Ein Tag in einem siberischen Dorf

August 17, 2009 at 7:38 am (Uncategorized)

Garten in Birjusa

Garten in Birjusa

14. August
Valentinas Garten ist ein Blumenmeer. Zum Frühstück bekommen wir gebratene Spiegeleier, Tomaten mit einer leckeren Sahnecreme, Brot, Butter und Honig. Der Hit ist eine Himbeermarmelade, die maneinfach so wegnaschen könnte. Um halb elf werden wir von Tatjana, der Englischlehrerin des Dorfes, herumgeführt. Sie erzählt, dass die Perestroika für die Bevölkerung ein Einschnitt war, der zunächst nur negativ wahrgenommen wurde. Plötzlich musste für alles, was früher vom Staat vergeben wurde, teuer bezahlt werden. Die Kosten für Wohnungen stiegen dramatisch, viele verloren ihren Arbeitsplatz. In der Folge hat der Alkoholismus wohl extrem zugenommen. Wie sie selbst auch, sind viele Frauen dadurch früh zu Witwen geworden und es gibt kaum ältere Männer. Birjusa hat 300 Einwohner, die in pittoresken Holzhäusern mit bunten Fensterläden wohnen. Viele Häuser sind mit ausgedienten Eisenbahnschwellen gebaut. Tatjana erzählt uns, dass im Winter, der bereits im Oktober zu Schnee führt, die Temperaturen oft auf 40 bis 50 Minusgrade sinken, was aber als weniger unangenehm als der nasskalte April empfunden wird. Dann kommt es häufig zu Überschwemmungen, da der Fluss Birjusa das Schmelzwasser nicht schnell genung abtransportieren kann. Aus diesem Grund wurde die Brücke am Ende des Dorfs weggesprengt, Ersatz dafür gibt es nicht. Viele Einwohner halten etwas Vieh und betreiben Gartenbau zur Selbstversorgung. Kälber und Gänse laufen auf der Straße herum.
Mittags bringt uns Valentina zum Fluss, wo Wenja bereits auf uns wartet. Wir werden mit Schwimmwesten versehen und besteigen ein kleines Aluminiumboot mit Außenborder. Er will zunächst nicht anspringen, verleiht dann aber dem Bötchen eine rasende Geschwindigkeit.
Auf der Birjusa

Auf der Birjusa

Die Birjusa ist ein klarer schnellfließender ca 100m breiter Fluss mit vielen Buchten, Mäandern und Nebenflüssen. Ein ins Wasser ragender Baumstamm markiert mehrfach Reusen, aus denen Wenja kleine Fische entnimmt. Nach einigen Kilometern flussabwärts legt er in einem kleinen Seitenarm an: Picknick Obwohl wir uns eingeschmiert haben, stürzen sich die Moskitos sofort auf uns. Zum Glück sind ihre Stiche kaum zu merken und hinterlassen keine Spuren. Unter einem Dreibein wird ein Feuer entfacht.
Picknick!

Picknick!

Dorothea schält und schneidet Kartoffeln in kleine Stücke und hackt mitgebrachte Kräuter. Derweil nimmt Wenja die Fische aus. Als die Kartoffeln gar sind, werden die Fische kurz mitgekocht. In die Suppe kommt es Klacks Sahne, herrlich! Hinterher gibt es Kekse mit der Himbeermarmelade und „Vitamin“, Tee, den Wenja aus frisch gerupften Kräutern bereitet. Leider isst er selbst erst später und schickt uns auf einen Spaziergang entlang des einzigen Trampelpfads, den es hier gibt!
Daheim bei Valentina müssen wir erst mal eine Runde schlafen, dann wartet schon das nächste Essen auf uns: Pelmini (hackfleischgefüllte Teigtaschen) in fetter Dillbrühe. Zum Schluss gehen wir in die „Banja“, ein Zwischending zwischen Badezimmer und Sauna.Ein Holzofen hat einen Riesenbottich Wasser erhitzt, dessen Dampf den Raum erfüllt. Nun mischt man in großen Aluschüsseln heißes und kaltes Wasser, mit dem man sich übergießt. Hinterher fühlen wir uns sauber und erfrischt. Um elf Uhr fährt uns Alexej zurück zum Bahnhof. Über die Gleise steigen wir auf den richtigen Bahnsteig, bald fährt der Zug ein. Aus irgend einem Grund ist die Schaffnerin nicht auf uns vorbereitet und muss unser Abteil erst herrichten. Dann versucht sie uns klar zu machen, dass etwas mit unseren Fahrkarten nicht stimmt. Biljet haben wir, aber Bilju will sie haben. Im Laufe der Nacht werden die Fahrscheine mehrfach hin- und zurückgegeben. Beim Aussteigen muss ich zur Oberschaffnerin im letzten Wagen gehen, wo ein Mitreisender eine heftige Diskussion mit ihr führt, ob wir einen Stempel bekommen oder nicht. Schließlich bekomme ich die Fahrkarten mit Stempel zurück, wofür auch immer.

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1 Kommentar

  1. Gunther Otto said,

    Lieber Axel,
    wir lesen mit viel Vergnügen Deine humorigen und anschaulichen Berichte. Du hast wirklich das Zeug zum Schriftsteller! Manches erinnert mich an meine früheren Russland-Aufenthalte.
    Wir sind gespannt auf die Fortsetzung und die Bilder.
    Vielen Dank noch mal an Dich, Dorothea – das Navi hat gut gehalten.
    Wir wünschen Euch einen weiteren glücklichen Verlauf der Reise!
    Gunther und Hanne.

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