. Wohin genau wir reisen und wie lange wir dort bleiben, ergibt sich meist durch Reisebekanntschaften, die uns Tipps geben, und unser Gefühl, wir es uns vor Ort gefällt. Das ist eine gute Sache, bei der uns oft das Gefühl für die Zeit abgeht: Welches Datum ist heute? Und Wochentage erst recht, weil sich die Wochenenden nicht von den Arbeitstagen unterscheiden.
      Wir kommen übrigens über Weihnachten für drei Wochen nach Hause!
      Vielleicht hören wir von einander?
      Gruß an die Geli und dich

      Dorothea und Axel

  2. sabine gießner said,

    Hallo Ihr,
    es ist wirklich schön, dass wir uns über Euch keineSorgen zu machen brauchen, wissen wir doch immer, wo Ihr gerade seid und was Ihr so erlebt. Dass Ihr über Weihnachten nach Hause kommen wollt, ist ja eine Überraschung! Habt Ihr wohlmöglich Sehnsucht nach einem Tannenbaum? Wir freuen uns, dass wir Euch früher als gedacht wiedersehen werden, falls Ihr nicht von Eurer Familie zu sehr in Beschlag genommen werdet. Viele libe Grüße von Ralf und Sabine

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