Am Baikal

August 21, 2009 at 6:45 am (Uncategorized)

16. August

Heute müssen wir früh aufstehen, denn wir werden bereits um 8 Uhr von Maxim, unserem russischen Fahren mit einem Minibus abgeholt. Zuerst geht es auf guter, dicht befahrener Straße durch eine ebene landwirtschaftlich genutzte Landschaft Richtung Nordosten. Später lässt der Verkehr nach, wir müssen öfters halten, weil Kühe auf der Straße sind, die nur sehr träge bereit sind, uns durch zu lassen. Es wird gebirgiger. Auf einer Passhöhe machen wir Halt an einer Art Raststätte. An mehreren Ständen bereiten mongolisch erscheinende Frauen warme Mahlzeiten vor und laden uns lebhaft zum Essen ein. Wir erstehen fleischgefüllte Teigtaschen und Pfannkuchen mit Walderdbeeren, sehr lecker. Bäume, die mit bunten Tüchern bewickelt sind, machen uns darauf aufmerksam, dass wir in einer schalmanisch orientierten Gegend sind. Später erfahren wir, dass man an solchen Bäumen etwas hinterlassen soll, um das Schicksal gewogen zu machen. Jetzt verstehen wir auch, weshalb überall kleine Münzen herum liegen. Auf keinen Fall darf man sie aufheben, denn dann bekommt man die Probleme aufgeladen, die der Münzwerfen mit seinem Opfer loswerden wollte!
Nach zwei Stunden geht die Straße in eine Schotterpiste über, die wegen ihrer Rillen nur langsam befahren werden kann. Maxim kennt aber viele parallel verlaufende Schleichwege, die er gnadenlos herunterheizt. Endlich kommen wir an der Autofähre an, die uns nach Olchon übersetzt. Auf der Insel geht es noch einmal eineinhalb Stunden auf sandigen Pisten weiter, bis wir endlich bei Nikita ankommen. Nikita ist ein freundlicher, etwa fünfzigjähriger ehemaliger Tischtennis-Weltmeister. Zu unserer Überraschung handelt es sich um ein Feriendorf aus modernen, zum Teil skurril und filigran gestalteten Holzhäusern, in dem sich ein buntes Völkchen tummelt. Dabei sind vorwiegend Engländer, Franzosen und Russen, die Deutschen sind zum Glück nicht in der Mehrheit. Beim Personal handelt es sich um junge englisch sprechende Leute. Wir bekommen zwei benachbarte Zimmer im Erdgeschoss eines zweistöckigen, aus hellem Kieferholz errichteten Gebäudes, eng aber gemütlich. Das Klo ist leider eine Chemietoilette in einem Vorraum, die einen üblen Geruch verbreitet, Duschen, ebenfalls recht einfach, sind in einem eigenen Haus. Die Mahlzeiten – wir haben Vollpension gebucht – bekommen wir in einem großen als Jurte gestalteten Essraum, wo nach Jugendherbergsart das Essen auf den Teller geschaufelt wird. Bei jeder Mahlzeit ist Omul, der berühmte Baikalfisch, in irgendeiner Form dabei, außerdem gibt es Suppe und Nachtisch. Nebenan ist ein französisches Bistro mit „french cuisine“, wo es tatsächlich französische Spezialitäten zu kaufen gibt. Zu den Annehmlichkeiten zählt auch eine kostenlose Banja, die man für je zwanzig Minuten vorbestellen kann, außerdem gibt es eine Sauna, einen Wäscheservice und die Möglichkeit, sich bei verschiedenen Aktivitäten (Exkursionen per Bus oder Boot, Reiten) anzumelden.

Felsen auf Olchon

Felsen auf Olchon

Da das Wetter sehr schön geworden ist, entscheiden wir uns für einen Strandtag. Gleich hinter Nikitas Anwesen zeigt sich ein phantastisches Panorama: steil in den See abstürzende Felsen, darin eingebettet ein kleiner Kieselsteinstrand.

Badebucht

Badebucht

Das Ganze ist umgeben von viel Pinienwald auf durchweg sandigem Boden. Rinder laufen frei herum. Die gegenüberliegende Küstenlinie ist gebirgig. Die nackten Felsen leuchten in einem bläulichen Licht. Nach Norden hin erstreckt sich ein paar Kilometer langer Sandstrand, dahinter wird wild gezeltet.

Klar aber kalt!

Klar aber kalt!


Angeblich ist der Baikal zu kalt zum Baden. Wir werden angenehm überrascht: es ist nicht gerade Mittelmeertemperatur, aber es lässt sich gut aushalten. Das Wasser ist völlig klar und schon nach wenigen Metern sehr tief. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, das Wasser zu trinken, in dem man schwimmt, aber der Baikal hat trotz aller Einleitungen beste Trinkwasserqualität, und so probiere ich es. Schmeckt wie unser Kieler Leitungswasser, wunderbar!

