Auf in die Mongolei!

August 21, 2009 at 6:48 am (Uncategorized)

19. August
Heute müssen wir wieder früh raus, denn um acht fährt unser öffentlicher Bus nach Irkutsk. Dazu müssen wir unser Gepäck über die Sandwege zum Dorfzentrum von Kuschir wuchten. Dabei erweisen sich unsere „Barrelcarrier“ (Reisetaschen mit Rädern) als unerwartet geländegängig. Der Busfahrer knöpft uns erstmal 100 Rubel pro Person für „Bagasch“ ab, die mit ziemlicher Sicherheit in die eigene Tasche wandern. Beim Fahren scheint er die Bremse nicht zu kennen. Von der mühsam erklommenen Höhen lässt er den Bus auf der Talfahrt auf den ruppeligen Wegen ein Tempo aufnehmen, dass uns Angst und Bange wird. Er fürcht offenbar kein Unglück , gegenüber dem Pinup-Girl über seinem Fahrersitz wacht eine Engelskulptur, und eine Madonna baumelt am Rückspiegel. Dorothea beobachtet, wie er sich auf einer Passhöhe bekreuzigt, dass macht richtig Mut. Auf der Hauptstraße bewegt er sich, Überholverbote missachtend, mit Vorliebe hupend auf dem linken Fahrstreifen, Trotzdem kommen wir unbeschadet in Irkutsk an . Hier verabschieden wir uns erstmal von Christiane, Anne und Kirsten, den Globetrotterinnen vom Vorvorabend. Mit dem Taxi lassen wir uns vom Busbahnhof zum wunderschönen historischen Zugbahnhof bringen, deponieren dort unser Gepäck, und fahren mit der Straßenbahn ins Zentrum. Ben und Tessa shoppen, Dorothea und ich besuchen ein Heimatmuseum in einem neomauretanischen Gebäude, das vor allem durch sein ehrwürdiges Alter beeindruckt. Dargestellt wird die Erforschung und Erschließung Sibiriens seit dem 17. Jahrhundert und die Lebensweisen seiner invekischen und burjatischen Ureinwohner, die noch heute zu einigen Zehntausend in autonomen Territorien leben.
Um 21.50 Uhr geht unser Zug nach Ulan-Bator ab. Das mongolische (?) Zugoersonal ist ausgesprochen freundlich, obwohl sich die Kommunikation auf Gestik beschränkt. In unserem Wagen sind nur Touristen untergebracht. Natürlich findet Tessa in Nachbarabteil eine Studentin aus Gießen, die unseren Cousin Alexander Gallin kennt. Die Welt ist klein!
Ich lerne Jimmy aus London und Tom aus Zürich kennen. Jedermann ist freundlich und offen für einen Plausch.

20. August
Leider bekommen wir von der spektakulären Eisenbahntrasse am Baikalsee, die die Passage per Eisenbahnfähre oder über das Eis ersetzte, in der Dunkelheit nichts mit. Nach Ulan Ude, wo die Trans-Mongolei-Trasse abzweigt und wir von einer stinkenden Diesellok gezogen werden, hat sich das Landschaftsbild verändert, es ist gebirgig mit Flüssen, Seen und riesigen Weideflächen. Gegen halb zwei kommen wir in Nauschki, dem Grenzbahnhof zur Mongolei, an und unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Fünf Stunden. Dauert der reguläre Aufenthalt. Zum Glück darf man den Zug in der glühenden Mittagshitze verlassen, der Ort selbst ist eher trostlos. Jimmy und Tom scheint das nicht zu stören, sie sitzen auf einer müllumsäten Parkbank mit bloßen Oberkörpern, rauchen und trinken Bier.

