Von Korea nach Yunnan

Oktober 18, 2009 at 6:58 am (Uncategorized)

11.September
Heute ist Abreisetag. Vormittags werden wir von Johannes und Mi Hyun zum Frühstück abgeholt. Wir besuchen gemeinsam das moderne Nationalmuseum Koreas, in dem wir über die Geschichte der koreanischen Königreiche informiert werden. Nachmittags werden wir von den Beiden und Jeok nach Incheon zum Fährableger gebracht. Der Abschied fällt schwer, denn dies sind die letzten vertrauten Gesichter für das nächste halbe Jahr!
Die Passagiere sind nach unserer Beobachtung überwiegend zwischen Korea und China pendelnde Händler, die Unmengen von Paketen an Bord schleppen. Diesmal sind wir die einzigen Europäer an Bord, und auch auf die englischen Lautsprecherdurchsagen müssen wir verzichten. Wir lernen Ian, einen jungen koreastämmigen Ameriker aus LA kennen. Er will China auf eigene Faust erkunden.
An Bord der „Tian Ren“ haben wir diesmal eine sehr schöne Außenkabine. Die See ist wegen stürmischer Winde in der letzten Woche viel unruhiger als bei der Anreise, aber bei den Ausmaßen des Schiffs wird dies alles nur zu einem angenehmen sanften Wiegen.

12. September
Das Wetter ist wieder lau und sonnig. Wir verbringen den Tag lesend in unserer Kabine oder schauen einfach nur über Bord, wo wir schon am Vormittag chinesisches Festland sehen. Aber wir müssen ja noch die Bahai Bay durchfahren, um an Tianjin zu kommen. Je näher wir kommen desto mehr füllt sich die See mit Armaden von Fischerbooten.

chinesisches Fischerboot im Gelben Meer

chinesisches Fischerboot im Gelben Meer

Eines, das an eine Dschunke erinnert, kreuzt dicht hinter uns seinen Kurs. Weit vor der Hafeneinfahrt liegen Hunderte von Frachtschiffen auf Reede. Wirtschaftskrise?
Sonnenuntergang vor Tianjin

Sonnenuntergang vor Tianjin

Kurz nach Sonnenuntergang legen wir an, und werden gleich nach der Passkontrolle von Taxifahrern bestürmt. Ein junger Kerl überzeugt uns, dass der letzte Bus nach Tianjin-Stadt bereits abgefahren sei, und bietet an, uns für 160 Yuan (=16 Euro) zum Hotel zu fahren. Wir nehmen Ian mit. Der Fahrer ist ein echter Verkehrsrowdy, drückt pausenlos die Hupe, überholt in unverantwortlicher Weise, aber das kann uns inzwischen nicht mehr erschüttern. Uns beeindruckt nur der Smog, der wie eine Staubglocke die Sicht verkürzt. Wie gut, nicht immer hier wohnen zu müssen! Erfreut stellen wir fest, dass das Hotel für uns die Fahrkarten von Peking nach Kunming gebucht hat. Vom Hotelzimmer können wir problemlos mit der Heimat telefonieren. Nachts gehen wir noch mal auf die Straße, wo wir von Fledermäusen umschwärmt werden.