Sonnenuntergang am Baikal

Sonnenuntergang am Baikal

Nach dem Abendessen klettern wir auf das Steilufer, um den wolkenlosen Sonnenuntergang hinter dem Gebirge am Westufer zu genießen. Hinterher treffen wir tatsächlich Eveline und Jens wieder, deren Weg sich seit Travemünde mehrfach mit unserem gekreuzt hat. Es gibt viel zu erzählen. Die Beiden sind ohne jede Buchung und ultralowbudget unterwegs. Jetzt haben sie sich ein Zelt gemietet, aber als es schon dunkel ist, nehmen sie Tessas Angebot, bei ihnen im Zimmer zu übernachten, gerne an . Nach Mitternacht klettern wir noch einmal auf den Felsen und lassen den prachtvollen Sternhimmel auf uns wirken.
17. August

Tessa, Ben, Eveline und Jens unternehmen eine Tageswanderung. Wir beiden Alten begnügen uns mit einem zweistündigen Spaziergang in den Wald, dem der Dorffriedhof vorgelagert ist. Die reich geschmückten Gräber sind einzeln mit einem Zaun umgeben, wohl um den Zutritt von Rindern zu verhindern. Uns fällt auf, dass viele Männer schon im Alter von 20 bis 30 Jahren gestorben sind. Ob das auch auf Alkoholismus zurück zu führen ist? Im Verlaufe des Spaziergangs fällt uns die enorme Vermüllung der Landschaft auf. Nicht nur im Ort, wo offenbar jeder alles einfach fallen lässt, sondern auch im Wald, liegen jede Menge Plastikflaschen und andere Verpackungen herum, auch Autowracks werden einfach irgendwo entsorgt. Am Nachmittag begegnen wir drei deutschen Frauen, Christiane, Anne und Kirsten, die voller Entsetzen bei ihrem Waldspaziergang eine kilometergroße Fläche entdeckt haben, die knietief mit Abfall übersät ist. Angeblich gibt es auf Olchon seit zwei Jahren Müllabfuhr, aber es braucht vor allem ein Umdenken beim Umgang mit der Natur dieses russischen Nationalheiligtums.
Vor dem Abendbrot gönnen wir uns noch eine Banja. Hinterher sitzen wir stundenlang mit den drei Frauen zusammen, die jede für sich enorme Weltreiseerfahrung haben und sich erst bei dieser Reise zusammen gefunden haben (bei Frau Knop gebucht!) und deren Wege sich an verschiedenen Stationen trennen werden. Christiane zum Beispiel hat im Frühjahr ihren Job gekündigt, ist schon seit Juni unterwegs und will noch ein Jahr bis nach Alaska auf Tour sein.
18.August
Zum Frühstück gibt es immer Porridge, Spiegeleier und Pfannkuchen. Tessa und Ben machen heute eine Exkursion zur Nordspitze, wir haben wieder Zeit für eine kleinere Wanderungen. Am Vormittag laufen wir entlang des Strandes nach Norden bis durch einen bewaldeten Felsen der Weg versperrt wird. Unterwegs viele Familien, die dort Zelturlaub machen, dazwischen aber viel Platz.

Treffen am Baikalstrand

Treffen am Baikalstrand

Ein freundlicher Russe , Igor, spricht uns an, und lässt sich mit uns fotografieren.. Hinter dem Felsen hat sich eine Sanddüne gebildet. Hier ist die Natur noch unverschmutzt. Am Nachmittag holen wir uns einen leichten Sonnenbrand am Strand. Abends erklimmen wir einen Hügel, der knapp zwei Gehstunden entfernt ist. Dazu müssen wir durch den Müllwald, werden aber durch einen herrlichen Blick entschädigt. Die Vegetation auf den mageren Wiesen ist etwas alpin, wir finden Enzian und Edelweiß. Nach dem Abendessen bekommen wir Besuch von zwei jungen Frauen aus Berlin, Hille und Kathrin, die schon viel in der Welt herumgekommen sind, und uns Tipps und Keepoffs für Südostasien mitgeben. Es bringt Spaß, hier fern der Heimat auf Deutsche zu treffen, die mitteilsam und offen sind und so gar nicht dem Bild entsprechen, das man von deutschen Touris im Ausland hat.

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4 Kommentare

  1. Manke said,

    Zum Bild “ kalt aber klar!“

    Es ist dem Fotografen gelungen das scheue und seltene Hochwild der Baikalrobben zu fotografieren.

    • barreoptuur said,

      Haha. Ich hoffe, die Baikalrobbe ist gut in Tokyo eingetroffen? Hat wirklich Spass gemacht, mit eurem Nachswuchs zu verreisen!

  2. Helga Fernau said,

    Hallo ihr beiden, es ist immer wieder schön von Euch zuhören und zu lesen. Ich persönlich bin Euch auf den Spuren und hoffe der Bericht wird mal ein Büchlein. Alles Liebe in Berlin sind heute nur +6 ° C also genießt die Wärme
    Helga 21.10.09

  3. MARTINA said,

    Liebe Doro und Axel,
    wir lesen mit Vergnügen Eure Berichte und beneiden Euch um die Sonne und Wärme. Hier wird es herbstlich frisch, bald glüht der Ofen. Manke jagd Wildschweine,
    Tessa ist nach Köln übergesiedelt, ihr gefällt das Studium bis jetzt sehr gut.
    Die letzten 3 Tage haben wir ihre Wohnung flott gemacht. Ben hat sehr schöne Wüste Gobi- Bilder in einer Collage dokumentiert,. das ist für Euch jetzt schon lange her.
    Bleibt gesund und genießt die Zeit, danke für Axels Anruf,
    liebe Grüsse aus der Heimat,
    Martina

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