Gibbons Experience

November 2, 2009 at 6:28 am (Uncategorized)

27. Oktober
Eine Woche früher als geplant melden wir uns beim „Gibbons Experience“ an. Wir müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben, mit der wir die volle Verantwortung für Risiken aller Art übernehmen. Etwas mulmiges Gefühl. Wir haben so unterschiedliche Dinge gehört, wobei die skeptischen Meinungen überwiegen: Zu wenig Essen, Gewaltmärsche in morastigen Gelände, schlaflose Nächte, jede Menge Litschies (Blutegel) usw. Wir sind gespannt und ziemlich aufgeregt.

28. Oktober
FlussdurchquerungWie in den letzten Tagen ist das Wetter sonnig und trocken. Um 8 Uhr geben wir unser Gepäck beim GE-Büro ab. Hier lernen wir unsere Gruppe kennen. Elisabeth und Wilhelm im BasislagerEs sind Elisabeth und Wilhelm, ein Ehepaar in unserem Alter (zum Glück sind wir nicht die einzigen Elders!) aus dem Ratzeburgischen, Janien, 24 Jahre alt aus Groningen, die gerade ihr Psychologiestudium beendet hat, und Jody und Kayla aus Kanada, die morgen bzw übermorgen gerade 23 werden. Durch einen kurzen Film werden wir in das „Cabling“ eingeführt. Dann geht’s in einem Geländewagen los. Eine Stunde fahren wir die Straße Richtung Luang Nam Tha zurück. Dann gibt es eine kurze Rast in einem Ladengasthaus am Wegrand. Jetzt geht es in den Regenwald. Zuerst durchqueren wir einen Fluss. Dann wühlt sich das Auto eineinhalb Stunden lang durch einen schlammigen ab und ab führenden Weg zu einem kleinen Dorf. Beginn der WanderungHier lernen wir unsere Guides kennen: Song Keo, ein lebhafter gutgelaunter Kerl und Pa, der etwas schüchtern ist. Kayla und Cody legen die Harnets anHier bekommen wir unsere „Harnets“, Tragegurte mit zwei Beingurten und einem Hüftgurt. Außerdem ist eine Sicherungsleine mit einem Karabinerhaken und als Wichtigstes der Gleiter mit zwei Rollen und einem kurzen Stück Fahrradreifen als Bremse daran befestigt. Zunächst kommt aber ein zweistündiger Marsch überwiegend bergauf durch den Dschungel.

Vor der LandungDann kommen wir beim ersten „Zip“ an. Ehe wir gucken können, ist Pa schon verschwunden und Song Keo fragt, wer als nächster möchte. Bevor ich Zeit bekomme, ängstlich zu werden, melde ich mich.

Janien, Kayla, Elisabeth

Janien, Kayla, Elisabeth

Vor der Landung

Zuerst wird der Karabiner der Sicherheitsleine eingeklinkt, dann davor der Gleiter und los geht’s. Eine Hand am Haltegurt, die andere auf dem Bremsgummi, überlasse ich mich der Technik. Mit Gesumme nimmt der Halter Fahrt auf und schon bin ich über den Baumwipfeln. Nach vielleicht 15 Sekunden ist die Fahrt auch schon zu Ende, ich werde langsamer und komme, ohne zu bremsen am gegenüber liegenden Holzsteg an. Pa empfängt mich und hilft beim Entfernen der Karabiner. Dann schreit er „ok!!“, damit der Nächste losfahren kann. Cody am Startund ab geht die FahrtGleich dahinter fängt der nächste Zip an, den ich schon richtig genießen kann.