13. September
Nach dem Frühstück lassen wir uns mit dem Taxi zum Bahnhof bringen, was unnötig war, denn es ist kaum 1km entfernt und der Taxifahrer ist brummig, weil er so nichts verdient. Am Bahnhof herrscht überall Gedränge und vor den Ticketschaltern sind lange Schlangen. Dennoch kommen wir rasch zu den Fahrkarten nach Peking Westbahnhof, von wo unser Zug nach Kunming abgeht. Wir haben viel Zeit, um uns die wartenden Menschen in der Bahnhofshalle und das Geschiebe, wenn ein Zug zum Einsteigen freigegeben wird, anzuschauen und für einen Cappuccino in einem gemütlichen und fast leeren Bahnhofscafé. Unser Zug ist diesmal ein Vorortzug und wir müssen uns unsere Sitzplätze erkämpfen. Die Fahrzeit ist dreimal so lang wie auf der Herfahrt. Auf der Strecke sehen wir, dass kilometerweise Wohnhäuser für eine neue Trasse abgerissen wurden. Peking West ist ein Prachtbahnhof im Stil der 50er Jahre, kein Vergleich mit der Glitzerwelt des Hauptbahnhofs. Nachdem wir uns aus den Menschentrauben um den Bahnhof befreit haben, machen wir einen Spaziergang durch die Seitengassen, wo sich ein buntes und beschauliches Leben abspielt, wenn man von den laut hupend sich einen Weg bahnenden Taxis absieht. Überall werden fertige Nahrungsmittel angeboten, von heißen Maiskolben, Kuchen und Süßigkeiten aller Art bis zu gerösteten Geflügelteilen, darunter Gänseköpfe und Entenfüße. In einer Gasse reiht sich Frisiersalon an Frisiersalon. Unserer Suche nach englischem Lesestoff bleibt wie zu erwarten ohne Erfolg, aber am Bahnhof bekommen wir „China Daily“ und „Global Times“ mit unerwartet differenzierter politischer Berichterstattung. Um 19.20 Uhr fährt unser Schlafwagenzug ab, sauber und mit freundlichem Personal. Der Hauptteil des Zuges ist brechend voll, aber zu unserer Überraschung ist unser 4-Bett-Abteil nicht weiter belegt. Das Personal bedeutet uns aber, dass dies nicht so bleiben wird. Im Speisewagen sitzen viele uniformierte Zugbegleiter, trinkend, essend und rauchend. Einer beobachtet uns ständig und fragt schließlich, woher wir kämen. Als wir „deguo“ antworten, wendet er sich verächtlich ab. Das Essen schmeckt trotzdem.

14. September
Über Nacht sind wir in unserem Abteil allein geblieben und haben gut geschlafen. Der erste Blick aus dem Fenster zeigt trübes regnerisches Wetter. Erst jetzt merken wir, wie sehr wir uns an das sonnige Wetter in den hinter uns liegenden sechs Wochen gewöhnt haben. Wir fahren durch eine ebene Landschaft mit riesigen Reisanbauflächen. Nur die größten Stationen sind mit lateinischen Buchstaben auf unserer Karte verzeichnet, eine ist Xi’an. Dann fahren wir durch eine riesige Stadt und überqueren einen kilometerbreiten Fluss, es kann sich nur um Wuhan handeln, welches am Gelben Fluss liegt, aber eigentlich gar nicht auf der Strecke nach Kunming. Dann kommen wir nach Chang Chu, das in der Tat südlich von Wuhan liegt. Die Landschaft verändert sich, es wird mittelgebirgig, die landwirtschaftlichen Flächen sind viel kleinräumiger und vielfältiger.

Auf dem Weg nach Kunming

Auf dem Weg nach Kunming

Im Laufe des Tages bessert sich das Wetter, aber die Klimaanlage ist so stark eingestellt, dass wir es trotz 28°C Außentemperatur im Zug nur mit dickem Pullover aushalten. Am Nachmittag steigt ein chinesisches Ehepaar in unser Abteil zu. Die Verständigung ist außerordentlich mühsam, aber wir erfahren, dass sie eine Tochter haben, die in England studiert, und wir versuchen, über unsere Familie zu berichten. Sie sind freundlich und bieten uns Obst an, später werde ich zu einer Zigarette eingeladen. Leider stellt sich heraus, dass er ein übler Schnarcher ist.