Am Bahnhof von Nauski

Am Bahnhof von Nauski


Ihre gute Laune ist ansteckend, und wir haben eine Menge Spaß. Nach dreieinhalb Stunden, während derer lediglich Wagen an- und abgekoppelt wurden, wird es jetzt offiziell: Wir müssen unsere Migrationcard abgeben und Zollerklärungen ausfüllen, Die Beamten sind aber freundlich und locker. Im Nachbarabteil zupfen zwei junge Deutsche die Klampfe und singen despektierliche improvisierte Lieder über die russische Bürokratie, die im ganzen Wagen Gelächter und Beifall auslösen. Den Vogel schießt ein uniformierter Passkontrolleur ab, als er mit Tom Schuhplattler tanzt.
Endlich rollt der Zug über die martialisch gesicherte Grenze. Auf der mongolischen Seite, wo uns blutjunge Soldaten in Felduniform salutierend empfangen, spielt sich das gleiche Prozedere noch einmal ab und zweieinhalb Stunden dauert die Kontrolle in Suchbatar, wie der Grenzbahnhof nach dem ersten Präsidenten der Volksrepublik immer noch heißt. Hier geht ein spektakulaeres Gewitter nieder.
Gewitter in Suchbaataar

Gewitter in Suchbaataar

Nachdem die Zöllner den Zug verlassen haben, strömen Verkäuferinnen und Geldwechsler in den Zug, auch ich kann meine russischen Reste „umrubeln“. Ein vermutlich Einheimischer räumt den Waggonteppich zur Seite, öffnet eine Bodenklappe und zieht ein geheimnisvolles Paket heraus, das im Abteil verschwindet. Was wurde hier geschmuggelt. Plötzlich lautes Geschrei. Eine mongolische Wagenschaffnerin hat einen Schwarzfahrer entdeckt, den sie sofort des Diebstahls verdächtigt. Laut spektakelnd schubst sie ihn unsanft zum Ausgang. Als er sie wütend zurückschubst, wird sie erst richtig sauer, legt noch ein paar Phon drauf und tritt ihn mit voller Kraft in den Allerwerstesten, worauf er fluchtartig den noch stehenden Zug verlässt. Die Insassen feiern die Heldin stürmisch, was sie mit Freude und Stolz entgegennimmt. Den ganzen Abend stehen wir im Flur oder sitzen in den Abteilen.

Im Waggonflur

Im Waggonflur


Inzwischen kennt jeder jeden. Einen Deutschen, der in Peking Chinesisch studieren will, mache ich mit Joshua bekannt, einen Holländer, der das Gleiche vorhat. Wir unterhalten uns mit einem französischen Pärchen, die einen Freund in Nowosibirsk besucht haben, der sich dort seit zwei Jahren niedergelassen hat. Natürlich steckt eine Liebesbeziehung hinter diesem ungewöhnlichen Entschluss!

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5 Kommentare

  1. Brigitte Barre said,

    Ihr lieben Weltenbummler,
    nach einigen Tagen in Berlin und einem Tag in Hannover komme ich auch endlich dazu, Eure Berichte aus der großen weiten Welt zu lesen. Habt vielen Dank, dass Ihr uns so ein bisschen an Euren Erlebnissen teilnehmen lasst. Hier ist alles im grünen Bereich. Das wünschen wir auch für Euch. Weiterhin „gute Reise“ und viele liebe Grüße von Brigitte und Bernd

  2. sabine giessner said,

    Hallo Ihr,
    viele liebe Grüße aus der Heimat von Sabine und Ralf. Eure Berichte sind toll zu lesen, und wir freuen uns, dass wir so ein bisschen mitreisen können, wenn auch nur in Gedanken. Macht’s gut!

  3. Götz Schwenteck said,

    Hallo Axel!
    WÜNDERSCHÖNE Fotos und sehr interssante Berichte – und uns hat der Alltag bald wieder! – ich muss morgen schon mal in die Schule!
    Weiterhin viel Spaß – und schreib´ weiter so schöne Berichte und mach´ nette Fotos – das lässt mich auf mein Sabbatjahr hoffen und freuen!
    Gruß an Deine mir unbekannten BegleiterInnen,
    Götz

  4. Thomas Bühring said,

    Hallo Weltreisende,

    die Zeit vergeht doch nicht überall gleich schnell (Thema für Physik?). Das weiss man doch, dass die Zeit östlich langsamer wird, aber ist es immer schlecht. Zugegeben, die Romantik von Grenzbahnhöfen hält sich in engen Grenzen. Geniesst das Leben!!! Danke für die schönen Bilder, die uns zumindestens für einen Augenblick dem hier entfliehen lassen

    • barreoptuur said,

      Lieber Thomas, danke fuer deinen gruss. Gruesse doch bitte meine/ unsere Klassen von mir. Du kannst auch unsere Blogadresse weitergeben!
      Axel

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