Janien in der Küche vom Baumhaus

Janien in der Küche vom Baumhaus

In Sekundenschnelle ist man über der Schlucht mit einem großartigen Blick über die bergige Urwaldlandschaft. Und weiter geht’s. Sobald alle da sind, wird ein Stück gewandert, bis der nächste Zip ansteht. Einige sind richtig lang (bis zu 400m) und schwindelerregend hoch (bis zu 150m). Nach insgesamt 2 Stunden kommen wir zu unsrem ersten Baumhaus. Es ist in 60m Höhe in der Baumkrone eines riesigen Baumes eingerichtet und nur über 2 Drahtseile erreichbar. Von einem dritten Seil aus kann man es verlassen. Das Haus hat zwei Etagen. In der unteren sind 3 Doppelschlafplätze vorhanden, die jeweils durch eine Art Zelt überdeckt werden können, einen Tisch mit kleinen Basthockern. Außerdem gibt es ein Waschbecken mit fließend Wasser, eine Kochstelle mit einem Propangaskocher, einer abgetrennten Dusche und einem WC, zu dem man durch Überschreiten eines dicken Astes gelangt. In der oberen Etage gibt es einen weiteren Doppelschlafplatz. Zuerst bewegen wir uns recht unsicher, denn nach allen Seiten trennt uns nur ein leichter Holzzaun von der Tiefe. Vor dem Abendessen drehen wir noch eine kleine Runde. Die Abfahrt stellt eine unausweichliche Mutprobe dar, denn man muss von einer Treppenstufe herunter gleiten und schwebt sofort über der Tiefe. Wir lernen auch, dass das richtige Tempo wesentlich ist. Ist man zu langsam, kommt man schon vor dem Landesteg zum Halten. Dann muss man sich umdrehen und sich kopfüber vorwärts hangeln. Das ist ein unangenehmes Gefühl, weil man nichts sieht und das Seil auf keinen Fall loslassen darf. Oder man kommt zu schnell an und muss sich mit dem Fuß von dem Baumstamm, der das Seil trägt, abstoßen. Dabei kommt man leicht mit der Schulter gegen das Seil. Dabei hole ich mir gleich eine kräftige Abschürfung. In kurzer Entfernung liegt das Küchenzelt, indem einige Frauen unser Abendessen bereiten, das sie uns dann über ein weiteres kurzes Seil ins Haus bringen. Doch solange es hell ist, machen wir noch weitere etwas längere Runde. Dabei stellen wir fest, dass unsere Ortskenntnis gering und die Ausschilderung mangelhaft ist. Zum Glück verirren wir uns nicht und kommen rechtzeitig wieder an, erschöpft und trotzdem mit einem rauschhaften Glücksgefühl. Zum Abendessen gibt es eine Riesenportion Reis und fünf Töpfchen mit verschiedenen Gemüsen, einfach aber schmackhaft. Um halb sieben ist es stockdunkel, wir können den Tisch mit Kerzen beleuchten und uns ansonsten mit unseren Taschenlampen orientieren.
Abends spielen wir eine deutsch-kanadisch-holländische Version von Maumau. Als wir in unser Schlafzelt kriechen, ist es gerade 8 Uhr. Mit den Geräuschen des nächtlichen Urwaldes schlafen wir schnell ein.

 

29. Oktober
Schon um 6 Uhr kommt Song Keo mit dem Frühstück. Zunächst gibt es nur eine Tasse Lao-Kaffee, dann brechen wir zu einer kleinen Exkursion auf, denn nur in der Morgendämmerung kann man die Affen wahrnehmen.

Morgendämmerung

Morgendämmerung

Wir hören ein eigenartig bellendes Tier, vielleicht eine Art Reh. Song Seo ermahnt uns zu äußerster Stille und gibt mir und Janien ein großes Blatt, um unsere auffälligen Hemden zu bedecken. Dann macht er mit einem Blatt die Gesänge von Gibbons nach. Das Bellen kommt immer näher, aber offenbar halten sich keine Affen in der Umgebung auf. Stattdessen machen wir Bekanntschaft mit einer ungebetenen Tierart, den Litschies. Diese Blutegel werden offenbar durch Körpergerüche angelockt und bewegen sich vermittels ihrer Saugnäpfe eilig auf uns zu und entern unsere Schuhe. Wenn man nicht aufpasst, bohren sie sich in kurzer Zeit in den Gliedmaßen fest und saugen Blut, ohne dass man es wahrnimmt. Erst wenn sie wieder loslassen, wird man durch den Blutfleck auf sie aufmerksam. Von nun an, kontrollieren wir ständig unsere Schuhe und vermeiden es, irgendwo stehen zu bleiben, aber trotzdem bekommt fast jeder so ein Souvenir verpasst. Zum Glück sind sie ungefährlich und übertragen keine Krankheiten.

Frühstück

Frühstück

Ohne Affenbeobachtung kehren wir zu unserem Baumhaus zurück und frühstücken wiederum Reis und Gemüse.

Zur Abwechselung Reis und Gemüse

Zur Abwechselung Reis und Gemüse

Wilhelm toastet Baguette über der Propangasflamme.
Dann beginnt der Marsch zu unserem zweiten Ziel, dem Wasserfall. Hier können wir auch den Gesang von Gibbons hören, die sich in einiger Entfernung aufhalten. Drei Stunden geht es bergauf und bergab durch den Regenwald.

Ein Baumhaus von unten

Ein Baumhaus von unten

Dann kommen einige wunderschöne lange und hohe Zipps, bis wir an unserem zweiten Baumhaus ankommen, das ähnlich wie das erste eingerichtet ist.

Blick aus dem Baumhaus

Blick aus dem Baumhaus

Ohne Gepäck zippen und steigen wir dann zum Wasserfall herunter und baden im kühlen Wasser.