15. September
Nun sind wir im Hochgebirge angekommen, welches sich allerdings nicht alpin, sondern aus zahllosen Gipskarstkegeln gebildet darstellt. Auf jedem Quadratmeter, den man längs der Berghänge urbar machen konnte, wird Maisanbau betrieben und viele Menschen sind mit Hacke und Spaten bei der Arbeit. Trotz der Höhenlage sehen wir Bananenpalmen, Mandarinenbäume und Bambus, später auch Tabak. Der Zug kann die Gleise oft nur im Fahrradtempo befahren. Der Aufwand für die erst in den 50er Jahren hergestellte Strecke muss immens gewesen sein, ein endloser Tunnel reiht sich an den nächsten, dazwischen ergeben sich atemberaubende Ausblicke.
Beim Mittagessen werden wir von unserer freundlichen Wagenschaffnerin angesprochen, sie erkundigt sich nach unserem Reiseziel. Ihr englischer Wortschatz reicht aber nicht aus, um uns zu verstehen, deshalb holt sie eine Kollegin, die übersetzt. Diese kommt später noch in unser Abteil und fragt, ob wir Christen seien und in Kunming in die Kirche wollten. Sie erzählt uns, dass sie an jedem freien Tag in die Kirche geht. Mit den Begriffen katholisch und protestantisch kann sie nichts anfangen. Aber sie sagt, dass sie nicht zu denen gehört, die neben Jesus auch Maria verehren.
Um 17.30 Uhr ist es endlich geschafft: nach 47 Stunden sind wir im 3000 km südlich von Peking gelegenen Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, in der wir uns in den nächsten Wochen aufhalten werden. Trotz des Großstadttrubels gelingt es uns auf Anhieb, den Bus zu finden, der uns zu unserer Unterkunft „The Hump“ im Zentrum zu bringen.

Hump Hostel in Kunming

Hump Hostel in Kunming

Hier tobt das Leben, massig junge Leute, überwiegend Backpacker, ein Haufen Informationen, die wir gar nicht so schnell abrufen können und nettes hilfsbereites englisch sprechendes Personal. Unser Zimmer ist fensterlos und stinkt nach Mottenkugeln, ist aber sonst ganz okay. Wir machen einen Buchladen ausfindig, in dem wir erstmal eine Karte der Region finden (gab es in Deutschland nicht!) Beim Abendessen mache ich den Fehler, mir Sichuannudeln zu bestellen: ungenießbar scharf.
bärenmäßig gut-Cappuccino auf der Hump-Terrasse

bärenmäßig gut-Cappuccino auf der Hump-Terrasse

Aber beim Bier auf der offenen Terrasse erwachen die Lebensgeister wieder. Es gibt auch W-LAN, so dass wir unsere Email abrufen können.

16. September
Heute haben wir uns zwei Tempel in der Umgebung von Kunming vorgenommen. Die schlaueste aller Ehefrauen hat vorsorglich die Namen in chinesischen Schriftzeichen kopiert, denn nur der erste Teil der Anfahrt ist klar: Mit dem Linienbus 98 bis zur Endstation, was 1 Yuan kostet und eine halbe Stunde dauert. Mit Dorotheas Zettel werden wir von ebenso hilfsbereiten wie geschäftstüchtigen Menschen an einen Minibusfahrer vermittelt, der sich bereit erklärt, uns für 50 Yuan zum Bambustempel zu fahren. Mit viel Mühe kann ich den Preis auf 45 herunterhandeln, dann fährt er uns in einer halben Stunde auf eine Anhöhe zu diesem Tempel aus der Tangdynastie im 8.Jahrhundert, der sich als echtes Highlight herausstellt.

Tor zum Bambustempel

Tor zum Bambustempel

Nachdem der Tempel im 15. Jahrhundert niedergebrannt wurde, wurde er 1883 bis 1890 restauriert.
Lehmskulpturen im Bambustempel

Lehmskulpturen im Bambustempel

Dafür wurde der Meisterbildhauer Li Guangxiu und seine Schüler beauftragt, 500 louhan (=Heilige) als lebensgroße bemalte Tonfiguren zu gestalten. Ich bin überwältigt und empfinde diese Figuren als größte Meisterwerke der Bildenden Kunst.
Weitere Lehmskulpturen

Weitere Lehmskulpturen

Jede für sich ist äußerst ausdrucksstark in Mimik und Gestik, und in der Gesamtheit kann ich dies gar nicht erfassen. Dorothea kann die dämonische Ausstrahlung kaum ertragen, jedenfalls sind wir beide tief beeindruckt und können den Besuch dieses Tempels jedem Yunnan-Reisenden nur empfehlen!
Im Bambustempel