Badesee am Wasserfall

Badesee am Wasserfall

An einem Tisch beim Wasserfall ist inzwischen unser Mittagessen angekommen: Reis und Gemüse. Aber durchaus nicht eintönig: Diesmal ist ein sehr pikanter Gurkensalat, grüne Bohnen und ein Tomatengericht dabei. Zurück im Baumhaus machen wir eine ausgiebige Mittagspause. Um 5 Uhr kommen Song Keo und Pa und bringen Tee. Son Keo ist sehr aufgeschlossen und erkundigt sich mit seinen geringen Englischkenntnissen nach unsren Lebensumständen. Wir erfahren, dass er mit seinen 26 Jahren verheiratet ist und schon drei kleine Kinder hat. Seine Frau arbeitet im Reisfeld, und er ist sehr glücklich mit seinem Job als Guide. Für ihn gibt es keine Urlaubstage. Er verdient zwei bis drei Euro pro Tag, für laotische Verhältnisse eher viel. Kranken- oder Sozialversicherung gibt es nicht, der Familienverband ist für alles zuständig.
Bald darauf versorgt uns eine junge Frau mit dem Abendessen (Man rate, was). Eigentlich ist alles perfekt, aber ein kühles Laobeer fehlt uns allen. In der Dunkelheit während des Maumauspiels bewundern wir die handtellergroßen Spinnen im Palmdach, deren große Augen das Taschenlampenlicht reflektieren. Zum Glück können sie nicht in die Schlafzelte kommen.

 

30. Oktober

Dusche in luftiger Höhe

Dusche in luftiger Höhe

Morgenkaffee im zweiten Baumhaus

Morgenkaffee im zweiten Baumhaus

Um 8.30 Uhr brechen wir auf. Nur noch zwei lange Zips können wir genießen, dann beginnt ein dreistündiger Marsch zurück zum Basislager. Dort treffen wir unsere Parallelgruppe, die jeweils im anderen Baumhaus übernachtet hat. Auch sie sind begeistert, obwohl sie mit ihren Guides nicht so zufrieden waren. Diesmal haben wir für die Rückfahrt einen bärenstarken Landcruiser, der mühelos durch das schwere Gelände pflügt. An der Landstraße gibt es einen Imbiss, dann müssen wir uns von Elisabeth und Wilhelm verabschieden, die nach Luang Nam Tha weiterfahren. Wir kommen am frühen Nachmittag in Houay Xai an. Abends treffen wir uns mit Janien, Cody und Kayla zum Essen und tauschen Erinnerungen und Fotos aus. Von Cody bekommen wir ihre Videos, mit denen sie die Zippings gefilmt haben. Zum Schluss gehen wir ins Internetcafé, wo mir Cody ein All-in-One-Programm herunterlädt, mit dem wir Videos aller Art anschauen können.
Weshalb sind wir trotz aller Bedenken so restlos begeistert von unserer Gibbon Experience? Zum einen hatten wir richtig Glück mit dem Wetter, bei Regen wären die Wege aufgeweicht und rutschig gewesen. Viel wichtiger ist aber unsere tolle Truppe, die allesamt optimistisch und humorvoll eingestellt waren. Vor allem bei Cody hat mir das Einfühlungsvermögen gefallen, mit mit er stets versuchte, zu helfen oder etwas für die Gruppe zu tun. Schön war auch die Erfahrung, wie unterschiedliche Altersgruppen mit einander auskommen und verständigen können. Und natürlich das Cabling, das diese Tour auch (fast) ohne Gibbonerlebnisse zu einem unvergesslichen Erlebnis und einem Höhepunkt unserer Reise macht.

 

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3 Kommentare

  1. Kalle said,

    hallo worldtraveller, viele grüße aus dem kalten kiel. Es ist mittwoch und nach der anstrengenden Lehrerkonferenz von gestern, geniesse ich meine freistunde und wandere in gedanken in wärmere gegenden. jetzt fängt es auch noch an zu schneien. In den herbstferien war ich mit bine und unserer tochter in london. Klasse, zum ersten mal durch den eurotunnel. 30 minuten später dann linksverkehr. Wieder neue eindrücke gewonnen und die schule nicht vermisst – euch geht es sicherlich genauso. Freut mich, dass du auch zeit zum laufen gefunden hast – aufgrund des schlechten wetters sind die möglichkeiten hier kaum vorhanden – just my excuse. anyway, wir denken an euch und freuen uns, dass es euch auch fern der heimat gut geht. keep that wind at your back and the sun on your face, kalle

  2. Silke said,

    Liebe Dorothea, lieber Axel,

    neugierig verfolge ich eure Erlebnisse. Das Cabling klingt ungeheuer spannend! Ich finde euch mutig und sportlich!
    Jochim und ich waren in den Ferien zehn Tage in Ligurien wandern. Herzliche Grüße von ihm.

    Von mir alles Liebe! Silke

  3. uli said,

    Hallo Ihr beiden,
    mal wieder aufgeregt Eure Eindrücke lesend, fallen mir tausend Fragen ein. Wie findet man so viele „spots“ und Abenteuerangebote. Gibbon-Experience hat mich natürlich besonders gefesselt. Da wäre ich zu gern dabei gewesen. Aber auch die vielen anderen Stationen sind verwegen. Nun werde ich mir wieder Zeit nehmen und nachlesen. Alles Gute Euch. Gruß Uli

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