Im Bambustempel


Als wir den Tempel verlassen, hält gerade ein vollbesetzter Bus nach Kunming, dessen letzten freien Sitzplatz ich ergattere. Neben mir sitzt ein kleiner alter Mann in unglaublich zerschlissener und verschmutzter Kleidung, der im Wald einen großen Korb Pilze geerntet hat. Nun ist er so ermattet, dass er mit dem Kopf an meinen Arm gelehnt einschläft, gleichzeitig rührend und abstoßend. In Kunming gelingt es uns, den richtigen Bus zu unserem zweiten Ziel, dem goldenen Tempel zu finden. Er liegt auf einem Hügel in einem ausgedehnten, sehr schön gestalteten Park voller alter Bäume und farbenprächtiger Tore. Außerdem gibt es wunderbare Bronzeskulpturen mit Stieren, Tigern und Jagdszenen, die in den Bergen Yunnans ausgegraben wurden.
Bronzetisch aus der Han Dynastie

Bronzetisch aus der Han Dynastie

Auf der Spitze steht ein Glockenturm, dessen Treppenhaus mich an M.C.Escher erinnert und in dessen Spitze eine 5m hohe und 14 Tonnen schwere Glocke hängt.
Im Glockenturm

Im Glockenturm

Der goldene Tempel selbst besteht aus Bronze, und diente dem legendären Kriegsheld General Wu um 1671 als Sommerresidenz. Die ganze Anlage ist ein friedvolles liebliche und harmonisches Ensemble, das für uns einzigartig ist.
Im Goldenen Tempel

Im Goldenen Tempel

Tief zufrieden mit diesem Tag lassen wir uns mit dem Linienbus zu unserer Unterkunft bringen, wo wir einen prachtvollen Cafe latte zu uns nehmen, dessen Schaumkronengesichter unsere bärige Urlaubsstimmung wiedergeben. Der Abend wird den Besuch eines urigen Restaurants „1910 Gare du Sud“ im neokolonialen Stil abgerundet. In stilvoller Umgebung und mit erstklassigem Service genießen wir Pekingente, gedünstete Datteln, gewürzten Yunnankäse und frisches Gemüse zu einem Preis, für den man bei uns vielleicht eine Currywurst mit Pommes bekäme!

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3 Kommentare

  1. sabine gießner said,

    Hallo Ihr,
    unglaublich, was Ihr so alles erlebt und toll, dass Ihr es in Wort und Bild sofort dokumentiert, so dass Ihr nichts vergessen könnt und auch wir Daheimgebliebenen daran Teil haben können und wissen, dass es Euch gut geht. Sogar zum Postkarten Schreiben findet Ihr noch Zeit. Es ist schon erstaunlich, dass so ein kleines Stück Pappe den Weg aus dem fernen China bis zu uns unversehrt übersteht. Vielen Dank.
    Uns geht es auch gut. Wir haben gerade den letzten Tag der Herbstferien vor uns, ernten Äpfel und harken Laub. Die neue Landesregierung macht gerade einige schulpolitische Rückwärtsrollen. Doch das muss Euch ja zum Glück nicht im Detail erläutert werden. Wir wünschen Euch weiterhin alles Gute für Eure nächsten Abenteuer und freuen uns darauf, darüber zu erfahren. Liebe Grüße von Sabine und Ralf

  2. Renate und Alf Schinke said,

    Hallo ihr beiden Weltreisenden, über Martina sind wir an euren Blog geraten und finden es supertoll, was ihr alles erlebt und das wir alles mitlesen können. Prima Idee mit dem Blog!
    Waren letzte Woche in Kiel und haben ein wenig Seeluft geschnuppert – leider waren Barres gerade am anderen Ende der Welt. Aber mit dem Blog schicken wir euch erstmal ganz liebe Grüße und werden euch virtuell auf eurer spannenden Reise weiterhin begleiten. Renate und Alf

    • barreoptuur said,

      Hallo Renate und Alf, so long no hear from you!
      Vielleicht kriegen wir ja mal ein Wiedersehen hin, wenn wir wieder daheim sind! Hier ist alles sehr aufregend und wir werden täglich jünger!
      Vielen Dank für eure Nachricht und alles Gute für euch!

      Dorothea und Axel

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